Politik und Wirtschaft im Namen Gottes.

Giorgio Agamben und das Muster von Herrschaft und Regierung.

Im Verlauf der Moderne wurde die Religion aus dem öffentlichen Bereich in den privaten gedrängt. Staat und Gesellschaft haben auf religiöse Begründungen zu verzichten. Allenthalben kann man wie Jürgen Habermas fordern, dass religiöse Bürger aus ihrem spezifischen Selbstverständnis heraus Beiträge für das Ganze des Staates formulieren, über das dann aber nicht mehr die Theologie, sondern die demokratischen Verfahren entscheiden.

Giorgio Agambens Genealogie der modernen Herrschaft hinterfragt dieses Selbstverständnis der Moderne. Die grundlegenden Formen, in denen sich Herrschaft darstellt, habe die Moderne aus der Theologie geerbt. Da man aber auf eine Archäologie dieser Formen verzichtet habe, wirkten sie unbewusst weiter. Es komme aber darauf an, die theologischen Dispositive zu erkennen und zu profanieren. Die Profanierung ist für Agamben wohl so etwas wie eine bewusste Verweltlichung. Die Säkularisierung habe demgegenüber die theologische Logik nicht verlassen, sondern diese nur in einen anderen Bereich, den der Politik und der Wirtschaft, verschoben.

Die Idee, dass hinter den Begriffen der modernen Politik letztlich theologische Begriffe zu entdecken seien, geht auf den deutschen Staatsrechtler Carl Schmitt zurück, einer der Lieblingskronzeugen von Giorgio Agamben. Freilich erfährt Schmitt bei Agamben eine nicht unwesentliche Korrektur und das Homo-Sacer-Projekt von Agamben mit seinem Buch Herrschaft und Herrlichkeit eine deutliche Erweiterung: Die entscheidende Linie verlaufe nicht vom christlichen Monotheismus zum Monarchismus und zum totalen Staat, sondern die christliche Trinitätslehre enthalte die Grundzüge des demokratischen ökonomisch-politischen Paradigmas. Agamben behauptet gegen Schmitt, dass »die christliche Theologie von Anfang an nicht im Zeichen der Politik und des Staates steht, sondern in dem der Betriebswirtschaft. Die christliche Theologie enthält somit nicht nur eine Politik, sondern auch eine Ökonomie« (87). Dass dies für die demokratische Tradition der Moderne viele beunruhigender ist als Schmitts These, leuchtet schnell ein.

Dabei muss man Ökonomie hier in seiner antiken Bedeutung als »Hauswirtschaft« oder allgemeiner noch als »ordnende Tätigkeit« verstehen. Die Trinitätslehre der alten Kirche habe eine Antwort auf das Problem gesucht, wie Gott einerseits transzendenter Grund der Welt und andererseits in der Welt wirksam sein könne. Agamben verfolgt nun in historischer Kleinarbeit, wie Trennung und Zusammenhang zwischen Gottes transzendentem Sein, also seiner Herrschaft, und seiner Wirksamkeit, also seiner Regierung, gedacht wurden. Die Fülle des Materials aus den unterschiedlichsten Zeiten und Traditionen, die Agamben nebeneinanderstellt, ist wie immer beeindruckend. Dabei macht er eine Tendenz zur Dominanz der Regierung über die Herrschaft aus. Versinnbildlicht wird dies im Bild des roi mehaignié aus dem Sagenkreis über die Suche nach dem Heiligen Gral aus dem 13. Jahrhundert: Der König ist durch eine Verletzung an seinem Geschlechtsorgan impotent geworden. Er kann nicht mehr seinen Regierungsgeschäften nachgehen, da er mit seiner Verletzung auch nicht mehr reiten kann. Er bleibt der heilige und legitime König, muss die Regierung aber seinen Ministern überlassen, die in seinem Namen handeln. Er selbst schließt sich in seinen Gemächern ein. Für Agmaben eine »Vorwegnahme des modernen Souverän, der ›herrscht, aber nicht regiert‹« (90).

