Scott Ritter: Falke, Spion oder Friedensaktivist?
William Pitt befragt Scott Ritter zum Krieg gegen den Irak.
Bücher über ein Zeitgeschehen von Autoren, die an diesem Geschehen beteiligt waren, haben ihre Tücken: Das ist bei dem vorliegenden Interview, das der amerikanische Journalist William Pitt mit dem ehemaligen UN-Waffeninspekteur Scott Ritter geführt hat, nicht anders – nicht zuletzt deswegen, weil Pitt sich mit kritischen Nachfragen sehr zurückhält und nur die Stichpunkte liefert, damit Ritter seine Geschichte und seine Botschaft ausbreiten kann.
Die Botschaft von Ritter, der von 1991 bis 1998 ranghoher UN-Waffeninspekteur im Irak war, ist freilich spannend: Es gebe keinerlei Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Irak nach dem Abzug der UN-Waffeninspekteure Ende 1998 unbemerkt welche beschafft habe, sei gering einzuschätzen – zumindest würden Vermutungen darüber keinen Krieg rechtfertigen. Das klingt plausibel, wenn man bedenkt, dass keine der kriegtreibenden Parteien je hieb- und stichfeste Beweise für das Waffenpotenzial vorgelegt hat. Von denen, die einen Angriff auf den Irak forcieren, wird darum oft mit der bloßen Möglichkeit einer Bedrohung argumentiert. In die weißen Flecken kann jeder hineinlesen, was ihm gefällt. So weit, so plausibel.
Weniger plausibel aber wird das Ganze, wenn man weiß, dass der ehemalige US-Marine Scott Ritter im August 1998 den Dienst bei der UNSCOM quittiert hat, weil die amerikanische Regierung nicht energisch genug gegen Saddam Hussein vorgehe. Wenige Monate nach seinem Rücktritt befürwortete Ritter einen Militärschlag, um Hussein zu töten und meinte, sobald ein effektives Inspektorenteam demontiert sei, werde der Irak innerhalb eines halben Jahres in der Lage sein, seine nuklearen und chemischen Waffen und ballistische Trägersysteme wieder herzustellen. Wurde aus dem Saulus ein Paulus? Pitt versäumt es, Ritter mit seinen früheren Aussagen zu konfrontieren. Für Mariam Lau sind sie der Ausweis der Unglaubwürdigkeit Ritters (Die Welt vom 16. November 2002). Aber das könnte zu kurz gegriffen sein. Gegenüber dem Journalisten David Asman von Fox News erklärt Ritter, dass es ihm immer um die optimale Arbeitsfähigkeit der UN-Waffeninspekteure gegangen sei, für deren erneute Entsendung er auch in diesem Jahr bei der irakischen Regierung geworben hat. In der Tat kann das der gemeinsame Nenner seiner widersprüchlich klingenden Aussagen sein. Denn er hat nachweislich harte Kontrollen durchgeführt. Diese sah er einerseits durch die Schaukelpolitik der Regierung Clinton gefährdet und andererseits durch Versuche des CIA die UNSCOM zur Spionage zu missbrauchen.
Im Interview mit Pitt ereifert sich Ritter darüber, dass der ehemaliger Chef der UN-Waffeninspekteure, Richard Butler, diesen Bestrebungen des CIA nicht energisch genug entgegen getreten sei. Vielmehr, so Ritter, habe der Australier Butler in Absprache mit der US-Administration das Ende der Kontrollen provoziert, und damit den Amerikanern einen Anlass zur erneuten Bombardierung des Irak im Dezember 1998 geliefert. Eine wichtige Erinnerung, wenn man bedenkt, dass die US-Regierung schon wieder Argumente und Anlässe sucht, die irakische Regierung als Resolutionsbrecher darzustellen, um einen Waffengang zu legitimieren.
