Blinde Flecken?
Die Lebenserinnerungen von Joachim Gauck.
Autobiografien bergen Risiken: Einigen erliegt Joachim Gauck, andere umschifft er souverän. Zuerst zum Positiven: Die Lebenserinnerungen von Gauck sind keine langatmige Bekennerprosa, sondern gut und spannend geschriebene Erzählung, was sicher auch der Mitarbeit der Journalistin Helga Hirsch zu verdanken ist.
Außerdem muss man Gauck zugute halten, dass er seine Rolle nicht überhöht: Er sagt auch, was er nicht war: Nämlich kein Dissident, der sich in der Opposition zum SED-Regime abgearbeitet hat, sondern nur ein Pfarrer, der – wie fast alle Kirchenleute – immer wieder mit staatlichen Stellen aneinander geriet und mitgeholfen hat, dass einige Freiräume für oppositionellen Gruppen entstanden. Mehr nicht. Im Herbst 1989 hat er als Pfarrer in Rostock bei der friedlichen Revolution mitgemischt – aber auch hier wohl nicht in führender Rolle. Er wurde Mitglied im Neuen Forum und als solcher im März 1990 in die Volkskammer gewählt. Dort wollte er eigentlich in den spannenderen Ausschuss, in dem über die Wiedervereinigung beraten wurde, kam aber nur – da andere Vertreter von Bündnis 90 prominenter waren – in den Innenausschuss und bekam es dort mit der Frage nach dem Umgang mit Stasi-Akten zu tun. Hierzu führte er auch die Verhandlungen mit den westdeutschen Seiten und wurde noch von der DDR-Volkskammer zum ersten Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit gewählt. Er war weder Fachmann für Aufarbeitung von Diktaturfolgen noch Stasi-Fachmann – und wurde Chef einer einflussreichen Behörde mit bis zu 3000 Mitarbeitern und kam so in die Rolle des Chefaufklärers für Stasi-Unrecht. So weit, so sympathisch.


Schade ist freilich, dass Gauck tatsächlich nur seine Erinnerungen wiedergibt und wenig analysiert. An manchen Stellen hätte man sich mehr Hintergrundinformationen gewünscht, die über die Erinnerungen hinaus das Geschehene einordnen und die Erzählung so runder machen. Aber das ist sicher eine lässliche Sünde.
Dazu kommt weniger lässlich, dass Gauck sich nur selektiv erinnert. Manches kommt nicht vor, was ein Biograf nicht ausgelassen hätte. Zum Beispiel fehlt die Auseinandersetzung um das Schwarzbuch des Kommunismus, für das Gauck zusammen mit einem Mitarbeiter seiner Behörde Beiträge für die deutsche Übersetzung geliefert hat. Es ist schwer zu glauben, dass diese Auseinandersetzung, die einigen publizistischen Wind entfachte, ihm unwichtig erschienen ist. Eher schon muss man vermuten, dass er sie nicht mit aufgenommen hat, weil er in dieser Auseinandersetzung nicht die allerbeste Figur gemacht hat.
Das führt zum häufigsten Risiko einer Autobiografie: Letztlich geht es auch Gauck darum, seinen Lebensweg zu rechtfertigen. Das ist menschlich verständlich, aber literarisch verliert das Buch, wenn der Protagonist immer Recht hat, ambivalente Figuren sind spannender. Und sachlich wird das Buch dann intellektuell dünn, wenn Gauck immer Recht hatte und die Alternativen, die sich gerade in dem turbulenten Jahr 89/90 boten, nicht einmal diskutiert, sondern nur kurz abkanzelt werden: Die altgedienten Dissidenten, die von einem dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus geträumt hätten, hätten den Kontakt zum Volk verloren – als sei das ein Argument in der Sache! Lustig ist das, weil Gauck im Zusammenhang mit der Debatte um IMs von einem Zauber spricht, der „der kritischen Selbstreflexion innewohnt“. Von diesem Zauber ist sein Buch ziemlich frei; er blitzt höchstens kurz auf.
Besonders deutlich wird das, wenn man sich die Frontstellung des Buches ansieht: Gauck schreibt gegen DDR-Nostalgiker und gegen diejenigen, die die Aufarbeitung des Stasi-Unrechts blockieren wollen. Das ist verständlich. Aber er schreibt deutlich auch gegen die Linken im Westen, deren Kritik an der Bundesrepublik er nicht gelten lassen will, weil die BRD doch eine tolle Demokratie und ein vorbildlicher Rechtsstaat sei, an dem man nicht herummäkeln solle. Er bezichtigt die Linken des Utopismus, also dass sie nach dem absolut Besten Ausschau hielten und nicht das naheliegende Bessere anstrebten. Und manchmal wirft er der westdeutschen Linken auch vor, dass sie den kommunistischen Regimes zu leisetreterisch gegenüber getreten seien; freilich ohne diesen Vorwurf allzu sehr zu substantiieren.
