Gesundwerden durch den Geist?
Abdelwahab Meddeb diagnostiziert die "Die Krankheit des Islam".
In dem Video vom 7. Oktober 2001 sprach Osama Bin Laden von achtzig Jahren des Unglücks, der Entrechtung und der Verlassenheit der Moslems. Er bezog sich damit auf die endgültige Abschaffung des Kailfats durch Kemal Atatürk im Jahr 1924: Die Trennung von Staat und Religion nach westlichem Vorbild. Diese Trennung nicht anzuerkennen, ist für Meddeb der Kern des Fundamentalismus, der islamischen Krankheit.
Deswegen sieht er die Notwendigkeit, dass die islamische Kultur die europäische Aufklärung des 17. und 18. Jahrhundert nachholen müsse. Seit dieser Zeit sei die ehemals dem Westen überlegene moslemische Kultur ins Hintertreffen geraten. Die vereinzelten Versuche, moslemische Gesellschaften nach westlichem Vorbild zu gestalten, wie z.B. in der Türkei und in Tunesien zu Beginn des letzten Jahrhunderts, hält Meddeb für Rohrkrepierer. Der aus dem arabischen Raum geerbte Despotismus habe eine umfassende Demokratisierung verhindert. Freilich hätten auch die westlichen Kolonialherren während und nach der Kolonialzeit die Demokratisierung der moslemischen Ländern eher bekämpft als gefördert. Bis heute verursache das Messen mit zweierlei Mass antiwestliche Ressentiments unter vielen Moslems. Aber Meddeb ist viel zu stolz, um dem Westen oder Amerika die Hauptschuld an der islamischen Krankheit zu geben. Die amerikanische Außenpolitik, die z.B. beharrlich das antidemokratische und fundamentalistische Regime in Saudi-Arabien protegiert, zählt für ihn nur zu den „äußeren Gründen“ der Krankheit des Islam.
Und so führt der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Abdelwahab Meddeb seine Leserinnen und Leser in einer sehr eleganten Prosa durch die Geistesgeschichte des Islam: zu den Ahnvätern des Fundamentalismus genauso wie zu denen, die gegen diese Interpretation ihrer Religion aufbegehrt haben und stattdessen zu einer Kultur der Offenheit und Sinnenfreude beigetragen haben. Das ist beeindrucken und schön – und für die europäischen Leser auch sehr lehrreich – zu lesen. Am Ende seines Buches entwirft Meddeb schließlich die Vision einer Brücken-Kultur, die der in Paris lebende Tunesier selbst zu leben versucht, eine Kultur der unvoreingenommenen Begegnung und gegenseitigen Bereicherung.
Ein hohes Ziel, denn nur die wenigsten werden mit Kant und Baudelaire einerseits und Averroes und ´Abd ar-Raziq andererseits genauso vertraut sein wie Meddeb. Und die wenigsten Menschen aus arabischen Ländern haben eine so privilegierte Stellung wie Meddeb in Paris. Und für die Moslems, die Demütigungen nicht in kreative Energie umwandeln können, hat Meddeb nach eigenem Bekunden kein Verständnis. Der Aristokrat bleibt lieber unter seinesgleichen.
Zudem macht die Geschichte des Westens es fraglich, ob der Islam wirklich durch eine Revolution des Geistes geheilt werden kann. Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat eben noch nicht zur völligen Trennung von Religion und Politik geführt. Fast immer waren dafür politische Umwälzungen erforderlich. In Deutschland wurde zum Beispiel die Einheit von Thron und Altar erst mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beendet – und das nicht durch aufgeklärte Intellektuelle, sondern durch die Tatsache, dass der Kaiser von den Siegermächten ins Exil geschickt wurde. Mit anderen Worten: Vielleicht ist für die Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus doch die politische und wirtschaftliche Lage in den moslemischen Ländern entscheidender als ein rigider Rechtsgelehrter aus dem 18. Jahrhundert. Denn der Buchstabe der Religion ist – wie Meddeb richtig sagt – an vielen Stellen doppelgesichtig: Er bietet sich für eine fundamentalistische und für eine menschenfreundliche Interpretation an. Und es hat immer beide Arten der Interpretation gegeben. Welche aber vorherrschend geworden ist – das sollte die Anhänger aller Religionen bescheiden machen – hatte vermutlich oft mehr mit der politischen Machtverhältnissen zu tun, als mit der inneren Dynamik der jeweiligen Religion.
Abdelwahab Meddeb, Die Krankheit des Islam. Aus dem Französischen von Beate und Hans Thill, Heidelberg (Das Wunderhorn) 2002 (256 S., 28,80 €).
Kommune / Dezember 2002



