Der Papst beim Zirkeltraining.
Das Jesus-Buch des Papstes.
250.000 Startauflage – aber es geht nicht um den neuen Harry Potter. Der Herder-Verlag aus Freiburg setzt auf den Namen des Autors und glaubt an die große Nachfrage: Joseph Ratzinger und etwas größer Benedikt XVI. steht auf dem Cover.
Jesus von Nazareth heißt das Buch. Und obwohl die Lesebändchen in gelb und weiß gehalten sind, den Farben des Vatikan, ist dies kein offizielles Lehrschreiben, sondern ein Buch, das der Papst als normaler Theologe geschrieben haben will. Jedem stehe es frei, seine Sicht auf Jesus zu kritisieren. Die Einladung hat unser Rezensent Christop Fleischmann angenommen:
Kommt eine alte Frau in den Buchladen und will das neue Buch vom Papst kaufen, denn der hätte da jetzt ja geschrieben, wie das mit Jesus wirklich gewesen sei. Hat da die alte Dame was falsch verstanden? Leider nein. Denn mit keinem geringeren Anspruch tritt der Papst auf: Er wolle den „wirklichen“ Jesus, den „’historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn“ darstellen. Und die Pointe dabei ist: Papst Benedikt behauptet, dass der Jesus, wie ihn die vier Evangelien zeichnen, der wirkliche Jesus ist.
In der Bibelwissenschaft gilt seit 200 Jahren der Konsens, dass die Evangelien von gläubigen Menschen geschrieben wurden, die im Menschen Jesus Gott erkannten und deswegen sein Leben gemäß ihrem religiösen Bekenntnis gestaltet haben. Man müsse also den historischen Jesus unter einer Schicht von Glaubensaussagen, Überhöhungen und Legenden erst wieder frei legen. Diese historisch-kritische Bibelwissenschaft hält Benedikt zwar auch für notwendig, aber ihre Versuche Jesus zu rekonstruieren überzieht er mit milder Polemik. Den deutschen Bischöfen, die ihn im vergangenen November besuchten, sagte er, dass sie darauf achten sollten, dass die katholischen Theologen, sich immer an das depositum fidei hielten, also die Dogmen, die das Lehramt der Katholischen Kirche festgelegt hat. Seriöse wissenschaftliche Theologie könne es nur „in Treue“ zum katholischen Dogma geben. Immerhin hält Benedikt sich selbst an seine Weisung: Denn er will unter der Voraussetzung, dass Jesus der Sohn Gottes war, wie es die ersten Konzilien der Kirche festgeschrieben haben, unter dieser Perspektive will der Papst die Evangelien lesen. Und so findet er – wen wundert es – das, was er voraussetzt: Nämlich den Menschen Jesus, der wusste, dass er der fleischgewordene Sohn Gottes ist.

Und so schreibt Benedikt – durchaus in eleganter Prosa – vom Jesus der Evangelien. Dafür braucht er wenig historische Fakten, er braucht nur eine Bibel, in der er – auch das durchaus elegant und kenntnisreich – Bezüge von den Jesusberichten in das Alte Testament oder zu Paulus aufzeigt. Solche Kontinuitäten und Querverbindungen in der Bibel sichtbar zu machen, ist durchaus auch in der wissenschaftlichen Bibelauslegung eine Aufgabe. Aber mit einer historischen Rekonstruktion des Menschen Jesus von Nazareth hat das nur am Rande zu tun. Die ganze Szenerie Palästinas, die Frage wie das Leben eines Menschen ausgesehen haben muss, von dem dieses oder jenes berichtet wird, all das kommt bei Benedikt fast überhaupt nicht vor. Dafür schlägt Benedikt immer wieder den weiten Bogen bis in die Gegenwart. Sein Jesus antwortet nicht auf Herausforderungen des 1. Jahrhunderts im römisch besetzten Palästina, sondern auf die Sorgen des Papstes vor einer säkularisierten und individualistischen Moderne. Nun, so könnte man höflich sagen, der Papst betreibt eben etwas Etikettenschwindel, er schreibt nicht über den historischen Jesus, sondern eine geistliche Schriftauslegung über die Evangelien.