Immerhin merkt man, dass Gauck sich bemüht die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen Ost und West zu verstehen: Gauck berichtet von Pfarrertreffen mit Westkollegen vor 1989: Jeder habe dort die Fehler des eigenen Systems gesehen und habe die Fehler des anderen Systems verharmlost. Freilich macht er auch hier klar, dass er die Sympathien von linken Westpfarrern für einen idealen Sozialismus albern findet. Nur an einer Stelle relativiert Gauck auch die eigene Wahrnehmung: Er konnte vor dem Mauerbau mehrmals nach Berlin und in den Westen. Das war danach kaum noch möglich: „Von nun an gab es zwei Arten von Westdeutschland: das reale, das sich fortan Tag für Tag in eine unbekannte Richtung verwandelte, und das ersehnte, das im Innern jener Ostdeutschen lebte, die niemals von ihm lassen wollten. [...] Der Westen war wie eine Frau, die man als Siebzehnjähriger auf den Sockel hebt und anbetet. Da können Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergehen, ihre Schönheit bleibt erhalten.“

Nochmal: Kritik an den westdeutschen Linksliberalen ist sicher manches Mal angebracht, zum Beispiel wenn aus diesen Reihen ein Schlussstrich unter die Aufarbeitung des DDR-Unrechts gefordert wurde. Dann ist der Vorwurf von Gauck nicht unberechtigt, dass diejenigen, die ihre Eltern wegen der Übernahme der NS-Eliten zu Recht kritisiert hätten, nun beim Unrecht auf der anderen Seite andere Maßstäbe anlegten. Freilich wird man den Verdacht nicht los, dass Gauck auf der anderen Seite vom Pferd fällt: Er zieht gerne mal unpassende Vergleiche zwischen NS- und DDR-Diktatur, die der Gleichsetzung von rotem und braunem Terror dienen. („Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere [...] gelernt ihre Ellenbogen einzusetzen.“ „Es hat wohl noch keine Gesellschaft [...] gegeben, die den Verrat als Teil der selbstverständlichen Loyalität gegenüber dem Staat akzeptiert hätte. [...] Selbst in der NS-Zeit ist die geheime Zusammenarbeit mit der Gestapo nicht als selbstverständlich betrachtet worden.“ Der Protest der Studenten für Heinrich Fink erinnerte Gauck „an die Haltung der westdeutschen Gesellschaft in den fünfziger Jahren, als Konrad Adenauer [...] aus den NS-Verstrickungen seines engen Beraters Hans Globke keine Konsequenzen ziehen wollte“.)
Diese Tendenz, das kommunistische Unrecht dem NS-Unrecht gleichzusetzen oder sogar überzuordnen, wird nun freilich biografisch erhellt: Gaucks Vater wurde 1951 „abgeholt“. Die Familie wusste nicht, wo der Vater war. Später stellte sich heraus, dass er von einem Sowjetischen Militärtribunal verurteilt worden war und in ein Lager nach Sibirien verbannt worden war. (Dies geschah im Sommer, deswegen der Titel: „Winter im Sommer...“) Über vier Jahre später kam er frei durch den Einsatz Adenauers für die deutschen Kriegsgefangenen. Die Auseinandersetzung, die im Westen geführt wurde, über das, was die Väter während der NS-Zeit gemacht haben, fand unter diesem Vorzeichen natürlich kaum statt: Unrecht war erst mal ganz offensichtlich der verschwundene Vater. Ob der auch Unrecht begangen habe, als er im besetzten Polen als Marineoffizier tätig war, erfahren die Leser nicht. Vermutlich hat es auch Joachim Gauck nie erfahren. Er hat verständnisvolle Worte dafür, dass seine Eltern erst 1978 aus Anlass der „Holocaust“-Serie im Westfernsehen sich an die Rostocker Juden erinnern, die alle ähnlich wie der Vater verschwanden. „Die Rostocker hatten mit ihnen gelebt, es war nicht möglich ihr Verschwinden nicht zu bemerken, aber sie hatten es sich nicht zu Herzen genommen. So gelangte es wohl nicht in ihre Köpfe, was sie damals hätte irre machen können, und so war es aus der Erinnerung entfallen.“ Wirft Gauck manchen Linken die Verharmlosung des DDR-Unrechts vor, so muss er sich die Retourkutsche in Bezug auf das NS-Unrecht wohl gefallen lassen.
