Den Orden wegwerfen und behalten.

Rezension zu vier Biografien über John F. Kerry.

Wohl kaum ein amerikanischer Präsident ist hierzulande so unbeliebt gewesen wie der derzeitige Amtsinhaber George W. Bush. So verwundert es nicht, dass auf seinem Herausforderer bei der Präsidentschaftswahl am 2. November große Hoffnungen ruhen. Ein Indiz dafür sind die Untertitel der Bücher, die gut drei Monate vor dem Wahltag auf deutsch über John Kerry erschienen sind: „Kandidat gegen Bush“, „Eine neue Politik der Weltmacht USA?“, und: „Wird Amerika wieder demokratisch?“

Vor seinem überraschenden Sieg bei den Vorwahlen zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten war der große Mann aus Massachusetts in Deutschland quasi unbekannt. Dabei gehört er in seiner Heimat seit 20 Jahren zum nationalen Politik-Establishment. Bereits 1971 gewann er USA-weit Aufmerksamkeit, als er als Sprecher der „Vietnam-Veteranen gegen den Krieg“ in einer Anhörung des Senats auftrat und fragte: „Wie können sie von einem Mann verlangen, als Letzter für einen großen Irrtum zu sterben?“ Bei der Anhörung war der ehemalige Vietnam-Kämpfer mit all seinen Kriegsorden geschmückt. Einen Tag später warf er mit seinen protestierenden Kameraden seine Orden über den Zaun des Kapitol – zumindest sah das für die Kameras so aus. In Wirklichkeit warf er, wie er später zugab, nur seine Ordensbänder fort und die Orden von zwei Kameraden; die eigenen Auszeichnungen behielt er – wer weiß, wozu sie ihm noch nutzen können. Sie konnten ihm nutzen. Bis heute kann Kerry sich wahlweise als besonnener Mahner vor leichtfertigen Kriegseinsätzen oder als tapferer Soldat, der seine Pflicht getan hat, stilisieren. Die Episode scheint paradigmatisch zu sein: Kerry war in seinem politischen Engagement immer schon sehr auf seine Außenwirkung bedacht. Dem hat er sich angepasst. Und noch etwas Typisches scheint in diesen frühen Jahren auf: John Kerry will hoch hinaus: Bereits 1972 kandidierte der 28-jährige – wenn auch erfolglos - für einen Sitz im US-Repräsentantenhaus. Aber schließlich brachten Opportunismus und Ehrgeiz den Vietnamkriegsgegner dahin, wo man Wahlen gewinnt: In die politische Mitte. Ohne Beschönigungen und wohltuend sachlich zeichnen die drei Reporter des Boston Globe, Michael Kranish, Brian Moore und Nina Easton, das Leben von Kerry nach: Seine Jugend in Europa und in Neuengland, das Studium in Yale, den kurzen Kriegseinsatz in Vietnam, seine politischen Ambitionen, die ihn 1982 zum Vizegouverneur von Massachussetts machten und 1984 zur Wahl in den US-Senat führten, seine politischen Verdiensten um die Aufklärung des Iran-Contra-Skandals und die Aussöhnung mit Vietnam bis hin zum den taktischen Volten des demokratischen Vorwahlkampfes 2004. Zwar musste dieses Kerry-Buch, wie alles anderen Kerry-Bücher, schnell geschrieben werden. Das merkt man ihm aber nicht an, da die Boston Globe-Reporter auf Vorarbeiten und gute Kenntnisse „ihres“ Senators aus Massachusetts zurückgreifen konnten.

Sehr viel knapper, aber durchaus konzise und prägnant zeichnen auch die beiden Journalisten der Berliner Zeitung, Jochen Arntz und Holger Schmale, Kerrys Lebensweg nach. Daneben haben Arntz und Schmale aber auch Kerrys Buch A Call to Service – My Vision For a Better America ausgewertet. Es macht sich immer bezahlt, Bücher von Politikern vor Ihrer Wahl zu lesen. Darin wird deutlich, dass der amerikanische Hegemonialanspruch nicht eine verrückte Nummer der regierenden Neocons ist, sondern dass man ohne diesen Anspruch offensichtlich keine Wahl in Amerika gewinnen kann: „Amerika erhebt den in der Menschheitsgeschichte seltenen Anspruch, dass seine Interessen und die der Welt eins seien. Ich akzeptiere vollkommen die moralischen Herausforderungen und die militärische Verantwortung, die mit diesem Anspruch einhergeht.“ So der demokratische Präsidentschaftskandidat John F. Kerry! Seine Kritik an der Außenpolitik von George W. Bush ist darum auch keine grundsätzliche – wie, dass Bush das Völkerrecht missachte – sondern nur eine am Stil des derzeitigen Amtsinhabers: Er kritisiert, dass Bush den „strategischen Imperativ“ vergessen habe, auch die westlichen Demokratien im Interesse Amerikas zu führen: „Mit Hilfe der internationalen Institutionen zu arbeiten, bindet uns nicht die Hände. Es gibt unseren Zielen eine größere Legitimation, bringt uns entscheidende Unterstützung und dämpft die Ressentiments, die Großmächte unausweichlich wecken.“ Zu deutsch: Bush hat zu deutlich gesagt, das er nur amerikanische Interessen vertrete und die anderen Länder ihm egal seien; es wäre aber nach Kerry besser gewesen, den europäischen Verbündeten das Gefühl zu geben mitspielen zu dürfen. So könne man effektiver die eigenen Interessen durchsetzen, die ja glücklicherweise die der ganzen Welt sind. Man muss es offen sagen: Mit einem Präsidenten John Kerry wird zwar ein anderer Stil in die amerikanische Außenpolitik einkehren - immerhin spricht Kerry fließend französisch - aber wer eine Abkehr von der amerikanischen Hegemonialpolitik erwartet, wird sicher enttäuscht.