Oder mit Blick auf die alte Dame in der Buchhandlung könnte man etwas weniger höflich sagen, der Papst betreibe Bauernfängerei, wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass die auf den Konzilien ausformulierte Lehre über Jesus Christus in wesentlichen Punkten schon in der Verkündigung Jesu enthalten sei; nach dem Motto: Und die Kirche hat doch recht. Man merkt die Absicht – und ist doch nicht verstimmt: Im deutschen Feuilletons wird das, was Papst Benedikt sagt für den Beginn einer spannenden und wohl notwendigen Debatte gehalten, denn der Papst sei schließlich einer der „bedeutendsten Theologen der Gegenwart“. Um es deutlich zu sagen: Mit dem Inhalt dieses Buches würde sich kein Bibelwissenschaftler lange beschäftigen – wenn es nicht vom Papst wäre. Zwar gibt Benedikt vor, hier als Privatmann zu schreiben, den man gerne kritisieren dürfe, aber die katholische Seite der Zunft wird die Warnung verstanden haben: Vor wenigen Woche wurde die Maßregelung des Jesuitenpaters Jon Sobrino öffentlich, dem unter anderem vorgeworfen wurde, dass er behaupte im Neuen Testament werde die Göttlichkeit Jesu nicht klar behauptet. Nun, die Mehrheit der Bibelausleger hält es so, dass die volle kirchlich ausformulierte Lehre von der Gottessohnschaft Jesu eben noch nicht im Neuen Testament enthalten sei. Das Jesusbuch des Papstes können Insider nur so verstehen, dass der Papst hier zeigt, wie er katholische Bibelauslegung verstanden wissen will. Kein gutes Zeichen für die katholische Theologie.
Wer aber nicht unter der Jurisdiktion der Bischöfe steht, kann das Buch gelassener sehen. Wer etwas über die Glaubenswelt des Papstes lesen will, der greife er zu seinem neuen Jesusbuch, wer etwas über den historischen Jesus wissen will, der sollte freilich ein Jesusbuch eines anerkannten Bibelwissenschaftlers zur Hand nehmen.
Joseph Ratzinger / Benedikt der 16., Jesus von Nazareth, Herder Verlag Freiburg 2007, 24 Euro.
SWR 2 Buchkritik / 30.4.2007
Jesus von Nazareth heißt das Buch. Und obwohl die Lesebändchen in gelb und weiß gehalten sind, den Farben des Vatikan, ist dies kein offizielles Lehrschreiben, sondern ein Buch, das der Papst als normaler Theologe geschrieben haben will. Jedem stehe es frei, seine Sicht auf Jesus zu kritisieren. Die Einladung hat unser Rezensent Christop Fleischmann angenommen:
Kommt eine alte Frau in den Buchladen und will das neue Buch vom Papst kaufen, denn der hätte da jetzt ja geschrieben, wie das mit Jesus wirklich gewesen sei. Hat da die alte Dame was falsch verstanden? Leider nein. Denn mit keinem geringeren Anspruch tritt der Papst auf: Er wolle den „wirklichen“ Jesus, den „’historischen Jesus’ im eigentlichen Sinn“ darstellen. Und die Pointe dabei ist: Papst Benedikt behauptet, dass der Jesus, wie ihn die vier Evangelien zeichnen, der wirkliche Jesus ist.
In der Bibelwissenschaft gilt seit 200 Jahren der Konsens, dass die Evangelien von gläubigen Menschen geschrieben wurden, die im Menschen Jesus Gott erkannten und deswegen sein Leben gemäß ihrem religiösen Bekenntnis gestaltet haben. Man müsse also den historischen Jesus unter einer Schicht von Glaubensaussagen, Überhöhungen und Legenden erst wieder frei legen. Diese historisch-kritische Bibelwissenschaft hält Benedikt zwar auch für notwendig, aber ihre Versuche Jesus zu rekonstruieren überzieht er mit milder Polemik. Den deutschen Bischöfen, die ihn im vergangenen November besuchten, sagte er, dass sie darauf achten sollten, dass die katholischen Theologen, sich immer an das depositum fidei hielten, also die Dogmen, die das Lehramt der Katholischen Kirche festgelegt hat. Seriöse wissenschaftliche Theologie könne es nur „in Treue“ zum katholischen Dogma geben. Immerhin hält Benedikt sich selbst an seine Weisung: Denn er will unter der Voraussetzung, dass Jesus der Sohn Gottes war, wie es die ersten Konzilien der Kirche festgeschrieben haben, unter dieser Perspektive will der Papst die Evangelien lesen. Und so findet er – wen wundert es – das, was er voraussetzt: Nämlich den Menschen Jesus, der wusste, dass er der fleischgewordene Sohn Gottes ist.