Außerdem muss man Gauck zugute halten, dass er seine Rolle nicht überhöht: Er sagt auch, was er nicht war: Nämlich kein Dissident, der sich in der Opposition zum SED-Regime abgearbeitet hat, sondern nur ein Pfarrer, der – wie fast alle Kirchenleute – immer wieder mit staatlichen Stellen aneinander geriet und mitgeholfen hat, dass einige Freiräume für oppositionellen Gruppen entstanden. Mehr nicht. Im Herbst 1989 hat er als Pfarrer in Rostock bei der friedlichen Revolution mitgemischt – aber auch hier wohl nicht in führender Rolle. Er wurde Mitglied im Neuen Forum und als solcher im März 1990 in die Volkskammer gewählt. Dort wollte er eigentlich in den spannenderen Ausschuss, in dem über die Wiedervereinigung beraten wurde, kam aber nur – da andere Vertreter von Bündnis 90 prominenter waren – in den Innenausschuss und bekam es dort mit der Frage nach dem Umgang mit Stasi-Akten zu tun. Hierzu führte er auch die Verhandlungen mit den westdeutschen Seiten und wurde noch von der DDR-Volkskammer zum ersten Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit gewählt. Er war weder Fachmann für Aufarbeitung von Diktaturfolgen noch Stasi-Fachmann – und wurde Chef einer einflussreichen Behörde mit bis zu 3000 Mitarbeitern und kam so in die Rolle des Chefaufklärers für Stasi-Unrecht. So weit, so sympathisch.

Schade ist freilich, dass Gauck tatsächlich nur seine Erinnerungen wiedergibt und wenig analysiert. An manchen Stellen hätte man sich mehr Hintergrundinformationen gewünscht, die über die Erinnerungen hinaus das Geschehene einordnen und die Erzählung so runder machen. Aber das ist sicher eine lässliche Sünde.
Dazu kommt weniger lässlich, dass Gauck sich nur selektiv erinnert. Manches kommt nicht vor, was ein Biograf nicht ausgelassen hätte. Zum Beispiel fehlt die Auseinandersetzung um das Schwarzbuch des Kommunismus, für das Gauck zusammen mit einem Mitarbeiter seiner Behörde Beiträge für die deutsche Übersetzung geliefert hat. Es ist schwer zu glauben, dass diese Auseinandersetzung, die einigen publizistischen Wind entfachte, ihm unwichtig erschienen ist. Eher schon muss man vermuten, dass er sie nicht mit aufgenommen hat, weil er in dieser Auseinandersetzung nicht die allerbeste Figur gemacht hat.
Das führt zum häufigsten Risiko einer Autobiografie: Letztlich geht es auch Gauck darum, seinen Lebensweg zu rechtfertigen. Das ist menschlich verständlich, aber literarisch verliert das Buch, wenn der Protagonist immer Recht hat, ambivalente Figuren sind spannender. Und sachlich wird das Buch dann intellektuell dünn, wenn Gauck immer Recht hatte und die Alternativen, die sich gerade in dem turbulenten Jahr 89/90 boten, nicht einmal diskutiert, sondern nur kurz abkanzelt werden: Die altgedienten Dissidenten, die von einem dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus geträumt hätten, hätten den Kontakt zum Volk verloren – als sei das ein Argument in der Sache! Lustig ist das, weil Gauck im Zusammenhang mit der Debatte um IMs von einem Zauber spricht, der „der kritischen Selbstreflexion innewohnt“. Von diesem Zauber ist sein Buch ziemlich frei; er blitzt höchstens kurz auf.
Besonders deutlich wird das, wenn man sich die Frontstellung des Buches ansieht: Gauck schreibt gegen DDR-Nostalgiker und gegen diejenigen, die die Aufarbeitung des Stasi-Unrechts blockieren wollen. Das ist verständlich. Aber er schreibt deutlich auch gegen die Linken im Westen, deren Kritik an der Bundesrepublik er nicht gelten lassen will, weil die BRD doch eine tolle Demokratie und ein vorbildlicher Rechtsstaat sei, an dem man nicht herummäkeln solle. Er bezichtigt die Linken des Utopismus, also dass sie nach dem absolut Besten Ausschau hielten und nicht das naheliegende Bessere anstrebten. Und manchmal wirft er der westdeutschen Linken auch vor, dass sie den kommunistischen Regimes zu leisetreterisch gegenüber getreten seien; freilich ohne diesen Vorwurf allzu sehr zu substantiieren.
