Was die Welt im Innersten zusammenhält?
Über Geld nachdenken.
Nachdenken für alle. Jedes Jahr im Herbst ruft der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann zum Philosophicum nach Lech am Arlberg. Hinter dem Veranstaltungstitel verbirgt sich kein bildungsbürgerliches Propädeuticum. Vielmehr werden zu einem aktuellen Thema Fachleute verschiedener Disziplinen von einem großen Publikum gehört. Letzten Herbst war das Thema passend zur Finanzkrise: „Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält?“ Die Vorträge des Philosophicums sind nun als Buch erschienen. Christoph Fleischmann stellt den Sammel-Band für WDR 3 vor:
Ein literarischer Beitrag des Sammelbandes von Konrad Paul Liessmann ist es, der mehr zur Erhellung des gegenwärtigen politischen Geschehens beiträgt als manche Wirtschafts-Analyse. Dass der Verlust von Geld durch die Bereitstellung von neuem Geld – quasi aus dem Nichts – bekämpft wird, ist ein altes Phänomen, das schon Goethe im zweiten Teil seines Faust beschrieben hat:
O-Ton 1 Binswanger
Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger präsentiert seine Faust-Interpretation: Die moderne Wirtschaft, die mit der Ausgabe von Krediten Geld aus dem Nichts schaffe, sei für Goethe die Erfüllung der Alchemie: Aus Papierzetteln wird ein realer Wert, wenn Faust im Verlauf des zweiten Teiles das geschaffene Geld als Unternehmer in ein gigantisches Landgewinnungsprojekt investiert. Mit Hilfe des Geldes verwandelt sich alles in Wert.
O-Ton 2 Binswanger
Die Bewegung des Geldes ziele auf einen tendenziell unendlichen Prozess, der die Grenzen von Raum und Zeit nicht berücksichtige, so Binswanger. Deswegen scheitere Faust am Ende an der Zeit. Mephisto blickt auf den toten Faust:
O-Ton 3 Mephistopheles
O-Ton 4 Binswanger
Diese Probleme seien vor allem der Verlust der Schönheit, und der Ruhe zu Genießen. Der vermeintlich ewige Prozess des Geldvermehrung treibe die Menschen in Sorge um das Geld immer weiter an. In dieser Perspektive ist die aktuelle Krise nicht durch die Bereitstellung von frischem Geld zu lösen. Neues Geld hat die Tendenz, die Grenzen von Raum und Zeit zu ignorieren: Weiterer Naturverbrauch und Blasenbildung an der Börse sind die Folgen.
Die stetige Prozess der Selbstvermehrung des Kapitals treibt auch den Tübinger Soziologen Christoph Deutschmann um:
O-Ton 5 Deutschmann
Deutschmann kommt von der seit jeher gefühlten Konkurrenz und Nähe zwischen Gott und Geld zu einer luziden Theorie: Im Kapitalismus stehe das Geld nicht mehr nur für die einzelnen Waren, die man sich dafür kaufen könne. Wer viel Geld habe, könne sich im Kapitalismus Arbeitskraft kaufen:
O-Ton 6 Deutschmann
Das Geld mache also das Unabgeschlossene und Nicht-Bestimmbare bestimmbar. Genau das aber sei die Definition, die Niklas Luhmann für die Religion gefunden habe. Während im religiösen Glauben die menschlichen Fähigkeiten auf einen Gott projiziert würden, so würden sie im Kapitalismus auf das Geld projiziert. Umgekehrt bedeute das natürlich auch, dass allein das Geld den Wert einer Arbeit bestimme.
Das möchte Deutschmann mit der Entmythologisierung der Geld-Religion ändern. Ob eine bedingungsloses Grundeinkommen ein Weg sein kann, die Herrschaft des Geldes über die Arbeit zu mindern? Wie man auch die Folgerungen zieht, auch bei Deutschmann wird deutlich, dass es nicht um intellektuelle Eitelkeiten geht, sondern um gesellschaftlich relevante Fragen.
Insgesamt ist die Palette der Artikel zum Geld höchst anregend und empfehlenswert, weil der Herausgeber Konrad Paul Liessmann nicht die Köpfe versammelt hat, die zu den medialen Leitwölfen gehören, sondern die, die Originelles zu sagen haben.
WDR 3 Resonanzen / 25.5.2009
Ein literarischer Beitrag des Sammelbandes von Konrad Paul Liessmann ist es, der mehr zur Erhellung des gegenwärtigen politischen Geschehens beiträgt als manche Wirtschafts-Analyse. Dass der Verlust von Geld durch die Bereitstellung von neuem Geld – quasi aus dem Nichts – bekämpft wird, ist ein altes Phänomen, das schon Goethe im zweiten Teil seines Faust beschrieben hat:
O-Ton 1 Binswanger
Die ganze Geldschöpfung wird dargestellt im ersten Akt des zweiten Teiles von „Faust“; und zwar ist es so, dass der Kaiser Schulden hat, und die Frage stellt sich, wie er die Schulden ledig werden kann. Und da kommen Mephistopheles und Faust auf den Plan, und sie sagen: Wir haben einen neue Möglichkeit, diese Schulden zu beseitigen, wenn eben Papiergeld ausgegeben wird. Und dort wird auch gesagt, dass es sich um „Chymisterei“ handelt, das ist der andere Ausdruck für Alchemie, also eine künstliche Geldschöpfung, die dann nachher allerdings auch nicht nur zu einer künstlichen, sondern auch effektiven Wertschöpfung wird, indem man das Geld investiert.
