Theorie-Häppchen für Globalisierungskritiker.

Der Reader zum Kapitalismus-Kongress von attac.

„Mehr Ratlosigkeit als Aufbruch“ titelte die Berliner „tageszeitung“ nach dem Kapitalismus-Kongress von Attac im März diesen Jahres. Damit war wohl die Stimmung unter den Besuchern angesichts der globalen Finanzkrise gemeint. Oder bezog es sich auch auf die von den Referenten angebotenen Analysen und Alternativen? Von denen liegen jetzt einige in einem Sammelband vor. Bei der Durchsicht des Werkes bleibt der Verdacht, das eine luzide Analyse dessen, was passiert ist und was die globalisierungskritische Bewegung daraus machen kann, noch aussteht. Vielleicht ist dieser Eindruck auch dem Umstand geschuldet, dass keiner der Texte in dem Sammelband länger ist als sechs Seiten. Möglicherweise ist es aber auch zu viel verlangt, zu wissen, wie man die Menschen mobilisiert angesichts der größten Krise des Kapitalismus in den vergangenen 70 Jahren.

Da gibt es die, die sich darin sonnen, dass sie Recht hatten – wie Heiner Flassbeck, den Chefökonomen der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD). Das hilft freilich noch nicht viel weiter. Interessanter wäre die Frage, ob seine jahrelange und jetzt erfüllte Forderung nach einem ordentlichen Konjunkturprogramm wirklich schon die Lösung ist. In ein System, das an einem Wasserkopf aus Geld kollabiert ist, wird nun weiter Geld gepumpt. Das klingt noch nicht sonderlich originell. Dann gibt es die, die Lösungen anbieten, die sie auch vor der Krise angeboten hätten, weil sie immer schon wussten, dass der Kapitalismus abgeschafft gehört. Das ist vielleicht gar nicht falsch, aber keine klare Analyse dessen, was in den vergangenen zwei Jahren passiert ist.

Von einigen kann man jedoch etwas lernen: Zu ihnen zählt der katholische Sozialethiker Bernhard Emunds, obwohl – oder gerade weil – er denen, die den Kapitalismus am Ende sehen, Wasser in den Wein schüttet. „Keine Kapitalismuskrise, sondern eine Krise der Finanzwirtschaft“ heißt sein Beitrag, in dem er sehr schön erklärt, wie das herkömmliche Geschäft der Banken, die Kreditgewährung mittels Geldschöpfung, mit dem neuen Geschäft des Investmentbanking eine unheilige Allianz eingegangen ist: Die Geldschöpfung, das dynamische Element des Kapitalismus, das unablässig das Wachstum forciert, floss nicht mehr in die Güterproduktion, sondern in Finanzoperationen.

Dort konnte man mit Hilfe des Kredithebels die Rendite auf das Eigenkapital drastisch steigern, freilich zu dem Preis, dass sich – nicht nur bei US-Immobilien – eine gigantische Preisblase bildete. Die Lösung wäre nach Emunds eine neuerliche Trennung der „Geldschöpfungsmaschine der Geschäftsbanken“ und der Finanzmärkte. Das hat viel für sich, vielleicht müsste man aber unter ökologischen Gesichtspunkten auch der Geldschöpfungsmaschine etwas Sand ins Getriebe streuen.

Insgesamt ist eine schöne Übersicht zusammengekommen, wie vielfältig und uneinheitlich die globalisierungskritische Bewegung ist: Da steht der grüne Realo Ralf Fücks, der für einen ökologischen Kapitalismus wirbt, neben dem aufrechten Robert Kurz, der jetzt bloß nicht den Kapitalismus gesundpflegen will. Auch thematisch ist das Feld weit gespannt: Von Finanzmarkt und Nachhaltigkeit über Demokratie und soziale Rechte bis zu Kultur und Medien und schließlich Krieg und Frieden.

Robert P. Brenner, Daniela Dahn, Friedhelm Hengsbach, Saskia Sassen u.a.,
Kapitalismus am Ende? Attac: Analysen und Alternativen, VSA-Verlag, Hamburg 2009,
240 Seiten, 14,90 Euro

welt-sichten / 12-2009/1-2010