Immerhin merkt man, dass Gauck sich bemüht die unterschiedlichen Wahrnehmungen zwischen Ost und West zu verstehen: Gauck berichtet von Pfarrertreffen mit Westkollegen vor 1989: Jeder habe dort die Fehler des eigenen Systems gesehen und habe die Fehler des anderen Systems verharmlost. Freilich macht er auch hier klar, dass er die Sympathien von linken Westpfarrern für einen idealen Sozialismus albern findet. Nur an einer Stelle relativiert Gauck auch die eigene Wahrnehmung: Er konnte vor dem Mauerbau mehrmals nach Berlin und in den Westen. Das war danach kaum noch möglich: „Von nun an gab es zwei Arten von Westdeutschland: das reale, das sich fortan Tag für Tag in eine unbekannte Richtung verwandelte, und das ersehnte, das im Innern jener Ostdeutschen lebte, die niemals von ihm lassen wollten. [...] Der Westen war wie eine Frau, die man als Siebzehnjähriger auf den Sockel hebt und anbetet. Da können Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergehen, ihre Schönheit bleibt erhalten.“

Nochmal: Kritik an den westdeutschen Linksliberalen ist sicher manches Mal angebracht, zum Beispiel wenn aus diesen Reihen ein Schlussstrich unter die Aufarbeitung des DDR-Unrechts gefordert wurde. Dann ist der Vorwurf von Gauck nicht unberechtigt, dass diejenigen, die ihre Eltern wegen der Übernahme der NS-Eliten zu Recht kritisiert hätten, nun beim Unrecht auf der anderen Seite andere Maßstäbe anlegten. Freilich wird man den Verdacht nicht los, dass Gauck auf der anderen Seite vom Pferd fällt: Er zieht gerne mal unpassende Vergleiche zwischen NS- und DDR-Diktatur, die der Gleichsetzung von rotem und braunem Terror dienen. („Als Herrenmenschen hatten viele Stasi-Offiziere [...] gelernt ihre Ellenbogen einzusetzen.“ „Es hat wohl noch keine Gesellschaft [...] gegeben, die den Verrat als Teil der selbstverständlichen Loyalität gegenüber dem Staat akzeptiert hätte. [...] Selbst in der NS-Zeit ist die geheime Zusammenarbeit mit der Gestapo nicht als selbstverständlich betrachtet worden.“ Der Protest der Studenten für Heinrich Fink erinnerte Gauck „an die Haltung der westdeutschen Gesellschaft in den fünfziger Jahren, als Konrad Adenauer [...] aus den NS-Verstrickungen seines engen Beraters Hans Globke keine Konsequenzen ziehen wollte“.)
Diese Tendenz, das kommunistische Unrecht dem NS-Unrecht gleichzusetzen oder sogar überzuordnen, wird nun freilich biografisch erhellt: Gaucks Vater wurde 1951 „abgeholt“. Die Familie wusste nicht, wo der Vater war. Später stellte sich heraus, dass er von einem Sowjetischen Militärtribunal verurteilt worden war und in ein Lager nach Sibirien verbannt worden war. (Dies geschah im Sommer, deswegen der Titel: „Winter im Sommer...“) Über vier Jahre später kam er frei durch den Einsatz Adenauers für die deutschen Kriegsgefangenen. Die Auseinandersetzung, die im Westen geführt wurde, über das, was die Väter während der NS-Zeit gemacht haben, fand unter diesem Vorzeichen natürlich kaum statt: Unrecht war erst mal ganz offensichtlich der verschwundene Vater. Ob der auch Unrecht begangen habe, als er im besetzten Polen als Marineoffizier tätig war, erfahren die Leser nicht. Vermutlich hat es auch Joachim Gauck nie erfahren. Er hat verständnisvolle Worte dafür, dass seine Eltern erst 1978 aus Anlass der „Holocaust“-Serie im Westfernsehen sich an die Rostocker Juden erinnern, die alle ähnlich wie der Vater verschwanden. „Die Rostocker hatten mit ihnen gelebt, es war nicht möglich ihr Verschwinden nicht zu bemerken, aber sie hatten es sich nicht zu Herzen genommen. So gelangte es wohl nicht in ihre Köpfe, was sie damals hätte irre machen können, und so war es aus der Erinnerung entfallen.“ Wirft Gauck manchen Linken die Verharmlosung des DDR-Unrechts vor, so muss er sich die Retourkutsche in Bezug auf das NS-Unrecht wohl gefallen lassen.
Joachim Gauck, Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, Siedler Verlag 2009, 352 Seiten, 22,95 Euro.



