Mit dem Papst die Klingen kreuzen.
Wolfgang Huber erklärt den christlichen Glauben evangelisch.
Der Papst ist ein ehemaliger Theologieprofessor und veröffentlicht nicht nur Enzykliken, sondern hält auch akademische Vorträge und schreibt auch theologische Bücher. Das mediale Echo ist enorm. So fällt dem deutschen Papst – über den Kreis seiner Kirche – die Deutungs-Hohheit zu, über das, was heute als christlich zu gelten hat.
Das kann im Land der Reformation kaum unbeantwortet bleiben. Und so hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, ebenfalls ein ehemaliger Theologieprofessor, nun seine Sicht der Dinge aufgeschrieben: Der christliche Glaube heißt das Buch: Und im Untertitel: Eine evangelische Orientierung. Christoph Fleischmann hat es gelesen:

„Der christliche Glaube“ – wer sein Buch so nennt, der hat nicht nur berühmte Vorbilder, dem geht es ums Ganze: Unter den drei Dimensionen Glaube, Hoffnung und Liebe entfaltet Wolfgang Huber die christliche Existenz, wobei der Glaube unterteilt wird in die drei göttlichen Personen: Gott, Christus, Heiliger Geist. Ein kleiner Katechismus. Aber nicht einer, in dem alte Wahrheiten wiederholt werden: Huber bezieht sich immer wieder auf aktuelle Fragen und Diskussionen.
Und er nimmt Stellung als Protestant: „Eine evangelische Stimme zum ökumenischen Miteinander der Christen“ will Wolfgang Huber mit seinem Buch liefern. In der Tat: Man kann das Buch auch als eine Auseinandersetzung mit Benedikt XVI. lesen, von dem Huber sich an verschiedenen Stellen seines Buches abgrenzt. So bei der Frage, ob der historischen Jesus genau der Christus ist, den die Kirche in ihren Dogmen bekennt, was Papst Benedikt in seinem „Jesus“-Buch behauptet.
"So plausibel der Versuch ist, den Weg Jesu in einer Weise zu deuten, die von dem Bekenntnis zu seiner Gottessohnschaft ausgeht, so liegt doch in der Behauptung, dies sei der einzig denkbare Weg, eine Engführung. Denn die neutestamentlichen Schriften sind für eine Mehrzahl von Deutungen des Weges Jesu off en. Es ist deshalb legitim, wenn Historiker das, was wir historisch über das Leben Jesu wissen, von dem Bekenntnis zu seiner Gottessohnschaft unterscheiden."
Das was wir historisch über Jesus wissen führt also nicht zwangsläufig zu dem Bekenntnis der Kirche, dass er der Sohn Gottes sei. Aber wenn der historische Jesus nicht identisch ist mit dem Christus des Glaubensbekenntnisses, steht der Glaube dann nicht auf wackeligem Grund? Wolfgang Huber differenziert: Die Schilderungen des Lebens Jesu seien eben immer von der Wahrnehmung geprägt, dass in Jesus Gott zu den Menschen gekommen sei.
"Den Schriften des Neuen Testaments wird man dann am ehesten gerecht, wenn man beide Sichtweisen miteinander verbindet: das Interesse an dem, was historisch gewesen ist, und die Offenheit für das Glaubenszeugnis, das sich mit diesem Geschehen verbindet."
Das klingt ein bisschen unkonkret. Der, der nicht ohnehin schon glaubt, möchte vielleicht näher wissen, welchen Anhalt das Glaubenszeugnis an der historischen Person Jesus hat. Aber mit Mitteln der Geschichtswissenschaft gibt es keine Eindeutigkeit und keine Glaubensgewissheit, da ist Huber ehrlicher als der Papst, der so schrieb, als seien alle biblischen Jesusgeschichten mehr oder weniger historische Fakten.
Ähnlich unentschieden kann man Hubers Zuordnung von Wissen und Glauben finden: Huber meint nicht, dass die Vernunft eindeutig auf Gott verweise – wie es Papst Benedikt in seiner Regensburger Vorlesung postulierte. Das Erfahrungswissen tauge nicht für die Erkenntnis Gottes, so Huber: Der Glaube sei eine Einstellung zur Wirklichkeit, die allem Wissen vorausginge:
"Es handelt sich um eine im Vertrauen zu Gott begründete Daseinsgewissheit, der, obwohl sie nicht im Wissen aufgeht, für den Umgang mit allem Wissen eine orientierende Bedeutung zukommt. Es ist ein gravierendes Missverständnis, den Glauben, weil er den Bereich des Wissens überschreitet, für irrational zu erklären oder in einer Kammer des bloßen Fühlens und Meinens einzusperren."