Auch zwei andere transatlantische Reizthemen – die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls und die Anerkennung des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag – wird ein Präsident Kerry nicht im Sinne der Europäer lösen. Wolfgang Koydl weist in seinem Kerry-Buch auf die Grenzen der präsidialen Macht hin: Beide Vertragswerke standen schon zur Zeit von Präsident Bill Clinton zur Unterschrift an. Clinton hat sie aber nie dem Kongress vorgelegt, weil er wusste, dass er dort keine Mehrheit dafür finden würde. Das gelte wohl auch für einen Präsidenten Kerry. Wolfgang Koydl, USA-Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung, erklärt seinen deutschen Lesern das politische System in Amerika. Er schreibt gegen den gedankenlos grassierenden Antiamerikanismus, wonach die amerikanische Demokratie zur Oligarchie der Superreichen verkommen sei. Koydl verweist auf den gegenüber der Regierung sehr unabhängigen Kongress, der weniger von Fraktionsdisziplin beherrscht sei als der deutsche Bundestag. Das System der Vorwahlen garantiere allemal eine höhere Bürgerbeteiligung als das Auskungeln von Kandidaten in Parteigremien - oder gar das Aussuchen des Staatsoberhauptes in privaten Wohnzimmern. Geldspenden seien zwar enorm wichtig für den Wahlkampf, aber wesentlich transparenter als in Deutschland. Und die geringe Wahlbeteiligung sei ein Resultat der enorm hohen Zahl von Wahlen, die das amerikanische System seinen Bürgern zumutet. In der Tat besteht überhaupt kein Anlas zu Hochmut in good old Europe, was die Qualität der demokratischen Kultur angeht. Trotzdem bleiben Koydls Erklärungen zu den Wahlkampfspenden, die immer wahlentscheidender werden, und der geringen Wahlbeteiligung bei der wichtigsten Wahl in vier Jahren unbefriedigend.

Ebenso bleiben sowohl in Koydls Buch, wie auch in dem von Arntz und Schmale, die innenpolitischen und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des Kandidaten Kerry unterbelichtet. Hier hilft das Buch der Wirtschaftsjournalistin Christiane Oppermann weiter: Sie präsentiert neben einer kurzen Kerry-Biografie eine - wenn auch lückenhafte - politische und wirtschaftliche Bilanz der Regierung Bush und markiert damit das Erbe, das ein neuer Präsident anzutreten hätte. Kerry will die Senkung des Spitzensteuersatzes durch Präsident Bush rückgängig machen – ein wesentlicher Grund für den Anstieg des astronomischen Haushaltsdefizites unter Bush. Außerdem will Kerry das jobless growth dadurch bekämpfen, dass er Steuererleichterungen für Unternehmen an die Schaffung von Arbeitsplätzen in Amerika knüpft. Auch hier können Deutsche nur neidisch über den Atlantik schauen. Dort kann man in der politischen Mitte offenbar noch Steuererhöhungen für Reiche fordern, während man bei uns bestenfalls pathetisch an die Verantwortung oder den Patriotismus von Konzernmanagern appellieren darf. Außerdem will Kerry eine sozialpolitische Jahrhundertreform: Eine Krankenversicherung für alle Amerikaner. Und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen soll verringert werden: Kerry will die Erforschung von Wasserstofftechnologie massiv fördern. Da bleibt abzuwarten, was von diesen hohen Zielen nach der Wahl übrig bleibt. Das Vorbild des wirtschaftspolitisch erfolgreichen Präsidenten Clinton tauge nur bedingt, so Oppermann zu Recht: Der Ex-Präsident profitierte vom Boom der Weltwirtschaft in den neunziger Jahren.

So gesehen werden die Europäer mit einem Präsidenten John Kerry weniger Freude haben, als sie erhoffen; dafür können die amerikanischen Bürger einige innenpolitische Innovationen erwarten - und sie sind es schließlich auch, die am 2. November wählen müssen.

Michael Kranish, Brian C. Mooney und Nina J. Easton: John F. Kerry. Der Herausforderer. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober, Annette Meyer-Prien und Henning Thies, Rowohlt Verlag Berlin 2004, 336 Seiten, geb., 19,90 €.

Jochen Arntz und Holger Schmale: John Kerry. Kandidat gegen Bush. Amerika vor der Entscheidung, Verlag Kiepenheuer und Witsch Köln 2004, 160 Seiten, kart., 7;90 €.

Wolfgang Koydl: John Kerry. Eine neue Politik der Weltmacht USA?, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt / Main 2004, 208 Seiten, kart., 7,90 €.
Christiane Oppermann: John F. Kerry. Wird Amerika wieder demokratisch?, Campus Verlag Frankfurt / Main, 240 Seiten, geb., 24,90 €.

Frankfurter Rundschau / 26.7.2004