Innere Entwicklung gegen den Zwang der Systeme.

Wolfgang Müller macht "Inseln der Zukunft" aus.

Das neue Jahr ist noch jung und der Blick geht nach vorn: Was wird sein? Was soll besser werden? Was können wir uns vornehmen, dass es ein „gutes Neues“ wird?
Der NDR-Redakteur Wolfgang Müller hat ein Buch geschrieben, mit dem er weit in die Zukunft blickt. Es heißt „Inseln der Zukunft“. Dort sucht er nach den Kräften, die uns in eine neue bessere Epoche führen – nach dem Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Moderne. Und bei diesen Kräften denkt er auch an die Religionen – wenn auch nicht in ihrer traditionellen Form. Christoph Fleischmann hat in seinem Buch steile Sätze gefunden – wie diesen:

"Die neuzeitlichen Systeme sind zwar äußerlich erfolgreich, im Inneren aber, im Seelischen wirken sie zerstörerisch. Sie strotzen vor Aktivität, doch diese Aktivität bleibt an der Oberfläche. Die Menschen funktionieren in diesen Systemen fast so gut wie die Maschinen, aber vom Reichtum des Lebens, von den Tiefen der Wirklichkeit sind sie abgeschnitten."

Man könnte es sich leicht machen als Rezensent und sagen, wer derart pastoral-esoterisch den Zustand der Welt erklären will, der kann nicht ernst genommen werden. Und dann will der Autor auch noch den Weg aus der Moderne in eine neue Epoche weisen.

"Es geht darum, dass diese Epoche, die so vieles bietet, das Entscheidende verfehlt, ja dass sie dieses Entscheidende missachtet und unterdrückt: die Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen. Allein diese Entwicklungsmöglichkeiten aber könnten das Tor in eine bessere Zukunft öffnen."

Man könnte sagen, da sind schon größere Geister an kleineren Aufgaben gescheitert. Aber der milde Spott, der sich an den großen Worten entzündet, verfängt nicht ganz. Denn wenn man sich überlegt, welche größeren Geister den ähnliches unternommen haben, dann hält Müller eine ganze Reihe derselben in beeindruckend selbstverständlicher Weise parat: Lessing und Schiller und mit ihnen ein guter Teil der Aufklärung. Die wollten die Menschen erziehen und so zu einer inneren geistigen Entwicklung der Menschheit beitragen. Sind diese Gedanken wirklich zu Recht verschütt gegangen?
Und Müller toppt diese Ahnenreihe noch: Auch die Religionen, so seine These, werden nur wieder verständlich und lebenskräftig, wenn man sie vor dem Hintergrund einer inneren Entwicklung des Menschen verstehe:

Wenn der Glaube seine fundamentale Berechtigung, seinen Ort in der Wirklichkeit und der menschlichen Entwicklung, nicht mehr deutlich machen kann, dann hängt er in der Luft, dann erscheint er wie eine willkürliche Forderung, deren Sinn und Gehalt höchst zweifelhaft ist.


Da ist Müller zuzustimmen: Die Religion muss sich auf eine soziale Wirklichkeit beziehen, damit sie mehr ist als nur ein leeres Bekenntnis. Und eine soziale Wirklichkeit kann in der Tat in einer inneren Entwicklung oder in geistigem Wachstum gesehen werden. Die tiefe Selbsterkenntnis galt den Mystikern vieler Religionen als Ort der Gottesbegegnung.
Heute hingegen gilt man als „fertig“ wenn man den Wirren der Spätadoleszenz entwachsen ist – lediglich im Aufschwung der Psychologie hat sich noch der Gedanke erhalten, dass auch im Erwachsenenalter Prozesse inneren Wachsens und Reifens wichtig sein können. In der Psychologie sieht Müller dann auch einen ersten Ansatz, das Eigene zu behaupten gegen die Übermacht der Systeme, die den Menschen zum Funktionieren und zum Anpassen zwingen. Aber er sieht seine Vorstellungen nicht im Psycho-Boom oder der „Selbstverwirklichung“ erfüllt. Es gehe darum die Entwicklung vom Erkennen des Eigenen zum Verschenkenkönnen des Eigenen weiterzuführen. Dann könne sich auch die Begegnung mit etwas Größerem ereignen.

"Die religiöse Entwicklung ist keine Ersatz für die menschliche Entwicklung, sondern sie sollte diese Entwicklung beflügeln und unterstützen. Religion kann uns den Weg nicht ersparen, aber sie kann unseren Schritt leichter machen, weil wir die Heimat schon sehen."


Im letzten Teil seines Buches zieht Müller dann die Konsequenzen: Vom privaten Leben, dem er Ruhezeiten und Meditation empfiehlt bis zum politischen Leben, in dem er ein Grundeinkommen und einen schlanken Staat favorisiert. Sein Schlussplädoyer, dass es wirkliche politische Veränderung nur mit veränderten Individuen gebe, das muss man in dieser Ausschließlichkeit nicht teilen und das Gerede von der neuen Epoche auch nicht.
Aber auch wenn man das abzieht, bleibt ein leicht und intelligent geschriebenes Buch über eine sehr moderne, vielleicht kann man sagen: weltliche Spiritualität. Ein Buch für solche, die an ihrem Innenleben interessiert sind, die aber niemals ein Buch über Spiritualität lesen würden, weil ihnen die meisten Bücher dieser Art zu klebrig und zu simpel sind. Denen kann man die „Inseln der Zukunft“ empfehlen.

Wolfgang Müller, Inseln der Zukunft. Menschliche Entwicklung in Zeiten der Globalisierung, Arbor Verlag Freiamt im Schwarzwald 2007, 251 Seiten, 16,90 Euro.

WDR 5 Diesseits von Eden / 6.1.200