Natürlich ist eine „Daseinsgewissheit“ mehr als „Fühlen und Meinen“ – aber ist diese Daseinsgewissheit letztlich nicht doch zusammengesetzt aus ganz viel verdichtetem „Fühlen und Meinen“? Huber benennt – absichtlich oder nicht – das dünne Eis, auf dem der Glaube steht. Dem Papst ist dieses Eis zu dünn. Benedikt will den Glauben mit der vernunftgeleiteten Erkenntnis stützen: Die menschliche Vernunft verweise auf Gott. Aber das ist nur unter der Voraussetzung richtig, dass die menschliche Vernunft ein Spiegelbild der göttlichen Vernunft ist. Eine Position, die Huber suspekt ist:
"Je stärker die Christenheit davon überzeugt war, dass ein angemessener Gebrauch
der menschlichen Vernunft zu keiner anderen Konsequenz als zur Anerkennung des christlichen Glaubens führen könne, desto massiver neigte sie dazu, Menschen, die sich dieser Konsequenz verweigerten, das Menschsein abzusprechen. Diese Vorstellung steht im Hintergrund der mittelalterlichen Exzesse im Umgang mit Ungläubigen oder Irrgläubigen, also mit Heiden und Häretikern."
Huber ist höflich genug, an dieser Stelle nicht Benedikt zu erwähnen, aber auch der glaubt, dass ein angemessener Gebrauch der menschlichen Vernunft letztlich zur Anerkennung des christlichen Glaubens führen müsse.
Wolfgang Hubers Buch ist nicht immer einfach, aber im Wesentlichen allgemein verständlich – ohne wissenschaftlichen Apparat. Der theologisch Interessierte, der nach originellen Ideen und konsequenten Folgerungen sucht, der wird enttäuscht. Huber bringt das, was in weiten Teilen seiner Kirche konsensfähig ist. Auch so wird er dem Anspruch gerecht, eine evangelische Orientierung zu bieten.
Wolfgang Huber, Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung, Gütersloher Verlagshaus 2008, 288 Seiten, EUR 19,95.
WDR 5 Diesseits von Eden / 31.8.2008
Das kann im Land der Reformation kaum unbeantwortet bleiben. Und so hat der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, ebenfalls ein ehemaliger Theologieprofessor, nun seine Sicht der Dinge aufgeschrieben: Der christliche Glaube heißt das Buch: Und im Untertitel: Eine evangelische Orientierung. Christoph Fleischmann hat es gelesen:

„Der christliche Glaube“ – wer sein Buch so nennt, der hat nicht nur berühmte Vorbilder, dem geht es ums Ganze: Unter den drei Dimensionen Glaube, Hoffnung und Liebe entfaltet Wolfgang Huber die christliche Existenz, wobei der Glaube unterteilt wird in die drei göttlichen Personen: Gott, Christus, Heiliger Geist. Ein kleiner Katechismus. Aber nicht einer, in dem alte Wahrheiten wiederholt werden: Huber bezieht sich immer wieder auf aktuelle Fragen und Diskussionen.
Und er nimmt Stellung als Protestant: „Eine evangelische Stimme zum ökumenischen Miteinander der Christen“ will Wolfgang Huber mit seinem Buch liefern. In der Tat: Man kann das Buch auch als eine Auseinandersetzung mit Benedikt XVI. lesen, von dem Huber sich an verschiedenen Stellen seines Buches abgrenzt. So bei der Frage, ob der historischen Jesus genau der Christus ist, den die Kirche in ihren Dogmen bekennt, was Papst Benedikt in seinem „Jesus“-Buch behauptet.
"So plausibel der Versuch ist, den Weg Jesu in einer Weise zu deuten, die von dem Bekenntnis zu seiner Gottessohnschaft ausgeht, so liegt doch in der Behauptung, dies sei der einzig denkbare Weg, eine Engführung. Denn die neutestamentlichen Schriften sind für eine Mehrzahl von Deutungen des Weges Jesu off en. Es ist deshalb legitim, wenn Historiker das, was wir historisch über das Leben Jesu wissen, von dem Bekenntnis zu seiner Gottessohnschaft unterscheiden."
