Der Pate und sein Buchhalter.
Hannes Heer rechnet mit dem "Hitlerismus" ab.
Hannes Heer war der Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung, die wegen weniger falscher Bilder zurückgezogen und völlig neu überarbeitet wurde – ohne Hannes Heer. Anhand der Geschichte der Wehrmachtsausstellung diagnostizierte Heer vor gut einem Jahr eine „geschichtspolitische Wende“: „Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei.“ Die Mehrheit der Deutschen wollte sich nicht mehr als Täter, sondern als Opfer fühlen. Bücher, wie die von Jörg Friedrich über den Bombenkrieg trafen auf dankbare Leser. Nun nimmt Heer in seinem neuen Buch weitere Protagonisten der „geschichtspolitischen Wende“ aufs Korn. Unter dem Titel „Hitler war’s“ rechnet er vor allem mit Joachim Fest und Guido Knopp ab. Christoph Fleischmann hat seine Polemiken gelesen und mit Heer darüber gesprochen:
Sprecher
Saul Padover interviewte im Auftrag der US-Armee 1944 Deutsche und fand keinen einzigen Nazi unter ihnen:
Zitator
Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was heißt das? Es heißt, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgend eines Deutschen durchgezogen hat. Er hat den Krieg angefangen, er hat ganz Europa erobert, den größten Teil Russlands überrannt, fünf Millionen Juden ermordet, sechs bis acht Millionen Polen und Russen in den Hungertod getrieben, vierhundert Konzentrationslager errichtet, die größte Armee in Europa aufgebaut und dafür gesorgt, dass die Züge pünktlich fahren. Wer das ganz allein schaffen will, muss schon ziemlich gut sein. Ich kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist Supermann.
Sprecher
Alte Einstellungen, die aber in den Familienerzählungen vieler Deutscher wohl bis heute tradiert werden. Neu ist das nicht, neu sei aber, so Hannes Heer, dass diese Einstellung auch im öffentlichen Diskurs heute wieder akzeptabel werden:
O-Ton 1 Heer
Sprecher
Für den von Heer sogenannten „Hitlerismus“ steht ein Mann, der seit über vierzig Jahren den öffentlichen Diskurs über die NS-Zeit mitprägt: Joachim Fest. Er hat nicht nur eine vielbeachtete Hitlerbiografie geschrieben, sondern ist auch in den achtziger Jahren auf der später unterlegenen Seite von Ernst Nolte und Andreas Hillgruber in den Historikerstreit gezogen und hat sich durch seine Publikationen zu Albert Speer an der Weißwaschung eines ranghohen Nazi beteiligt. Trotzdem kann Fest sich über Aufmerksamkeit kaum beklagen:
O-Ton 2 Heer
Sprecher
Mit vielen Belegen zeichnet Hannes Heer die Positionen von Joachim Fest nach: Für ihn sei Hitler ein Genie der Weltgeschichte. Damit reproduziere Fest aber gewissermaßen den NS-Führerkult, um die zu entschuldigen, die dem Charisma des Bösen erlegen sind. Gegenüber dem Genie gibt es dann nur noch „Verführte“ und „Verstrickte“ – so einen sieht Fest in Albert Speer. Heer zeichnet ein anderes Bild von Hitlers Architekten: Ein Täter mit eigenen Überzeugungen, die eben gut zu denen Hitlers passten, weswegen Speer dann bis zum Rüstungsminister aufstieg. Dass Fest bemüht ist, sich in die von ihm porträtierten Personen hineinzuversetzen, das wird man ihm nicht abstreiten können. Aber es bleibt in der Tat mit Heer zu fragen, ob Fest durch seine Freundschaft zu Speer etwas kritische Distanz vermissen lässt. Und ganz sicher ist das Geschichtsbild von Fest fraglich, wonach in erster Linie einzelne Männer die Geschichte bestimmen, und nicht gesellschaftliche Prozesse und überindividuelle Entwicklungen.
O-Ton 3 Heer VII
Sprecher
An Guido Knopp wird in der Tat deutlich, dass eine hausbackene Geschichtsschreibung – Männer machen die Geschichte – mit den Erfordernissen der Leitmedien bestens zusammen passen: Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Manager und wie die Knopp-Serien alle heißen. Gesellschaftliche Prozesse werden nicht erklärt, dafür aber alte NS-Propagandabilder en masse abgespielt, um vor der Folie des Gigantischen einmal mehr Verführte und Verstrickte zu präsentieren. Die „mediale Verlängerung des Führerprinzips in die Gegenwart“, nennt Heer das.
Das sind harte Worte, die sicher nicht die Intention von Knopp wiedergeben, aber vielleicht in polemisch zugespitzter Weise die Wirkung seiner Sendungen beschreiben.