Genauso wichtig und aktuell ist das Thema UN-Kontrollen und Spionage: In der Tat gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen den UN-Kontrolleuren und verschiedenen Geheimdiensten. Letztere haben den UN-Inspekteuren einerseits Informationen zur Verfügung gestellt und andererseits geholfen, Material, dass die UNSCOM gesammelt hatte, zu decodieren. Scott gibt unumwunden zu, dass in seinen Inspektionsteams CIA-Leute mit dabei waren. Darin sieht er offensichtlich kein Problem - und Pitt versäumt es einmal mehr nachzufragen, ob nicht auch Ritter als ehemaliger US-Nachrichtenoffizier sich der Spionage mitschuldig gemacht habe. Inzwischen ist einiges zu dem aggressiven und zugleich stümperhaften Vorgehen des CIA bekannt. Ritters Aussagen sind dabei zwar eine wichtige, aber eben nur eine der Quellen, die dazu erkennbar von persönlichen Interessen und Animositäten mitbestimmt ist. Für Ritter spricht aber immerhin, dass er sich im Gegensatz zu Richard Butler sehr offen in die Diskussion um einen neuen Irak-Krieg einbringt und Nachfragen nicht scheut. Auch der UN würde es gut zu Gesicht stehen, sich zu diesem Thema etwas offensiver zu verhalten, nachdem sie nach der letzten gescheiterten Mission zugeben mussten, dass „UNSCOM in Verletzung ihres Mandates den USA direkt den Aufbau eines Systems zum Sammeln von Geheimdienst-Informationen ermöglicht hat.“
Statt hier aufzuklären, befragt Pitt den ehemaligen Inspekteur zu den politischen Gründen für den anstehenden Irak-Krieg. Hier ist Ritter wirklich nicht der entscheidende Fachmann: Seine Einschätzung, dass die Kriegspläne der US-Regierung überhaupt nichts mit Öl-Interessen zu tun hätten, wirkt angesichts der National Energy Policy der US-Regierung (www.whithouse.gov/energy/) wenig plausibel.
Scott Ritter ist eine interessante und schillernde Stimme, die in der derzeitigen Situation durchaus Gehör verdient. Ein Buch mit – oder besser über – ihn hätte aber informativer ausfallen können, als das jetzt veröffentlichte Interview.
William Rivers Pitt/Scott Ritter, Krieg gegen den Irak. Was die Bush-Regierung verschweigt. Aus dem Englischen von Bernhard Jendricke, Rita Seuß und Robert A. Weiß, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2002, 108 Seiten, € 6,90.
epd-Entwicklungspolitik / Februar 2003
Die Botschaft von Ritter, der von 1991 bis 1998 ranghoher UN-Waffeninspekteur im Irak war, ist freilich spannend: Es gebe keinerlei Beweise für die Existenz von Massenvernichtungswaffen im Irak. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Irak nach dem Abzug der UN-Waffeninspekteure Ende 1998 unbemerkt welche beschafft habe, sei gering einzuschätzen – zumindest würden Vermutungen darüber keinen Krieg rechtfertigen. Das klingt plausibel, wenn man bedenkt, dass keine der kriegtreibenden Parteien je hieb- und stichfeste Beweise für das Waffenpotenzial vorgelegt hat. Von denen, die einen Angriff auf den Irak forcieren, wird darum oft mit der bloßen Möglichkeit einer Bedrohung argumentiert. In die weißen Flecken kann jeder hineinlesen, was ihm gefällt. So weit, so plausibel.
Weniger plausibel aber wird das Ganze, wenn man weiß, dass der ehemalige US-Marine Scott Ritter im August 1998 den Dienst bei der UNSCOM quittiert hat, weil die amerikanische Regierung nicht energisch genug gegen Saddam Hussein vorgehe. Wenige Monate nach seinem Rücktritt befürwortete Ritter einen Militärschlag, um Hussein zu töten und meinte, sobald ein effektives Inspektorenteam demontiert sei, werde der Irak innerhalb eines halben Jahres in der Lage sein, seine nuklearen und chemischen Waffen und ballistische Trägersysteme wieder herzustellen. Wurde aus dem Saulus ein Paulus? Pitt versäumt es, Ritter mit seinen früheren Aussagen zu konfrontieren. Für Mariam Lau sind sie der Ausweis der Unglaubwürdigkeit Ritters (Die Welt vom 16. November 2002). Aber das könnte zu kurz gegriffen sein. Gegenüber dem Journalisten David Asman von Fox News erklärt Ritter, dass es ihm immer um die optimale Arbeitsfähigkeit der UN-Waffeninspekteure gegangen sei, für deren erneute Entsendung er auch in diesem Jahr bei der irakischen Regierung geworben hat. In der Tat kann das der gemeinsame Nenner seiner widersprüchlich klingenden Aussagen sein. Denn er hat nachweislich harte Kontrollen durchgeführt. Diese sah er einerseits durch die Schaukelpolitik der Regierung Clinton gefährdet und andererseits durch Versuche des CIA die UNSCOM zur Spionage zu missbrauchen.
