Der Prediger des guten Kapitalismus.

Tomas Sedlacek versucht eine "Ökonomie von Gut und Böse".

Dass Tomas Sedlacek Selbstvertrauen hat, ist ja nicht schlecht. Dass er sich mit seinem Buch einer große Herausforderung gestellt hat, muss nicht falsch sein: Er will eine Tour d'horizon durch die Geschichte des ökonomischen Denkens antreten, angefangen beim Gilgamensch-Epos.

"Dieses Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten suchen wir in Mythen, der Religion, Theologie, Philosophie und Wissenschaft nach der Ökonomie. Im zweiten beschäftigen wir uns dann mit den Mythen, der Religion, Theologie, Philosophie und Wissenschaft in der Ökonomie." (19)


Die Ökonomie über ihre kulturellen Wurzeln aufzuklären und dabei zu zeigen, was alles an Glaubensgehalten und Werturteilen in der vermeintlich wertfreien Wissenschaft der Ökonomie steckt, das ist wirklich ein notwendiges und lohnendes Ziel. Allein: Wenn man so ein Unterfangen angeht, müsste man schon ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Seriosität mitbringen, die Sedlacek leider fehlt.

Er projiziert in die alten Texte des Gilgamesch-Epos, der Bibel und der griechischen Klassiker allerlei Vorstellungen hinein, die deutlich späteren Ursprungs sind: Die Ideen von Fortschritt, Effizienz, Nutzenmaximierung und Konjunkturzyklen waren den Menschen der Antike fremd. Sedlacek aber nähert sich den alten Texten wie ein schlechter Prediger, der nach der Verlesung des Predigttextes von der Kanzel fragt: Was will uns der Apostel Paulus damit sagen? - als spreche der unmittelbar zu einer Kirchengemeinde im Jahr 2012. Genauso unmittelbar sieht sich Sedlacek den alten Texten gegenüber. Ihren sozialgeschichtlichen Kontext lässt er vollkommen außer Acht. So kommt er etwa zu dem Ergebnis,

"dass das Rätsel des Konsums uns schon immer begleitet hat, dass wir Menschen von Natur aus [...] immer nach mehr streben, selbst wenn um uns herum große Fülle herrscht. Diese abscheuliche Gier, die seit Pandora und Eva von uns Besitz ergriffen hat, ist mit der Plackerei der Arbeit verbunden." (398)


Eva und das Problem des Apfelkonsums – man könnte darüber lachen. Aber das Ziel von Sedlacek, der vom Hanser Verlag in großer Auflage und mit professionellem Werbeaufwand unters Volk gebracht wird, ist ein Ideologisches: Die Ideen der modernen Ökonomie werden zu Archetypen des Menschlichen und Natürlichen, zu anthropologischen Konstanten erklärt. Was Sedlacek für einen „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ hält, wird von ihm kulturgeschichtlich und auch religiös legitimiert.

"Das Christentum ist die in unserer europäisch-amerikanischen Zivilisation führende Religion. Die meisten unserer gesellschaftlichen und ökonomischen Ideale stammen aus ihm oder wurden aus ihm abgeleitet." (212)

Dabei knirscht es besonders, wenn er ausgerechnet der jüdisch-christlichen Tradition jene Vorstellung vom Privateigentum unterjubeln will, wie John Locke sie ausformuliert hat, und wenn er Thomas von Aquin zum Vorläufer der unsichtbaren Hand des Marktes macht. Sedlacek kann weder Verbindungslinien noch Brüche in der geistesgeschichtlichen Entwicklung korrekt erfassen; vor allem nicht den Bruch zwischen dem christlich geprägten Mittelalter und der europäischen Moderne.

Was kommt für heute dabei heraus? Schlechte Allerweltsweisheiten wie die, dass man in guten Zeiten mehr sparen solle, damit man in schlechten etwas habe, wie uns die Josephs-Geschichte von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren in der Bibel erkläre, die Sedlacek fälschlich als ersten dokumentierten Konjunkturzyklus deutet.

Eine frühe Fassung des Buches hat Sedlacek an der Karls-Universität in Prag als Dissertation eingereicht; sie wurde abgelehnt, weil der wissenschaftliche Wert fragwürdig sei. An diesem Urteil hätte sich auch der Hanser Verlag besser orientiert.

Tomas Sedlacek, Die Ökonomie von Gut und Böse. Aus dem Amerikanischen von Ingrid Proß-Gill, Hanser, München 2012, 448 Seiten, 24,90 Euro.

WDR 5 Politikum / 8.2.2012