Unterscheidung der Geister.
Antje Vollmer warnt Gläubige und Atheisten vor dem Gotteswahn.
Wenn ehemalige Spitzen-Politiker Bücher schreiben, dann entweder, weil sie ihr politisches Lebenswerk rechtfertigen und der Nachwelt ein schönes Bild von sich hinterlassen wollen oder
weil sie nun – frei von politischen Zwängen – als elder statesman noch mal besorgt und grundsätzlich zu diesem und jenem etwas sagen wollen. Zu letzterer Kategorie gehört das Buch der ehemaligen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer. „Gott im Klommen?“ heißt es. Christoph Fleischmann hat es gelesen und mit der Autorin darüber gesprochen:
Auch Antje Vollmer hat wie alle guten Politiker die Sorge um den Zustand der Welt getrieben:
O-Ton 1
Vollmer setzt dagegen eine Alphabetisierung in Sachen Religion: In ihrem Buch gibt sie einen sehr gerafften Überblick über die (westliche) Religionsgeschichte – von den Anfängen, den „Göttern, die die Welt verlassen haben“, bis zu den Gottesbildern von Judentum, Christentum und Islam. Dabei zeigt sich die gelernte Theologin nicht immer ganz stilsicher; und einige inhaltliche Fehler haben das Lektorat auch unbeschadet überstanden: Hier eine falsche Jahreszahl, da ein 11. statt dem 12. Imam und das Durcheinanderwürfeln von Sunniten und Schiiten – aber dafür ist das Ganze leicht verständlich:
O-Ton 2
Gerade den monotheistischen Religionen, die Vollmer deswegen am ausführlichsten darstellt, wird der Vorwurf gemacht, dass ihr Glaube an einen Gott unweigerlich zu missionarischer Militanz führe. Am stärksten ist sicher das Kapitel, in dem Vollmer darstellt, wie die religiösen Hoffnungsbilder der ersten Christen, die Apokalypsen, ins Arsenal imperialistischer Kriegsmetaphern rübergewandert sind – und ihr ursprünglicher Sinn verkehrt wurde.
O-Ton 3
Sind es immer die reinen Ursprünge der Religionen, die korrumpiert worden sind oder stecken nicht schon manche „brutalen Machtansprüche“ in den Urtexten? Wie dem auch sei, es komme darauf an, innerhalb der Religionen und religiösen Ansprüche zu unterscheiden, so Vollmer. Deswegen müsse man falsche religiöse Legitimierungen letztlich auch religiös bekämpfen. Dafür brauche es eben Kenntnis der religiösen Traditionen.
Dem Atheismus, der alle Religion verwirft und sich von aller Religion frei glaubt, dem misstraut Antje Vollmer: Kommunismus und Nationalsozialismus hätten ja ebenfalls quasireligiöse Ansprüche und Rituale ausgebildet:
O-Ton 4
Das würden Atheisten, die sich Idealen wie den Menschenrechten verpflichtet wissen, entschieden bestreiten. Außerdem nähert sich Antje Vollmer damit der These an, dass der Säkularismus zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts geführt habe – eine These, die eigentlich nur noch der Papst und Kardinal Meisner vertreten. Schade, so scheint das Buch doch stellenweise eine zu einfache Verteidigung der Religion gegenüber ihren Verächtern zu sein.
Darüber hinaus bietet das Buch denjenigen, die die Debatten über Religion und Gewalt in den letzten Jahren halbwegs mitverfolgt haben, wenig Neues und Originelles; allen anderen mag es als Einführung in eben diese Diskussion dienen.
weil sie nun – frei von politischen Zwängen – als elder statesman noch mal besorgt und grundsätzlich zu diesem und jenem etwas sagen wollen. Zu letzterer Kategorie gehört das Buch der ehemaligen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer. „Gott im Klommen?“ heißt es. Christoph Fleischmann hat es gelesen und mit der Autorin darüber gesprochen:
Auch Antje Vollmer hat wie alle guten Politiker die Sorge um den Zustand der Welt getrieben:
O-Ton 1
Ich hätte es, glaube ich, nicht gemacht, wenn ich nicht so beunruhigt wäre über den missionarischen Ton in der Politik und über die Tatsache, dass wir jetzt tatsächlich in einer gefährlichen Weltsituation ist, die durch religiöse Werte, […] religiöse Sprache und religiöse Innbrunst gefährlicher wird.
