Das Wachstum bremsen.

Hans Christoph Binswanger will "Vorwärts zur Mäßigung".

„Geld kann man nie genug haben“, so eine Volksweisheit, die auch die gängige Wirtschaftstheorie aufgreift, wenn sie davon ausgeht, dass die Güter dieser Erde knapp sind, und es in der Wirtschaft deswegen auf die möglichst optimale Verteilung knapper Güter ankomme.

Dieser Perspektiven widerspricht der Schweizer Ökonom Hans Christoph Binswanger in seinem Aufruf zur Mäßigung: Das Problem sind nicht die knappen Güter, sondern das viele Geld – so könnte man Binswangers Erkenntnis zuspitzen. Denn die Schöpfung von neuem Geld provoziere einen Wachstumszwang der Wirtschaft, der ökologisch unverträglich sei und – wie die Finanzkrise gezeigt habe – zu Blasen und Abstürzen führe.

Die Aufsatzsammlung Vorwärts zur Mäßigung, die Texte aus vier Jahrzehnten enthält, bietet unter anderem eine kurze und leicht fassliche Zusammenfassung von Binswangers Wirtschaftstheorie, die im Jahr 2006 unter dem Titel Die Wachstumsspirale erschienen ist: Wenn Banken Kredite vergeben, so Binswanger, dann schöpfen sie Geld aus dem Nichts – und nehmen es nicht wie eine weit verbreitete Vorstellung will, von den Konten der anderen Sparer: »Dieser Betrag ist zu 100 Prozent neues Geld, denn es wird kein Guthaben auf einem anderen Konto dadurch vermindert.«

Diese Geldschöpfung ist wichtig für Unternehmen, die Kapital aufnehmen müssen bevor sie produzieren. Sie müssen ja Arbeit, Rohstoffe und Maschinen einkaufen. Das für die Produktion investierte Kapital schafft nun zugleich Einkommen, was auch notwendig ist, damit die Produkte, die hergestellt werden, gekauft werden können. Aber das Ganze findet zeitversetzt statt: Das heißt, die Investitionen von heute müssen morgen ihre Abnehmer finden. Damit das möglich ist, muss auch morgen wieder investiert werden, und zwar so viel, dass die Produkte mit Gewinn verkauft werden können – also muss mehr als gestern und heute investiert werden, was Dank der Geldschöpfung kein Problem ist. Würde immer nur die selbe Summe investiert, dann wäre auf Dauer die Nachfrage nicht groß genug, dass die Produkte mit Gewinn verkauft werden können, denn die Unternehmer müssen ja noch Zins und Gewinn erwirtschaften. In der Konsequenz heißt das: »Der Wachstumsprozess muss immer weitergehen, denn wenn nicht immer eine neue Ausweitung der Geldmenge aufgrund neuer Investitionen erfolgt, die eine zusätzliche Nachfrage erzeugt, fällt die aus der letzten Investition nachrückenden Angebotserhöhung sozusagen ins Leere.«

Für eine Wirtschaft, die mit einem Kapitalvorschuss arbeitet, gibt es also nur die Alternative Wachstum oder Schrumpfung. Letzteres hat sozial unerwünschte Folgen, ersteres ist ökologisch unverträglich: Das machte Binswanger schon bei seiner Antrittsvorlesung im Jahr 1969 klar an der damals noch Wirtschafts-Hochschule genannten Universität Sankt Gallen: Er ging der Frage nach, ob das Wirtschaftswachstum einen Fortschritt oder einen Raubbau darstelle. Seine These war
»dass es sich beim Wachstumsprozess in Wirklichkeit weitgehend um einen Substitutionsprozess handelt, nämlich um eine Substitution von Größen, die nicht im realen Volkseinkommen bzw. im Sozialprodukt berücksichtigt werden, durch solche, die darin Eingang finden«.

Das heißt: Der Naturverbrauch tauche in der volkswirtschaftlichen Rechnung nicht auf, so dass das Wirtschaftswachstum ungerechtfertigterweise als Steigerung der Lebensqualität angesehen werde. Es sei notwendig, den Naturverbrauch in privatwirtschaftliche Kosten umzusetzen. Mit diesem Ansatz wurde Binswanger einer der Väter der Öko-Steuer. Interessant ist dabei, dass Binswanger schon 1969 einen Zusammenhang herstellte zwischen dem Naturverbrauch und den Funktionsmechanismen der Geldwirtschaft: Die Notwendigkeit der Geldschöpfung führe zum »überforcierten Wachstumsprozess« und damit zum Raubbau an der Natur.

In der jüngsten Finanzkrise hatte die Geldschöpfung noch dramatischere Folgen: Durch Kredite neu geschaffenes Geld floss nicht nur in die Güterproduktion, sondern Banken haben es genutzt, um spekulative Finanzprodukte zu kaufen. Deshalb will Binswanger der Zentralbank ein Monopol zur Geldschöpfung geben. Das heißt, die privaten Geschäftsbanken müssten, bevor sie einen Kredit vergeben könnten, entweder Einlagen von Sparern haben oder sich Geld bei der Zentralbank leihen, dass sie dann als Kredit ausgeben könnten. Die Zentralbank behält nach dieser Idee die Kontrolle über die Geldmenge, die im Umlauf ist. Ob dies schon die Lösung ist, kann man fragen. Dass ein origineller Wirtschaftswissenschaftler mit diesem Band eine beeindruckende Summe seines Forschens gezogen hat, ist hingegen keine Frage.

Hans Christoph Binswanger, Vorwärts zur Mäßigung. Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft, Murmann Verlag, Hamburg 2009, 244 S., 16 Euro.


Stichworte:
Geld, ökonomische Theorie