Und so schreibt Benedikt – durchaus in eleganter Prosa – vom Jesus der Evangelien. Dafür braucht er wenig historische Fakten, er braucht nur eine Bibel, in der er – auch das durchaus elegant und kenntnisreich – Bezüge von den Jesusberichten in das Alte Testament oder zu Paulus aufzeigt. Solche Kontinuitäten und Querverbindungen in der Bibel sichtbar zu machen, ist durchaus auch in der wissenschaftlichen Bibelauslegung eine Aufgabe. Aber mit einer historischen Rekonstruktion des Menschen Jesus von Nazareth hat das nur am Rande zu tun. Die ganze Szenerie Palästinas, die Frage wie das Leben eines Menschen ausgesehen haben muss, von dem dieses oder jenes berichtet wird, all das kommt bei Benedikt fast überhaupt nicht vor. Dafür schlägt Benedikt immer wieder den weiten Bogen bis in die Gegenwart. Sein Jesus antwortet nicht auf Herausforderungen des 1. Jahrhunderts im römisch besetzten Palästina, sondern auf die Sorgen des Papstes vor einer säkularisierten und individualistischen Moderne. Nun, so könnte man höflich sagen, der Papst betreibt eben etwas Etikettenschwindel, er schreibt nicht über den historischen Jesus, sondern eine geistliche Schriftauslegung über die Evangelien.
Oder mit Blick auf die alte Dame in der Buchhandlung könnte man etwas weniger höflich sagen, der Papst betreibe Bauernfängerei, wenn er zu dem Ergebnis kommt, dass die auf den Konzilien ausformulierte Lehre über Jesus Christus in wesentlichen Punkten schon in der Verkündigung Jesu enthalten sei; nach dem Motto: Und die Kirche hat doch recht. Man merkt die Absicht – und ist doch nicht verstimmt: Im deutschen Feuilletons wird das, was Papst Benedikt sagt für den Beginn einer spannenden und wohl notwendigen Debatte gehalten, denn der Papst sei schließlich einer der „bedeutendsten Theologen der Gegenwart“. Um es deutlich zu sagen: Mit dem Inhalt dieses Buches würde sich kein Bibelwissenschaftler lange beschäftigen – wenn es nicht vom Papst wäre. Zwar gibt Benedikt vor, hier als Privatmann zu schreiben, den man gerne kritisieren dürfe, aber die katholische Seite der Zunft wird die Warnung verstanden haben: Vor wenigen Woche wurde die Maßregelung des Jesuitenpaters Jon Sobrino öffentlich, dem unter anderem vorgeworfen wurde, dass er behaupte im Neuen Testament werde die Göttlichkeit Jesu nicht klar behauptet. Nun, die Mehrheit der Bibelausleger hält es so, dass die volle kirchlich ausformulierte Lehre von der Gottessohnschaft Jesu eben noch nicht im Neuen Testament enthalten sei. Das Jesusbuch des Papstes können Insider nur so verstehen, dass der Papst hier zeigt, wie er katholische Bibelauslegung verstanden wissen will. Kein gutes Zeichen für die katholische Theologie.
Wer aber nicht unter der Jurisdiktion der Bischöfe steht, kann das Buch gelassener sehen. Wer etwas über die Glaubenswelt des Papstes lesen will, der greife er zu seinem neuen Jesusbuch, wer etwas über den historischen Jesus wissen will, der sollte freilich ein Jesusbuch eines anerkannten Bibelwissenschaftlers zur Hand nehmen.
Joseph Ratzinger / Benedikt der 16., Jesus von Nazareth, Herder Verlag Freiburg 2007, 24 Euro.
SWR 2 Buchkritik / 30.4.2007



