Die Heldengeneration.

Rezension zu Harald Welzer, "Opa war kein Nazi".

Der Großvater und die Nazi-Zeit. Er zu seinem Enkel: „Warum fragst Du nicht: ‚Opa, wieso habt ihr das alles mitgemacht?’“ Darauf der Enkel: „Ach Opa. Das ist die einfachste Frage, die man stellen kann. Aber mittlerweile kann ich gerade so `ne Frage nicht stellen, dafür weiß ich darüber schon zuviel.“ Und die Tochter des Großvaters liefert die Entschuldigung: „Ihr habt Euch ja nicht aufgelehnt, weil ihr so auf Gehorsam und Gehorchen hingedrillt wart. Das kann man ja nicht mehr mit heute vergleichen.“ Verkehrte Welt? Haben nicht ’68 die Kinder ihre Eltern angeklagt wegen des Holocaust? Und waren es nicht die Enkel der NS-Generation, die das größte Interesse an den Thesen von Daniel Goldhagen gezeigt haben?

Das Buch der Hannoveraner Forschergruppe um Harald Welzer zeigt, dass es zwei völlig verschiedene Diskurse über die deutsche NS-Vergangenheit gibt. Einen öffentlichen und einen familiären, das „Lexikon“ und das „Familienalbum“. In 142 Interviews mit Familien und Einzelpersonen haben sich die Forscherinnen und Forscher die Familienerzählungen über die NS-Zeit angehört. Darin existieren alle die Vorstellungen weiter, die im öffentlichen Raum nicht mehr diskutabel sind. „Die Nazis“ waren immer die anderen, Deutsche kommen als Opfer („der Nazis“ oder „der Russen“) vor oder als Helden, die in schwieriger Zeit den Mund aufgemacht haben - aber niemals als Täter. Der Holocaust kommt fast gar nicht vor, man habe davon ja nichts gewusst.
Alle Bemühungen zur Aufarbeitung der Vergangenheit umsonst? Mitnichten, aber das ernüchternde Fazit der Forscher: „Paradoxerweise scheint es gerade die gelungene Aufklärung über die Verbrechen der Vergangenheit zu sein, die bei den Kindern und Enkeln das Bedürfnis erzeugt, die Eltern und Großeltern so im nationalsozialistischen Universum des Grauens zu platzieren, dass von diesem Grauen kein Schatten auf sie fällt.“ Die Loyalitätsbindungen an geliebte Menschen sind stärker als das Wissen aus Schulunterricht und Medien.

Ein ebenfalls überraschendes Ergebnis der Untersuchung ist, dass dies nicht nur für die Kindergeneration gilt, sondern in verstärktem Maße auch für die Enkelgeneration. Beim Weitererzählen der Geschichten von den Zeitzeugen zu den Kindern und den Enkeln kommt es zu einer „kumulativen Heroisierung“: Aus den zwei ehemaligen KZ-Insassen, denen die Urgroßmutter nach der Befreiung Hilfe angeboten hat, werden in der Erzählung der Urenkelin „zwei versteckte Juden“, und aus dem „überzeugten Nationalsozialisten“ wird in der Erzählung seines Enkels einer, der „was Gutes getan hat“ und wusste, „dass seine Partei schlechte Dinge getan hat.“

Dank der vielen Interviewausschnitte ist das wissenschaftliche Buch spannend zu lesen. Das Verdienst der Untersuchung ist es, die erzählten „Familienalben“ überhaupt einmal systematisch in den Blick zu nehmen, eine Größe, die bisher zu wenig Beachtung erfahren hat.

Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt / Main 2002, 256 Seiten, 10,90 €.

Vowärts / Oktober 2002