Das was wir historisch über Jesus wissen führt also nicht zwangsläufig zu dem Bekenntnis der Kirche, dass er der Sohn Gottes sei. Aber wenn der historische Jesus nicht identisch ist mit dem Christus des Glaubensbekenntnisses, steht der Glaube dann nicht auf wackeligem Grund? Wolfgang Huber differenziert: Die Schilderungen des Lebens Jesu seien eben immer von der Wahrnehmung geprägt, dass in Jesus Gott zu den Menschen gekommen sei.
"Den Schriften des Neuen Testaments wird man dann am ehesten gerecht, wenn man beide Sichtweisen miteinander verbindet: das Interesse an dem, was historisch gewesen ist, und die Offenheit für das Glaubenszeugnis, das sich mit diesem Geschehen verbindet."
Das klingt ein bisschen unkonkret. Der, der nicht ohnehin schon glaubt, möchte vielleicht näher wissen, welchen Anhalt das Glaubenszeugnis an der historischen Person Jesus hat. Aber mit Mitteln der Geschichtswissenschaft gibt es keine Eindeutigkeit und keine Glaubensgewissheit, da ist Huber ehrlicher als der Papst, der so schrieb, als seien alle biblischen Jesusgeschichten mehr oder weniger historische Fakten.
Ähnlich unentschieden kann man Hubers Zuordnung von Wissen und Glauben finden: Huber meint nicht, dass die Vernunft eindeutig auf Gott verweise – wie es Papst Benedikt in seiner Regensburger Vorlesung postulierte. Das Erfahrungswissen tauge nicht für die Erkenntnis Gottes, so Huber: Der Glaube sei eine Einstellung zur Wirklichkeit, die allem Wissen vorausginge:
"Es handelt sich um eine im Vertrauen zu Gott begründete Daseinsgewissheit, der, obwohl sie nicht im Wissen aufgeht, für den Umgang mit allem Wissen eine orientierende Bedeutung zukommt. Es ist ein gravierendes Missverständnis, den Glauben, weil er den Bereich des Wissens überschreitet, für irrational zu erklären oder in einer Kammer des bloßen Fühlens und Meinens einzusperren."
Natürlich ist eine „Daseinsgewissheit“ mehr als „Fühlen und Meinen“ – aber ist diese Daseinsgewissheit letztlich nicht doch zusammengesetzt aus ganz viel verdichtetem „Fühlen und Meinen“? Huber benennt – absichtlich oder nicht – das dünne Eis, auf dem der Glaube steht. Dem Papst ist dieses Eis zu dünn. Benedikt will den Glauben mit der vernunftgeleiteten Erkenntnis stützen: Die menschliche Vernunft verweise auf Gott. Aber das ist nur unter der Voraussetzung richtig, dass die menschliche Vernunft ein Spiegelbild der göttlichen Vernunft ist. Eine Position, die Huber suspekt ist:
"Je stärker die Christenheit davon überzeugt war, dass ein angemessener Gebrauch
der menschlichen Vernunft zu keiner anderen Konsequenz als zur Anerkennung des christlichen Glaubens führen könne, desto massiver neigte sie dazu, Menschen, die sich dieser Konsequenz verweigerten, das Menschsein abzusprechen. Diese Vorstellung steht im Hintergrund der mittelalterlichen Exzesse im Umgang mit Ungläubigen oder Irrgläubigen, also mit Heiden und Häretikern."
Huber ist höflich genug, an dieser Stelle nicht Benedikt zu erwähnen, aber auch der glaubt, dass ein angemessener Gebrauch der menschlichen Vernunft letztlich zur Anerkennung des christlichen Glaubens führen müsse.
Wolfgang Hubers Buch ist nicht immer einfach, aber im Wesentlichen allgemein verständlich – ohne wissenschaftlichen Apparat. Der theologisch Interessierte, der nach originellen Ideen und konsequenten Folgerungen sucht, der wird enttäuscht. Huber bringt das, was in weiten Teilen seiner Kirche konsensfähig ist. Auch so wird er dem Anspruch gerecht, eine evangelische Orientierung zu bieten.
Wolfgang Huber, Der christliche Glaube. Eine evangelische Orientierung, Gütersloher Verlagshaus 2008, 288 Seiten, EUR 19,95.
WDR 5 Diesseits von Eden / 31.8.2008