Das Muster von Herrschaft und Regierung findet Agamben in der modernen demokratischen Unterscheidung von Volkssouveränität und Regierung wieder. Souverän sei das Volk, die Regierung das ausführende Organ. Agamben macht dies an Rousseaus Contract Social fest: »Mit dem Gesellschaftsvertrag erbt die republikanische Tradition ein theologisches Paradigma und eine Regierungsmaschine. Und da sie dieses Erbe gleichsam ohne den Vorbehalt der Inventarerrichtung angetreten ist, ist sie sich dessen nicht einmal bewusst« (325). Das heißt, man habe eben auch die faktische Impotenz des Souveräns gegenüber der Regierung nicht erkennen können.

Um von den theologischen Überlegungen zu Sein und Wirken Gottes zum Staat in der modernen politischen und ökonomischen Theorie zu kommen, schaltet Agamben noch ein Kapitel über die Vorsehungslehre ein. Die deutet Agamben als eine Erklärung oder Ausführungsbestimmung, wie man Gottes Sein und Wirken zusammen denken konnte. Die Vorsehung wurde in der theologischen Tradition auch als der Schöpfung eingeschriebene Strukturen gedeutet, die das bestmögliche Funktionieren des »Haushaltes« der Welt garantierten. Mit der Vorsehung als »Regierungsmaschiene« aber habe die moderne politische und ökonomische Theorie die Untätigkeit Gottes geerbt, der ja nicht mehr handeln müsse, da seine Vorsehung in die Strukturen der Welt eingeschrieben sei. Deren Gesetze meinte auch die moderne Ökonomie entdecken zu können. Die »unsichtbare Hand« von Adam Smith sei ein Bild für das Wirken eines immanenten Prinzips. »Der Liberalismus stellt eine Tendenz dar, die Vorherrschaft des Pols ›immanente Ordnung-Regierung‹ so weit zu treiben, dass der Pol ›transzendenter Gott-Herrschaft‹ fast gänzlich eliminiert wird« (340). Ebenfalls zum Erbe der Vorsehungslehre gehöre, dass es immer um die Regierung, die Führung von Menschen und Dinge gegangen sei.

Hier zeigt sich die Nähe von Agamben zu Michel Foucault, der ja ebenfalls zu einer großangelegten Archäologie der neuzeitlichen Wissens- und Herrschaftsformen angesetzt hat. Von Foucault setzt sich Agamben ab, in dem er bewusst nicht nur – wenn es um den Staat geht – die politischen Diskurse zurückverfolgt, sondern eben auch nach scheinbar sachfremden oder gar abseitigen theologischen, philosophischen oder literarischen Texten schaut: »Wer archäologische Forschung betreibt, muss damit rechnen, dass die Genealogie eines politischen Begriffs oder einer politischen Institution zuweilen in einem anderen Bereich angesiedelt ist, als man zunächst vermutet hatte (zum Beispiel nicht in der politischen Wissenschaft, sondern in der Theologie.) Untersucht man nur die im engeren Sinne ›politischen‹ Schriften des Mittelalters […], meint man es mit Widersprüchlichkeiten und terminologischen Ungereimtheiten zu tun zu haben, die es ganz und gar unmöglich machen, einen Zusammenhang zwischen den modernen politischen Kategorien und der mittelalterlichen Begrifflichkeit zu erkennen« (138).

Dies Vorgehen mag den Historiker unbefriedigt lassen. Agamben will nicht bloß Begriffsgeschichte betreiben, sondern sucht nach »Signaturen«. Eine Theorie und Genealogie der Signaturen hat Agamben in seinem kleinen Methodenbändchen Signatura rerum vorgelegt. Nicht nur, dass er den Ursprung der Signaturen in der Magie findet, auch Agambens Beschreibung der Signaturen behält, obwohl Agamben das natürlich bestreitet, etwas Magisches. Jedem Begriff liegt danach quasi ein Zeichenüberschuss bei, der die Interpretation des Begriffs in verschiedenen Kontexten dauerhaft in die selbe Richtung lenkt. Agamben spricht bei den Signaturen von »historischen Elementen im Reinzustand« (17), und meint damit wohl Elemente, die dem historischen Wandel entzogen sind. Das heißt: Der Einfluss von einem theologischen Diskurs des Mittelalters nicht nur auf die moderne politische Theorie, sondern auch auf die Politik selber, muss nicht mehr in historischer Quellenarbeit bewiesen werden, er reicht die selbe Signatur zu finden, um einen Zusammenhang behaupten zu können.

