Die Kirche und die Täter.

Rezension über einen Sammelband zur Theologie nach 1945.
Wie kann man nach Auschwitz noch an Gott glauben? Das war die Grundfrage der Theologinnen und Theologen, die in den 60er bis 80er Jahren eine „Theologie nach Auschwitz“ entwickelt haben. Auschwitz wurde zu einer Anfrage an Gott. Heute fragen junge Theologen nicht mehr: Wie konnte Gott das zulassen? Sondern: welche Christen haben Auschwitz zugelassen und vor allem: Wie haben die Christen sich nach 1945 Ihrer Mit-Schuld gestellt? In dem Buch „Mit Blick auf die Täter. Fragen an die deutsche Theologie nach 1945“ gehen drei Theologen dieser Frage nach. Christoph Fleischmann hat ihr Buch gelesen.
Der Theologe Helmuth Thielicke erzählt in seiner Autobiografie „Zu Gast auf einem schönen Stern“, die im Jahr 1984 erschien, von einem Besuch in den Internierungslagern der Alliierten:
Zitator Thielicke:
Besonders bewegte mich die Begegnung mit den Generalen in Neu-Ulm. [...] Sie erzählten mir von den Schikanen, die ihnen zugefügt wurden. [...] Ich erfuhr auch von grausamen, oft sadistischen Quälereien besonders in den SS-Lagern. Der „Kreuzzug“ der Alliierten gegen den Nationalsozialismus drohte hier seine Glaubwürdigkeit völlig zu verlieren, so dass auch solche, die sich eben vom falschen Zauber des Nazi-Regimes abzuwenden begannen, der Versuchung einer Renazifizierung erlagen.
Nochmal: Thielicke redet hier nicht von den Konzertrationslagern der Nazis, sondern von Internierungslagern der Alliierten. Hier saßen die ein, denen man Nazi-Verbrechen zur Last legte. Thielicke schient sich um ihre Situation mehr zu sorgen, als um die Situation ihrer Opfer.
In dem Band „Mit Blick auf die Täter“ untersucht der in den USA lehrende deutsche Theologe Björn Krondorfer die Autobiografien von evangelischen Theologen. Krondorfer fragt, wie darin die Zeit zwischen 1933 und 1945 erinnert wird. Das Fazit ist ernüchternd: Die Mehrzahl der Theologen hat bis in die 80er Jahre hinein an dem Mythos mitgestrickt, dass die Deutschen und damit auch sie selbst Opfer waren – erst der Nazis, dann der Bomben, dann der alliierten Besatzung. Von Schuld der Deutschen oder gar eigenem Versagen wollte kaum einer reden. Außer Martin Niemöller, der aus eigener Erfahrung wusste, wie ein Konzentrationslager von Innen aussah und deswegen schon im November 1945 schrieb:
Zitator Niemöller
Ich habe immer wieder davon gesprochen, dass wir kein Recht haben, alle Schuld auf die bösen Nazis zu schieben und so zu tun, als ob wir unschuldig wären [...] und vor allem haben wir, das heißt die Kirche, versagt, denn wir haben um den falschen und den rechten Weg gewusst und haben die Menschen ungewarnt ins Verderben rennen lassen. Ich schließe mich von dieser Schuld nicht aus, sondern ich schließe mich jedes Mal ausdrücklich ein, denn ich habe auch geschwiegen, wo ich hätte reden müssen.
Mit dieser Position war Niemöller in der Evangelischen Kirche in der Minderheit. Thielicke spottete lässig über „lustvoll-masochistische Vergangenheitsbewältigung“. Krondorfer verurteilt die Theologen nicht leichtfertig; er versucht zu verstehen und analysiert die Autobiografien der Theologen auf dem Hintergrund ihrer jeweiligen Generationenerfahrung. Das ist ein fruchtbarer Ansatz, der verstehen hilft ohne zu entschuldigen. Denn Männer wie Martin Niemöller oder Helmut Gollwitzer zeigen, dass man auch bei ähnlichen Generationenerfahrungen zu anderen Selbsteinsichten kommen konnte. Dass deren Sicht kaum genutzt wird, um die Selbstrechtfertigungen zu kontrastieren, ist ein Mangel an Krondorfers Untersuchung. So hätte er den Raum persönlicher Verantwortung etwas genauer vermessen können.
