Geld braucht Opfer - gute Idee, zweifelhafte Ausführung.

Christina von Braun erklärt den "Preis des Geldes".

Es gibt zwei beliebte Missverständnisse zum Geld. Das eine lernen Studenten der Wirtschaftswissenschaften: Danach ist das Geld ein recht unschuldiger Tauschvermittler, der nur hilft, Waren gegen Waren zu tauschen. Das andere Missverständnis zum Geld ist die inzwischen beliebte Vorstellung, dass Geld nur einen Wert habe, weil alle daran glaubten, also letztlich nur durch eine stille Übereinkunft gedeckt sei. Es zeichnet Christina von Brauns Buch „Der Preis des Geldes“ aus, diesen Missverständnissen etwas entgegen zu setzen. Braun meint, im Ursprung des Geldes eine Antwort zu finden und revitalisiert eine alte These von Bernhard Laum: Das Geld habe im antiken Griechenland Opfergaben ersetzt, auch Menschenopfer.

Für Braun heißt das: Wenn im Krisenfall das Geld fraglich wird, muss es zeigen, wofür es stellvertretend steht: "Ich behaupte, dass das Geld eine Deckung hat, ihrer auch bedarf und dass das, was man [...] als die 'letzte Deckung' bezeichnen könnte, der menschliche Körper ist. […] Unser Glaube ans Geld beruht auf der Tatsache, dass viele Menschen dran glauben müssen, wenn das Geld in eine Krise gerät." (16)

Diese These ist interessant und anregend angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise, die ja einige Opfer produziert. Und Braun kann für diese erstmal weit hergeholte Erklärung vor allem die Langlebigkeit von Symbolen und die Herkunft der Wörter verbuchen: Vor der Börse steht immer noch ein Stier – ein Tier, dessen Opferung schon die Motive für die ersten Münzen in Griechenland abgab. Das deutsche Wort Geld, leitet sich von gelt ab, was auch im Wort Geltung steckt, aber zuerst das Götteropfer bedeutete.

Was macht man nun mit solchen frappierenden Indizien? Da fängt das Problem an: Christina von Braun springt durch die Jahrtausende und behauptet Zusammenhänge, wo immer sie Ähnlichkeiten findet. Irgendwie scheint ihrem Geld seine Herkunft anzuhaften, wie ein böser Fluch einem verhexten Ding – zumindest so lange das Geld im christlichen Bereich zirkuliert. Eine andere Geldauffassung entdeckt die Autorin etwa im Islam. "Das Geld im arabischen Raum […] galt als ein pragmatisches Zeichensystem, es konnotierte keine Herkunft aus dem Opfer und bezog sich auf materielle Werte." (103)

Solche Zuschreibungen – wie das Geld seinem Wesen nach sei, oder Kulturen und Religionen – sind, vorsichtig gesagt, angreifbar, und von Braun methodisch kaum reflektiert. Nur am Ende fragt sich die Autorin, was sie eigentlich zusammen getragen habe: "Rückblickend glaube ich zu erkennen, dass es um die Geschichte des Unbewussten des Geldes geht. Hat das Geld ein Unbewusstes? Natürlich nicht. Aber das Geld 'prägt' das Unbewusste von Menschen, so wie eine Münze geprägt wird – und diese Geschichte lässt sich erzählen." (441)

Lässt sich vom Unbewussten wirklich so einfach erzählen? Wohl kaum. Und so verschenkt Braun ihre gute Intention, über die Begriffe Opfer und Stellvertretung die Geldgeschichte zu erzählen. Eine klare Analyse, welche Funktion Geld in bestimmten Gesellschaften hatte, bleibt ihre Kulturgeschichte schuldig. Deshalb entgeht Braun auch, dass menschliche Körper in einer kapitalgetriebenen Wirtschaft nicht nur bei Glaubwürdigkeitskrisen als Opfer gefordert werden, sondern schon im Normalbetrieb: Geld wird durch die Arbeit von Menschen gedeckt. Arbeitende müssen das im Kredit bereits verauslagte Geld absichern. Der Kreditmechanismus reicht übrigens auch schon bis in die Anfänge des Geldes zurück. Hier hätten man neben dem Opfer einen weiteren fruchtbaren Faden für einen Gang durch die Geldgeschichte finden können.

Christina von Braun, Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Aufbau Verlag 2012, 510 Seiten, 34 Euro.

WDR 5 Politikum / 3.5.2012