Der Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger präsentiert seine Faust-Interpretation: Die moderne Wirtschaft, die mit der Ausgabe von Krediten Geld aus dem Nichts schaffe, sei für Goethe die Erfüllung der Alchemie: Aus Papierzetteln wird ein realer Wert, wenn Faust im Verlauf des zweiten Teiles das geschaffene Geld als Unternehmer in ein gigantisches Landgewinnungsprojekt investiert. Mit Hilfe des Geldes verwandelt sich alles in Wert.
O-Ton 2 Binswanger
Der Stein der Weisen ist im Grunde der Geldwert, der in den Dingen steckt, wenn man ihn herausholt und dann verwertet, das heißt verkäuflich macht und mit dieser Verkäuflichkeit dann auch ein Gewinn erzielt werden kann, der dann wieder reinvestiert wird und dann kann sich immer fortsetzen. Das führt zu einem ewigen Wachstum zu einem ewigen Fortschritt in der Vorstellung mindestens, wenn man sich nicht daran hält, dass hier doch die Welt endlich ist. Aber wenn man darüber hinwegsieht, dann wird es eben zu einer Alchemie, die sich ewig fortsetzen kann.
Die Bewegung des Geldes ziele auf einen tendenziell unendlichen Prozess, der die Grenzen von Raum und Zeit nicht berücksichtige, so Binswanger. Deswegen scheitere Faust am Ende an der Zeit. Mephisto blickt auf den toten Faust:
O-Ton 3 Mephistopheles
Der mir so kräftig widerstand,
Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand.
O-Ton 4 Binswanger
Die Zeit wird Herr heißt dann eben, dass dieses alchemistische Programm nicht gelungen ist. und zwar deswegen, weil Faust oder eben der moderne Mensch blind geworden ist für die Probleme, die sich stellen, wenn man immer weiter im wirtschaftlichen Wachstum im Fortschritt fortschreitet und in dem Maße dann aber auch nicht wahrnimmt, was Probleme sich ergeben, wenn man sich mit der Endlichkeit der Welt auseinandersetzen muss:
Diese Probleme seien vor allem der Verlust der Schönheit, und der Ruhe zu Genießen. Der vermeintlich ewige Prozess des Geldvermehrung treibe die Menschen in Sorge um das Geld immer weiter an. In dieser Perspektive ist die aktuelle Krise nicht durch die Bereitstellung von frischem Geld zu lösen. Neues Geld hat die Tendenz, die Grenzen von Raum und Zeit zu ignorieren: Weiterer Naturverbrauch und Blasenbildung an der Börse sind die Folgen.
Die stetige Prozess der Selbstvermehrung des Kapitals treibt auch den Tübinger Soziologen Christoph Deutschmann um:
O-Ton 5 Deutschmann
Der Gott des Westens ist in der Tat das Geld oder das Geldvermögen.
Deutschmann kommt von der seit jeher gefühlten Konkurrenz und Nähe zwischen Gott und Geld zu einer luziden Theorie: Im Kapitalismus stehe das Geld nicht mehr nur für die einzelnen Waren, die man sich dafür kaufen könne. Wer viel Geld habe, könne sich im Kapitalismus Arbeitskraft kaufen:
O-Ton 6 Deutschmann
In diesem Augenblick steht dem Geld nicht etwas endliches Bestimmtes gegenüber, sondern etwas nicht Bestimmbares, denn das, was man mit menschlicher Arbeit erreichen kann, das wird keine Theorie jemals abschließend sagen können. [...] Die menschliche Arbeitskraft ist kreativ, kann unerhörte Dinge, von denen wir uns vielleicht noch gar nichts träumen lassen, hervorbringen und [...] daraus resultieren dann die mystischen Eigenschaften des Geldes, weil es genau diese Ressource Arbeitskraft, die solche Wunder hervorbringen kann, kontrolliert.
Das Geld mache also das Unabgeschlossene und Nicht-Bestimmbare bestimmbar. Genau das aber sei die Definition, die Niklas Luhmann für die Religion gefunden habe. Während im religiösen Glauben die menschlichen Fähigkeiten auf einen Gott projiziert würden, so würden sie im Kapitalismus auf das Geld projiziert. Umgekehrt bedeute das natürlich auch, dass allein das Geld den Wert einer Arbeit bestimme.
Das möchte Deutschmann mit der Entmythologisierung der Geld-Religion ändern. Ob eine bedingungsloses Grundeinkommen ein Weg sein kann, die Herrschaft des Geldes über die Arbeit zu mindern? Wie man auch die Folgerungen zieht, auch bei Deutschmann wird deutlich, dass es nicht um intellektuelle Eitelkeiten geht, sondern um gesellschaftlich relevante Fragen.
Insgesamt ist die Palette der Artikel zum Geld höchst anregend und empfehlenswert, weil der Herausgeber Konrad Paul Liessmann nicht die Köpfe versammelt hat, die zu den medialen Leitwölfen gehören, sondern die, die Originelles zu sagen haben.
Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält? Hg. v. Konrad Paul Liessmann (Zsolnay Verlag) Wien 2009, 312 Seiten, 21,50 Euro.
WDR 3 Resonanzen / 25.5.2009