Im Interview mit Pitt ereifert sich Ritter darüber, dass der ehemaliger Chef der UN-Waffeninspekteure, Richard Butler, diesen Bestrebungen des CIA nicht energisch genug entgegen getreten sei. Vielmehr, so Ritter, habe der Australier Butler in Absprache mit der US-Administration das Ende der Kontrollen provoziert, und damit den Amerikanern einen Anlass zur erneuten Bombardierung des Irak im Dezember 1998 geliefert. Eine wichtige Erinnerung, wenn man bedenkt, dass die US-Regierung schon wieder Argumente und Anlässe sucht, die irakische Regierung als Resolutionsbrecher darzustellen, um einen Waffengang zu legitimieren.
Genauso wichtig und aktuell ist das Thema UN-Kontrollen und Spionage: In der Tat gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen den UN-Kontrolleuren und verschiedenen Geheimdiensten. Letztere haben den UN-Inspekteuren einerseits Informationen zur Verfügung gestellt und andererseits geholfen, Material, dass die UNSCOM gesammelt hatte, zu decodieren. Scott gibt unumwunden zu, dass in seinen Inspektionsteams CIA-Leute mit dabei waren. Darin sieht er offensichtlich kein Problem - und Pitt versäumt es einmal mehr nachzufragen, ob nicht auch Ritter als ehemaliger US-Nachrichtenoffizier sich der Spionage mitschuldig gemacht habe. Inzwischen ist einiges zu dem aggressiven und zugleich stümperhaften Vorgehen des CIA bekannt. Ritters Aussagen sind dabei zwar eine wichtige, aber eben nur eine der Quellen, die dazu erkennbar von persönlichen Interessen und Animositäten mitbestimmt ist. Für Ritter spricht aber immerhin, dass er sich im Gegensatz zu Richard Butler sehr offen in die Diskussion um einen neuen Irak-Krieg einbringt und Nachfragen nicht scheut. Auch der UN würde es gut zu Gesicht stehen, sich zu diesem Thema etwas offensiver zu verhalten, nachdem sie nach der letzten gescheiterten Mission zugeben mussten, dass „UNSCOM in Verletzung ihres Mandates den USA direkt den Aufbau eines Systems zum Sammeln von Geheimdienst-Informationen ermöglicht hat.“
Statt hier aufzuklären, befragt Pitt den ehemaligen Inspekteur zu den politischen Gründen für den anstehenden Irak-Krieg. Hier ist Ritter wirklich nicht der entscheidende Fachmann: Seine Einschätzung, dass die Kriegspläne der US-Regierung überhaupt nichts mit Öl-Interessen zu tun hätten, wirkt angesichts der National Energy Policy der US-Regierung (www.whithouse.gov/energy/) wenig plausibel.
Scott Ritter ist eine interessante und schillernde Stimme, die in der derzeitigen Situation durchaus Gehör verdient. Ein Buch mit – oder besser über – ihn hätte aber informativer ausfallen können, als das jetzt veröffentlichte Interview.
William Rivers Pitt/Scott Ritter, Krieg gegen den Irak. Was die Bush-Regierung verschweigt. Aus dem Englischen von Bernhard Jendricke, Rita Seuß und Robert A. Weiß, Kiepenheuer und Witsch, Köln 2002, 108 Seiten, € 6,90.
epd-Entwicklungspolitik / Februar 2003