Vollmer setzt dagegen eine Alphabetisierung in Sachen Religion: In ihrem Buch gibt sie einen sehr gerafften Überblick über die (westliche) Religionsgeschichte – von den Anfängen, den „Göttern, die die Welt verlassen haben“, bis zu den Gottesbildern von Judentum, Christentum und Islam. Dabei zeigt sich die gelernte Theologin nicht immer ganz stilsicher; und einige inhaltliche Fehler haben das Lektorat auch unbeschadet überstanden: Hier eine falsche Jahreszahl, da ein 11. statt dem 12. Imam und das Durcheinanderwürfeln von Sunniten und Schiiten – aber dafür ist das Ganze leicht verständlich:
O-Ton 2
Ich dachte mir, dass darin letztendlich auch ein Heilmittel gegen falschen religiösen Furor liegt: Man muss die Religionen kennen, um das Gefährliche an den Religionen bekämpfen zu können
Gerade den monotheistischen Religionen, die Vollmer deswegen am ausführlichsten darstellt, wird der Vorwurf gemacht, dass ihr Glaube an einen Gott unweigerlich zu missionarischer Militanz führe. Am stärksten ist sicher das Kapitel, in dem Vollmer darstellt, wie die religiösen Hoffnungsbilder der ersten Christen, die Apokalypsen, ins Arsenal imperialistischer Kriegsmetaphern rübergewandert sind – und ihr ursprünglicher Sinn verkehrt wurde.
O-Ton 3
Man findet die schlimmsten brutalsten Machtansprüche […] in der Geschichte dieser monotheistischen Religionen, man findet aber immer auch – und zwar meistens begründet in der Uroffenbarung oder in den Urtexten – eine Referenz einen Bezug, von dem man auch wieder kritisieren kann. Dann sind dann meist Prophetengestalten, die das wagen noch mal den eigentlichen Sinn der Gottesbilder gegen ihren Missbrauch in Stellung zu bringen und damit diesen Kampf um die Wahrheit in den eigenen Religionen zu führen.
Sind es immer die reinen Ursprünge der Religionen, die korrumpiert worden sind oder stecken nicht schon manche „brutalen Machtansprüche“ in den Urtexten? Wie dem auch sei, es komme darauf an, innerhalb der Religionen und religiösen Ansprüche zu unterscheiden, so Vollmer. Deswegen müsse man falsche religiöse Legitimierungen letztlich auch religiös bekämpfen. Dafür brauche es eben Kenntnis der religiösen Traditionen.
Dem Atheismus, der alle Religion verwirft und sich von aller Religion frei glaubt, dem misstraut Antje Vollmer: Kommunismus und Nationalsozialismus hätten ja ebenfalls quasireligiöse Ansprüche und Rituale ausgebildet:
O-Ton 4
Ich glaube, eines der gefährlichen Entwicklungen dieser betont missionarisch-atheistischen Gesellschaftsentwürfe ist es, dass sie keine Kritikmöglichkeit in sich selbst haben, denn sie haben keinen Referenzpunkt außer sich selbst, keine Offenbarung, keine Schrift, keinen Gottesbezug […] sie legitimieren sich in sich selbst und machen sich damit eigentlich unkorrigierbar; und das ist die Hybris, aus der die ganz großen Verbrechen gekommen sind.
Das würden Atheisten, die sich Idealen wie den Menschenrechten verpflichtet wissen, entschieden bestreiten. Außerdem nähert sich Antje Vollmer damit der These an, dass der Säkularismus zu den Diktaturen des 20. Jahrhunderts geführt habe – eine These, die eigentlich nur noch der Papst und Kardinal Meisner vertreten. Schade, so scheint das Buch doch stellenweise eine zu einfache Verteidigung der Religion gegenüber ihren Verächtern zu sein.
Darüber hinaus bietet das Buch denjenigen, die die Debatten über Religion und Gewalt in den letzten Jahren halbwegs mitverfolgt haben, wenig Neues und Originelles; allen anderen mag es als Einführung in eben diese Diskussion dienen.
Antje Vollmer, Gott im Kommen. Gegen die Unruhestifter im Namen Gottes, Kösel Verlag München 2007, 188 Seiten, 16,95 Euro.
WDR 5 Diesseits von Eden / 2.12.2007
WDR 5 Diesseits von Eden / 2.12.2007