"Weiter Raum".

Der Theologe Jürgen Moltmann hat sein Leben aufgeschrieben.

Mit der „Theologie der Hoffnung“ wurde er 1964 berühmt und inspirierte Christen in aller Welt. In diesem Jahr wurde er 80 Jahre alt und zur Buchmesse legt er jetzt seine Autobiografie vor: Der Evangelische Theologe Jürgen Moltmann. Er ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Theologen seiner Generation. Der Glaube an Gott stehe für Hoffnung auf eine neue Welt, die schon jetzt im Diesseits beginne, und keine Vertröstung auf das Jenseits sei, so seine Botschaft seit den 60er Jahren. Der Grund für seine Theologie liegt in Moltmanns Lebenserfahrungen. Christoph Fleischmann hat die Lebensgeschichte gelesen und mit Jürgen Moltmann darüber gesprochen.

Als Hamburg im Juli und August 1943 von britischen Flugzeugen bombardiert und zerstört wurde, stand der siebzehnjährige Jürgen Moltmann als Flakhelfer an der Alsterbatterie. In einer Nacht dieser sogenannten „Aktion Gomorrha“ starb sein Freund neben ihm, da habe er zum ersten Mal nach Gott gefragt.

O-Ton 1
Was [...] mich bewegt hat seit Ende 1943 als diese Bombe da auf unsere Flakstellung fiel und der neben mir stand, davon zerrissen wurde und ich wieder aufstand, dass ich mich gefragt habe: „Warum bin ich nicht tot? Warum leben ich?“ Und auf diese Frage wollte ich versuchen eine Antwort zu geben mit meinem Leben und auch mit der Darstellung meines Lebens.

Moltmann kam dann in britische Gefangenschaft; dort begann er zum ersten Mal in der Bibel zu lesen, wie er berichtet, später entschied er sich für ein Theologiestudium. 1958 wurde er Professor an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal, später an der Universität in Bonn. In dieser Zeit schrieb Moltmann sein Werk, das ihn berühmt machte: Die „Theologie der Hoffnung“. Angeregt und fasziniert hatte ihn „Das Prinzip Hoffnung“ des marxistischen Philosophen Ernst Bloch. Mit ihm teilte Moltmann die Hoffnung auf positive Veränderungen in der Welt, aber er ging auch über Bloch hinaus:

O-Ton 2
Die Theologie der Hoffnung war der Versuch, das Prinzip Hoffnung von Ernst Bloch das eine Säkularisierung der jüdisch-christlichen Hoffnung darstellt im marxistischen Sinne, wieder auf die theologischen Ursprünge zurück zu führen. Und der Punkt um den es dabei geht, ist der Tod. [...] So lange der Tod bleibt, solange können Menschen nicht endgültig zu Hause sein. Darum habe ich versucht in der Theologie der Hoffnung die christliche Hoffnung wieder zu erwecken als eine Hoffnung auf Auferstehung, als Überwindung des Todes.

Mit seinem Buch spiegelte und befeuerte Jürgen Moltmann die Aufbruchsstimmung der 60er Jahre in Kirche und Gesellschaft. Es folgte ein Ruf an die Universität nach Tübingen – und Einladungen in alle Welt. Ein guter Teil seiner Autobiografie ist der Schilderung der Reisen gewidmet, die Moltmann unternahm. Er begegnete Christen in aller Welt und deren Sicht nach Deutschland vermittelt – so hat er zum Beispiel die lateinamerikanische Befreiungstheologie unterstützt und kritisch begleitet; ein einsames Geschäft innerhalb der Schar der Universitätstheologen:

O-Ton 3
Es hat sich in der deutschen Theologie eigentlich nichts geändert: Über Befreiungstheologie, zum Beispiel, aus Lateinamerika, da gibt es in der evangelischen Theologie vielleicht fünf oder sechs, die das überhaupt gelesen haben. Der Rest sagt: „Ach, so was Exotisches. Beschäftigen wir uns lieber mit Luther oder mit Thomas von Aquin oder Augustin.“ [...] Das ist doch absurd. Man beschäftigt sich in der deutschen Theologie mit den Kirchenvätern – die Mütter haben wir sowieso schon wieder vergessen – aber mit den Schwestern und Brüdern in anderen Ländern überhaupt nicht. Die kennt man auch gar nicht.

Aber so etwas sagt er nur im Gespräch; im Buch findet sich keine Kollegenschelte. Moltmann blickt dankbar auf sein Leben und Denken zurück: Seit Anfang der 80er Jahre hat er die alte Trinitätslehre neu entdeckt und in sechs ausführlichen Monografien die großen Themen der Theologie aus seiner Perspektive behandelt. Ein Lebenswerk, das kaum ein anderer seiner Generation vorweisen kann. Es habe ihm Spaß gemacht sein Leben aufzuschreiben, meint er im Nachwort seiner Autobiografie; sie führt verständlich in die Themen von Moltmanns Theologie ein und zeigt das private wie gesellschaftliche Erleben, das so eine Theologie möglich gemacht hat.

O-Ton 4
Und sonst: Wenn Leben ein bisschen ansteckend wirken kann, dann hoffe ich, dass das ein bisschen anstecken wirkt, um Menschen neugierig aufs Leben zu machen, dass sie mehr Lust auf Leben kriegen.
 
 
Das Buch von Jürgen Moltmann heißt „Weiter Raum. Eine Lebensgeschichte“; ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus, hat 416 Seiten und kostet 29,95 Euro.

Blickpunkt Diesseits / NDR Info / 24.9.2006


Stichworte:
Moltmann, Theologie