Die Tretmühle der Landwirtschaft.

Mathias Binswanger empfiehlt mehr Wohlstand durch weniger Freihandel.

Dass ein freier Handel mit Agrargütern kein Königsweg zu mehr Wohlstand ist und die Agrarsubventionen der Industrieländer Märkte in Entwicklungsländern zerstören – das sind für viele entwicklungspolitisch Engagierte keine neuen Erkenntnisse. Das Interessante an dem Buch des Schweizer Ökonomen und Glücksforschers Mathias Binswanger ist also nicht so sehr die Position, die er vertritt, sondern wie er sie begründet. Wirtschaftswissenschaftlich fundiert widerlegt er die Befürworter des Freihandels.

Binswanger setzt an bei der Theorie der komparativen Vorteile von David Ricardo, die noch immer als Begründung für die vermeintlich vorteilhafte Exportorientierung von Entwicklungsländern herhalten muss. Danach solle ein Land sich auf die Produktion und den Export der Güter beschränken, bei denen es die höchste Wertschöpfung erzielen könne. Dies würde den größten Vorteil, verstanden als monetären Gewinn, für das Land abwerfen. Binswanger zeigt nun, dass dieses Modell nur unter bestimmten Laborbedingungen gilt, die selten oder nie in der Wirklichkeit gegeben sind.

Besonders pikant dabei: Das historische Beispiel, an dem Ricardo seine Theorie entwickelte – der Handel mit Wein und Tuch zwischen England und Portugal –, zeigt gerade die Nachteile, die sich für Portugal daraus ergaben, dass es Wein zu Vorzugszöllen nach England exportierte und Importzölle für englisches Tuch abbaute. Die heimische Tuchindustrie verfiel, ein ökonomischer Ausfall, der nicht durch vermehrten Weinanbau wettgemacht werden konnte. Dies liegt für Binswanger unter anderem daran, dass der Boden begrenzt ist, auf dem Wein angebaut werden kann. Für die landwirtschaftliche Produktion gibt es natürliche Grenzen.

Aber es gibt auch ökonomische Grenzen: Selbst wenn es gelingt, die Produktivität der Landwirtschaft durch den Einsatz von Maschinen, von besserem Saatgut und Kunstdünger zu steigern, profitieren Bauern nur selten davon. Binswanger bezieht sich auf den amerikanischen Ökonomen Willard Cochrane, der schon in den 1950er Jahren die so genannte landwirtschaftliche Tretmühle beschrieben hat. Danach führt eine Effizienzsteigerung, die auf gleichbleibende Nachfrage trifft, zu Preisverfall. Der Nachfrage nach Lebensmitteln sind unter anderem deshalb Grenzen gesetzt, weil Menschen nicht mehr essen können, als sie vertragen oder bezahlen können. Sie trinken nicht mehr Kaffee, nur weil die Kaffeeplantagen mehr oder günstiger liefern können. Die Kaffeeimporteure hingegen freuen sich über ein größeres Angebot – das hilft die Preise zu drücken. Das zeigt, dass eine Landwirtschaftspolitik, die vornehmlich auf Freihandel und Effizienzsteigerung setzt, verfehlt ist.

Laut Binswanger sind Handelsbeschränkungen zum Schutz der Landwirtschaft vorteilhaft für Industrie- wie für Entwicklungsländer. Lediglich der Umsatz weniger großer Nahrungsmittelkonzerne könnte dadurch leiden. Den Industrieländern empfiehlt er zudem, die Bauern stärker an der Wertschöpfung, also der Verarbeitung ihrer Produkte zu beteiligen, damit ihre Abhängigkeit von Subventionen reduziert werden kann. Ein intelligentes Büchlein, das verständlich und knapp jenen Argumentationshilfen bietet, die ihr entwicklungspolitisches Engagement nicht in Gegensatz zu den Interessen heimischer Bauern bringen lassen wollen.

Mathias Binswanger, Globalisierung und Landwirtschaft. Mehr Wohlstand durch weniger Freihandel, Picus Verlag, Wien 2009, 66 Seiten, 8,90 Euro