O-Ton 4 Heer XIII
In der Tat hat Heer nicht einfach einen flotten Essay geschrieben, sondern wie ein Historiker gearbeitet: Viel Material zusammengetragen und analysiert. Dabei streitet er nicht nur gegen Knopp und Fest und das Münchner Institut für Zeitgeschichte, sondern findet auch Lichtblicke im Diskurs um die NS-Zeit. Zum Beispiel die Familienromane, die in den letzten Jahren in großer Zahl erschienen sind. Hier findet Heer das, was er bei den populären Geschichtspublizisten vermisst: Die ehrliche Frage, wie weit die eigene Familie, also normale Deutsche, beteiligt waren.
Heer hat eine Sammlung von sehr unterschiedlichen, aber durchaus erhellenden Schlaglichtern zum öffentlichen Gedächtnis an die NS-Zeit geschrieben. Keine stringente Analyse der Gesamtsituation – dann hätte man auch andere aktuelle Diskurse wie zum Beispiel den um die Kriegskinder mit aufnehmen müssen. Solch eine umfassende Standortbestimmung über das öffentliche Erinnern steht noch aus. Dass Heer dafür aber eine wichtige Stimme ist, das hat er einmal mehr bewiesen – damit das kollektive Gedächtnis nach dem Sterben der Zeitzeugengeneration einmal anders aussieht als Saul Padovers Umfrage unter den Deutschen nach dem Krieg.
Hannes Heer, Hitler war’s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Aufbau Verlag Berlin 2005, 440 Seiten, 24,90 €.
SWR 2 Forum Buch / 26.11.2005
Sprecher
Saul Padover interviewte im Auftrag der US-Armee 1944 Deutsche und fand keinen einzigen Nazi unter ihnen:
Zitator
Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was heißt das? Es heißt, dass Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgend eines Deutschen durchgezogen hat. Er hat den Krieg angefangen, er hat ganz Europa erobert, den größten Teil Russlands überrannt, fünf Millionen Juden ermordet, sechs bis acht Millionen Polen und Russen in den Hungertod getrieben, vierhundert Konzentrationslager errichtet, die größte Armee in Europa aufgebaut und dafür gesorgt, dass die Züge pünktlich fahren. Wer das ganz allein schaffen will, muss schon ziemlich gut sein. Ich kenne nur zwei Menschen in der ganzen Welt, die so etwas können. Der andere ist Supermann.
Sprecher
Alte Einstellungen, die aber in den Familienerzählungen vieler Deutscher wohl bis heute tradiert werden. Neu ist das nicht, neu sei aber, so Hannes Heer, dass diese Einstellung auch im öffentlichen Diskurs heute wieder akzeptabel werden:
O-Ton 1 Heer
Ich denke mir, in den letzten vier, fünf Jahren hat sich doch eine neue Sicht oder alte neue Sicht, wie ich sage, [...] hat sich doch eine sehr starke klare Linie herausgebildet: [...] „Okay, die Taten, das gestehen wir ja gerne zu, aber da waren ganz wenige nur daran beteiligt, das waren nicht Millionen, das waren nur ein paar Spezial-Killerkommandos“ und so [...], und dem hat sich hinzugesellt eine Linie, die ich eben als Hitlerismus bezeichne, alles auf Hitler abzuladen, die jetzt im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag sehr stark geworden ist.
Sprecher
Für den von Heer sogenannten „Hitlerismus“ steht ein Mann, der seit über vierzig Jahren den öffentlichen Diskurs über die NS-Zeit mitprägt: Joachim Fest. Er hat nicht nur eine vielbeachtete Hitlerbiografie geschrieben, sondern ist auch in den achtziger Jahren auf der später unterlegenen Seite von Ernst Nolte und Andreas Hillgruber in den Historikerstreit gezogen und hat sich durch seine Publikationen zu Albert Speer an der Weißwaschung eines ranghohen Nazi beteiligt. Trotzdem kann Fest sich über Aufmerksamkeit kaum beklagen:
O-Ton 2 Heer
Ich wollte ein ganz anders Buch fertig machen und dann kam der Film „Der Untergang“, der mich dann doch sehr schockiert hat. Das Drehbuch basiert dann ja doch auf Joachim Fest, der sehr wohl noch mal seine Blüte erlebte und durch alle Talkshows tingelte und im Zusammenhang mit dem Jahrestag 60 Jahre Kriegsende durch alle großen Zeitungen interviewt wurde. Dann habe ich mit dem „Untergang“ angefangen und bin dann aber auch gleich auf Joachim Fest eingegangen. [...] Und dann ist da eine kleine biografische Skizze daraus geworden und ich denke, das ist auch notwendig, dass sich irgendjemand mal mit diesem Paten des Hitlerismus in Nachkriegsdeutschland, muss sich mal einer auseinandersetzen.