Krondorfers Kollegin Katharina von Kellenbach untersucht die Seelsorge der evangelischen Kirche an NS-Verbrechern. Darin zeigt sich, wie sehr die Gefängnispfarrer Verständnis dafür hatten, dass KZ-Aufseher und andere sich unschuldig fühlten. Trotzdem hätten die Verbrecher vor Gott reinen Tisch gemacht. So urteilt der Gefängnispfarrer in Landsberg, Karl Ermann, über den Adjutanten des KZ-Kommandanten in Buchenwald:
Zitator Ermann
Die Beichte war ihm kein Lippenbekenntnis, sondern er wusste von mancherlei Schuld und Versäumnis in seinem Leben und er at offen davon gesprochen. Aber zu einer Bejahung der Schuld, die ihm das Gericht zugeschrieben hat, konnte er bei aller Gewissensprüfung nicht kommen. Er war ohne sein Zutun auf die Stelle des Adjutanten in Buchenwald gekommen, ist sich keiner Grausamkeit bewusst gewesen, sondern hat den schuldigen militärischen Gehorsam geleistet.
Von Kellenbach analysiert, dass hier ein Schwachpunkt in der christlichen Rechtfertigungslehre liegt, die nur danach fragt, wie der Täter an die Vergebung Gottes kommt ohne nach der Vergebung der Opfer zu fragen – und ohne die Vergebung durch Gott an eine Schuldeinsicht zu binden und eine Wiedergutmachung für die Opfer.
Ein Beitrag von Norbert Reck über den katholischen Umgang mit der Schuld nach 1945 komplettiert den Band.
Dieses aufwühlende Buch wirft die richtigen Fragen auf und stellt damit der deutschen Theologie nach 1945 kein gutes Zeugnis aus. Eigentlich sollte die Botschaft von der Vergebung der Sünder doch wohl dazu führen, dass die Menschen ihre Sünden eingestehen können. Genau das aber gelang weder den Theologen, die sich in ihren Autobiografien selbst rechtfertigten, noch den NS-Tätern, die an Gott glaubten und sich trotzdem schuldlos wähnten.
Der Theologe Helmuth Thielicke erzählt in seiner Autobiografie „Zu Gast auf einem schönen Stern“, die im Jahr 1984 erschien, von einem Besuch in den Internierungslagern der Alliierten:
Zitator Thielicke:
Besonders bewegte mich die Begegnung mit den Generalen in Neu-Ulm. [...] Sie erzählten mir von den Schikanen, die ihnen zugefügt wurden. [...] Ich erfuhr auch von grausamen, oft sadistischen Quälereien besonders in den SS-Lagern. Der „Kreuzzug“ der Alliierten gegen den Nationalsozialismus drohte hier seine Glaubwürdigkeit völlig zu verlieren, so dass auch solche, die sich eben vom falschen Zauber des Nazi-Regimes abzuwenden begannen, der Versuchung einer Renazifizierung erlagen.
Nochmal: Thielicke redet hier nicht von den Konzertrationslagern der Nazis, sondern von Internierungslagern der Alliierten. Hier saßen die ein, denen man Nazi-Verbrechen zur Last legte. Thielicke schient sich um ihre Situation mehr zu sorgen, als um die Situation ihrer Opfer.