Dass die Quellen, die Agamben zusammenträgt trotzdem in hohem Maße anregend sind, nach historisch belegbaren Verbindungen zu suchen, sei nicht bestritten. Mit der Vorsehungslehre wurde dabei sicher auch ein Thema gefunden, dessen Einfluss auf das moderne politische und ökonomische Denken man nachweisen kann. Dass die moderne Wirtschaftstheorie wie überhaupt die meisten modernen Wissenschaften in ihren Ursprüngen durchaus religiösem Denken verhaftet blieben, in dem sie Gottes Wirken in der Welt beschreiben wollten, ist ein wichtiger Hinweis, der in den letzten Jahren auch von anderen Seiten gegeben wurde.

Der Reiz von Genealogien liegt darin, dass sie verborgene Zusammenhänge ans Licht bringen können und damit die Fronten klären helfen: Wo liegen die wesentlichen Gegensätze? Freilich ist die Gefahr einer Methode, die nach verborgenen Kontinuitäten sucht, die, dass sie die offensichtlichen Brüche übergeht: Dass sich die Wirtschaftstheorie wie die Staatstheorie der frühen Neuzeit mitunter völlig konträr zu den Gehalten der christlichen Vorstellungen des Mittelalters entwickelt haben, kommt bei Agamben nicht in den Blick, ja es verkommt zum nur scheinbaren Gegensatz. Der Bruch der Neuzeit, der sich auch darin ausdrückte, dass man sich von den zeitgenössischen Denkern emanzipierte und sein Heil bei den alten philosophischen, oft stoischen, Autoritäten suchte, auch dieser Vorgang wird bei Agamben zur quantité négligeable. Es käme wohl darauf an, einem dialektischen Prozess von Abgrenzung und Übernahme bei der Geburt der Moderne nachzuspüren. Dabei sollte man die Arbeiten von Agamben aber nicht übergehen.

Agambens Thema in Herrschaft und Herrlichkeit ist die Trinitätstheologie: Das Sein Gottes ist der Vater, das Wirken ist personifiziert im Sohn, bleibt noch der Geist, der nach traditioneller Lesart Gott verherrlicht. Der Umstand, dass der Souverän ohnmächtig ist, werde verdeckt, so Agamben, durch die Herrlichkeit, die zu Herrschaft und Regierung tritt. Damit meint Agamben die liturgisch-rituellen Huldigungen der Herrscher. Diese Herrscherakklamationen seien in der modernen Welt durch die medial hergestellte öffentliche Meinung ersetzt worden. Regierung und Medien haben den Souverän, das Volk entmachtet. Hier sieht Agamben selber das »verborgene Zentrum« seines Buches: »Als Symbol der Herrlichkeit ist der leere Thron das, was es zu profanieren gilt.« Es komme nicht darauf an, wie Marx es tat, die Tätigkeit Gottes zu säkularisieren und das Sein des Menschen als Selbsterzeugung zu denken. Es komme vielmehr darauf an, die Untätigkeit der Politik wiederzugeben, also eine Tätigkeit zu finden, »die darin besteht, alle menschlichen und göttlichen Werke unwirksam zu machen« (13). Dies sei dem vierten Band seines Homo-Sacer-Projektes vorbehalten. Es ist gut möglich, dass Agamben mit seinem langen und verschlungenen Anlauf hier etwas gefunden hat, von dem aus eine Kritik der Moderne radikaler und grundsätzlicher zu leisten ist, als wir das bisher gewohnt sind.

Giorgio Agamben, Herrschaft und Herrlichkeit. Zur theologischen Genealogie von Ökonomie und Regierung. Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko, edition suhrkamp, Berlin 2010, 360 Seiten, 20,-€.