Sprecher
Mit vielen Belegen zeichnet Hannes Heer die Positionen von Joachim Fest nach: Für ihn sei Hitler ein Genie der Weltgeschichte. Damit reproduziere Fest aber gewissermaßen den NS-Führerkult, um die zu entschuldigen, die dem Charisma des Bösen erlegen sind. Gegenüber dem Genie gibt es dann nur noch „Verführte“ und „Verstrickte“ – so einen sieht Fest in Albert Speer. Heer zeichnet ein anderes Bild von Hitlers Architekten: Ein Täter mit eigenen Überzeugungen, die eben gut zu denen Hitlers passten, weswegen Speer dann bis zum Rüstungsminister aufstieg. Dass Fest bemüht ist, sich in die von ihm porträtierten Personen hineinzuversetzen, das wird man ihm nicht abstreiten können. Aber es bleibt in der Tat mit Heer zu fragen, ob Fest durch seine Freundschaft zu Speer etwas kritische Distanz vermissen lässt. Und ganz sicher ist das Geschichtsbild von Fest fraglich, wonach in erster Linie einzelne Männer die Geschichte bestimmen, und nicht gesellschaftliche Prozesse und überindividuelle Entwicklungen.
O-Ton 3 Heer VII
Fest [...], der in seinem ganzen Leben nichts anderes gemacht hat, als nur den biografischen Blick, und der Strukturgeschichte, Sozialgeschichte, Familiengeschichte – für den das alles ein Graus ist. Der das Wort „Gesellschaft“ nicht aussprechen kann, [...] und dann schließt sich in diesem Zug, der einmal in Fahrt ist, ganz logischerweise, Guido Knopp an, das ist ein Waggon, der genau zu diesem Zug passt.
Sprecher
An Guido Knopp wird in der Tat deutlich, dass eine hausbackene Geschichtsschreibung – Männer machen die Geschichte – mit den Erfordernissen der Leitmedien bestens zusammen passen: Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Manager und wie die Knopp-Serien alle heißen. Gesellschaftliche Prozesse werden nicht erklärt, dafür aber alte NS-Propagandabilder en masse abgespielt, um vor der Folie des Gigantischen einmal mehr Verführte und Verstrickte zu präsentieren. Die „mediale Verlängerung des Führerprinzips in die Gegenwart“, nennt Heer das.
Das sind harte Worte, die sicher nicht die Intention von Knopp wiedergeben, aber vielleicht in polemisch zugespitzter Weise die Wirkung seiner Sendungen beschreiben.
O-Ton 4 Heer XIII
Man kann es ja überprüfen […], ob hier ein generationenverengter 68er Blick nur wütet und sozusagen deformiert oder ob hier faktengestützt – wenn ich dran denke, was das für ein Anmerkungsteil ist in dem Buch: das sind ja fast 130 Seiten Anmerkungen. Das kann man ja überprüfen, das ist ja nicht nur eine Meinung, die da präsentiert wird.
In der Tat hat Heer nicht einfach einen flotten Essay geschrieben, sondern wie ein Historiker gearbeitet: Viel Material zusammengetragen und analysiert. Dabei streitet er nicht nur gegen Knopp und Fest und das Münchner Institut für Zeitgeschichte, sondern findet auch Lichtblicke im Diskurs um die NS-Zeit. Zum Beispiel die Familienromane, die in den letzten Jahren in großer Zahl erschienen sind. Hier findet Heer das, was er bei den populären Geschichtspublizisten vermisst: Die ehrliche Frage, wie weit die eigene Familie, also normale Deutsche, beteiligt waren.
Heer hat eine Sammlung von sehr unterschiedlichen, aber durchaus erhellenden Schlaglichtern zum öffentlichen Gedächtnis an die NS-Zeit geschrieben. Keine stringente Analyse der Gesamtsituation – dann hätte man auch andere aktuelle Diskurse wie zum Beispiel den um die Kriegskinder mit aufnehmen müssen. Solch eine umfassende Standortbestimmung über das öffentliche Erinnern steht noch aus. Dass Heer dafür aber eine wichtige Stimme ist, das hat er einmal mehr bewiesen – damit das kollektive Gedächtnis nach dem Sterben der Zeitzeugengeneration einmal anders aussieht als Saul Padovers Umfrage unter den Deutschen nach dem Krieg.
Hannes Heer, Hitler war’s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Aufbau Verlag Berlin 2005, 440 Seiten, 24,90 €.
SWR 2 Forum Buch / 26.11.2005