In dem Band „Mit Blick auf die Täter“ untersucht der in den USA lehrende deutsche Theologe Björn Krondorfer die Autobiografien von evangelischen Theologen. Krondorfer fragt, wie darin die Zeit zwischen 1933 und 1945 erinnert wird. Das Fazit ist ernüchternd: Die Mehrzahl der Theologen hat bis in die 80er Jahre hinein an dem Mythos mitgestrickt, dass die Deutschen und damit auch sie selbst Opfer waren – erst der Nazis, dann der Bomben, dann der alliierten Besatzung. Von Schuld der Deutschen oder gar eigenem Versagen wollte kaum einer reden. Außer Martin Niemöller, der aus eigener Erfahrung wusste, wie ein Konzentrationslager von Innen aussah und deswegen schon im November 1945 schrieb:
Zitator Niemöller
Ich habe immer wieder davon gesprochen, dass wir kein Recht haben, alle Schuld auf die bösen Nazis zu schieben und so zu tun, als ob wir unschuldig wären [...] und vor allem haben wir, das heißt die Kirche, versagt, denn wir haben um den falschen und den rechten Weg gewusst und haben die Menschen ungewarnt ins Verderben rennen lassen. Ich schließe mich von dieser Schuld nicht aus, sondern ich schließe mich jedes Mal ausdrücklich ein, denn ich habe auch geschwiegen, wo ich hätte reden müssen.
Mit dieser Position war Niemöller in der Evangelischen Kirche in der Minderheit. Thielicke spottete lässig über „lustvoll-masochistische Vergangenheitsbewältigung“. Krondorfer verurteilt die Theologen nicht leichtfertig; er versucht zu verstehen und analysiert die Autobiografien der Theologen auf dem Hintergrund ihrer jeweiligen Generationenerfahrung. Das ist ein fruchtbarer Ansatz, der verstehen hilft ohne zu entschuldigen. Denn Männer wie Martin Niemöller oder Helmut Gollwitzer zeigen, dass man auch bei ähnlichen Generationenerfahrungen zu anderen Selbsteinsichten kommen konnte. Dass deren Sicht kaum genutzt wird, um die Selbstrechtfertigungen zu kontrastieren, ist ein Mangel an Krondorfers Untersuchung. So hätte er den Raum persönlicher Verantwortung etwas genauer vermessen können.
Krondorfers Kollegin Katharina von Kellenbach untersucht die Seelsorge der evangelischen Kirche an NS-Verbrechern. Darin zeigt sich, wie sehr die Gefängnispfarrer Verständnis dafür hatten, dass KZ-Aufseher und andere sich unschuldig fühlten. Trotzdem hätten die Verbrecher vor Gott reinen Tisch gemacht. So urteilt der Gefängnispfarrer in Landsberg, Karl Ermann, über den Adjutanten des KZ-Kommandanten in Buchenwald:
Zitator Ermann
Die Beichte war ihm kein Lippenbekenntnis, sondern er wusste von mancherlei Schuld und Versäumnis in seinem Leben und er at offen davon gesprochen. Aber zu einer Bejahung der Schuld, die ihm das Gericht zugeschrieben hat, konnte er bei aller Gewissensprüfung nicht kommen. Er war ohne sein Zutun auf die Stelle des Adjutanten in Buchenwald gekommen, ist sich keiner Grausamkeit bewusst gewesen, sondern hat den schuldigen militärischen Gehorsam geleistet.
Von Kellenbach analysiert, dass hier ein Schwachpunkt in der christlichen Rechtfertigungslehre liegt, die nur danach fragt, wie der Täter an die Vergebung Gottes kommt ohne nach der Vergebung der Opfer zu fragen – und ohne die Vergebung durch Gott an eine Schuldeinsicht zu binden und eine Wiedergutmachung für die Opfer.
Ein Beitrag von Norbert Reck über den katholischen Umgang mit der Schuld nach 1945 komplettiert den Band.
Dieses aufwühlende Buch wirft die richtigen Fragen auf und stellt damit der deutschen Theologie nach 1945 kein gutes Zeugnis aus. Eigentlich sollte die Botschaft von der Vergebung der Sünder doch wohl dazu führen, dass die Menschen ihre Sünden eingestehen können. Genau das aber gelang weder den Theologen, die sich in ihren Autobiografien selbst rechtfertigten, noch den NS-Tätern, die an Gott glaubten und sich trotzdem schuldlos wähnten.
Björn Krondorfer / Katharina von Kellenbach / Norbert Reck, Mit Blick auf die Täter. Fragen an die deutsche Theologie nach 1945, Gütersloher Verlagshaus 2006, 320 Seiten, 29,95 Euro.
WDR 5 Diesseits von Eden / 3.9.2006
WDR 5 Diesseits von Eden / 3.9.2006