Verstehen reicht weiter als Appelle.

Dana Giesecke und Harald Welzer wollen die deutsche Erinnerungskultur renovieren.

Es ist keine Neuigkeit, dass Harald Welzer gegen die KZ-Gedenkstätten polemisiert, die seiner Meinung nach zu einseitig auf das Erschrecken über den millionenfachen Tod und auf Appelle setzten:

"In gewisser Weise haben die Personen, die da in diesen Gedenkstätten und auf Gedenktagen undsoweiter sprechen, eigentlich nicht mitgekriegt, dass sie wahnsinnig erfolgreich gewesen sind, dass heute niemand mehr Interesse hat, dass Vergessen wird. Insofern wirkt dieses ständige Betonen, des Sich-Erinnern-Müssens eher kontraproduktiv", so Harald Welzer.

Früher, in den sechziger Jahren, hätten die Appelle sich zu erinnern Sinn gemacht, weil viele sich nicht erinnern wollten, so Harald Welzer. Inzwischen sei das nicht mehr so. Aber dennoch sagen die Enkel „Opa war kein Nazi“, wie Welzer in seiner aufsehenerregenden Studie über die Familien-Erinnerungen gezeigt hat: Die Appelle allein führen also noch nicht dazu, dass junge Leute, das Wissen über den Holocaust auch mit dem eigenen Umfeld in Verbindung bringen. Darum schlägt Welzer einen anderen Weg vor:

"Über all diesem monumentalisierten Grauen gerät ja völlig aus dem Blick, dass diese Form der Ausgrenzungs- und Vernichtungsgesellshaft sich entwickelt hat aus einer Normalgesellschaft heraus; das heißt, wenn man die Optik mal auf den Anfang einstellt, ist das gerade für Schülerinnen und Schüler viel besser, anschlussfähiger und verstehbar, wie sich so eine Gesellschaft entwickelt, als wenn man vom Ende her, vom wirklich kaum vorstellbaren, geschweige denn verstehbaren Herstellungsprozess von Millionen von Leichen das Ganze versucht anzugehen."

Welzer will erklären, warum viele Menschen während der NS-Zeit kein Problem damit hatten, dass die jüdischen Nachbarn aus vielen Berufen verdrängt oder ihre Geschäfte boykottiert wurden:

"Der Witz besteht aber darin, dass wir in Wirklichkeiten leben, die sich schleichend verändern, und dass wir mit diesen schleichenden Veränderungen auch unsere Orientierungen und Einstellungen verändern. Und das ist ja genau das, was man an der Entwicklung der nationalsozialistischen Gesellschaft so sehr klar darstellen kann, wie sich normative Überzeugungen wie man sich das Verhältnis von dem, was richtig und falsch ist, wie man das beobachten kann, wie sich das innerhalb weniger Monate und Jahre verändert – und zwar ohne dass die Menschen das bemerken."

Welzer will die überindividuellen Prozesse verdeutlichen und dabei doch nicht die Verantwortlichkeiten der Einzelnen kleinreden, sondern vielmehr ihre Handlungsmöglichkeiten ausloten: Wann werden Menschen zu Helfern?

"Oft hat es ganz wenig mit den Lebensläufen, mit der Biografie, der Psychologie der Helfer zu tun, sondern ganz oft mit ganz konkreten Situationen: Oft wird Hilfe initiiert, eingeleitet durch die Verfolgten selber."

Im Buch schildert Welzer den Fall des polnischen Bauern Bielinski, zu dem eine jüdische Familie kommt und um eine Nacht Unterschlupf nachfragt. Er gewährt sie. Aus einer Nacht werden viele Nächte – über Jahre versteckt und versorgt die polnische Bauernfamilie die jüdische Familie. Auf die Frage, warum sie das getan hätten, antwortet der Bauer nach dem Krieg: Wir brachten es nicht übers Herz, sie wegzuschicken.

"Und hier hat man so einen Fall: Da geht jemand in höchster Verzweiflung hin, weil ihm keine andere Möglichkeit bleibt, und fragt direkt nach: Können wir bei Ihnen übernachten. Eine Situation, bei der man direkt zur Hilfe aufgefordert wird, ist eine, die man sehr schlecht zurückweisen kann. Deshalb sagen Leute, obwohl sie das eigentlich gar nicht wollen, die wissen, dass sie sich damit in Gefahr bringen, die sagen dann vielleicht: Okay für eine Nacht. Und das Interessante ist, dass damit für die eine andere Situation entsteht, denn in dem Augenblick, in dem sie sich entscheiden zu helfen, finden sie sich schon auf der Seite der potenziellen Opfer, nicht mehr auf der Seite der Mehrheitsgesellschaft."

Der persönliche Kontakt mit Menschen, die Hilfe bräuchten, sei ein wesentlicher Punkt für den Beginn von „Helferkarrieren“.

"Genau daran knüpft ja das Konzept des Hauses der menschlichen Möglichkeiten an, nämlich Orte zu schaffen, wo Bedingungen und Möglichkeiten des sozialen Handelns aufgezeigt werden"
, erklärt Dana Giesecke, Ko-Autorin des Buches. Sie hat dort die Idee für ein neuartiges Museum entworfen: Das Haus der menschlichen Möglichkeiten. Analog zu naturwissenschaftlichen Museen, in denen man selber Experimente machen kann, sollen an diesem Lernort Ergebnisse der Psychologie und anderer Sozialwissenschaften so weit es geht ausprobiert oder zumindest selbständig nachvollzogen werden. Harald Welzer bringt als Beispiel:

"Dieses Bystander-Phänomen. Da bleiben die Leute ja normalerweise nicht stehen, wenn sie einem Unglück oder einer Schlägerei beiwohnen, weil sie nicht zivilcouragiert sind, sondern weil sie mit einer Situation konfrontiert sind, die sie orientierungslos lässt, wo sie nicht wissen, was sie tun sollen. Und wir alle sind, wenn wir keine Orientierung haben, darauf verwiesen, zu gucken, was machen denn die anderen. Und jetzt haben wir praktisch eine zirkuläre Situation: Wenn alle stehen bleiben, bleiben alle stehen. Aber wenn man das weiß und wenn man das in einer szenographisch ansprechenden Inszenierung gesehen hat, dann weiß man, wenn man real damit konfrontiert wird, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass alle stehen bleiben und man selber kann dann vorgehen, weil man den Mechanismus kennt und bricht die Situation damit auf. Das wäre ja nur ein Beispiel unter ganz vielen, aber das ist etwas, was praktisch ist und nicht appelativ."

Also: Selber lernen, statt immerfort zur Zivilcourage aufgerufen zu werden. Die Vorschläge von Giesecke und Welzer sind plausibel und gut begründet; das einzige, was man ihnen vorwerfen kann ist, dass sie nicht alle neu sind. Ihre Polemik gegen die Gedenkstätten an den Orten des Grauens übersieht, dass es ja noch andere Formen der Erinnerungskultur gibt, in denen manches von dem, was sie wollen, schon vorkommt. Gleichwohl ist es den beiden zu wünschen, wenn dies auch mal an einem repräsentativen Ort ausgestellt und ihr Haus der menschlichen Möglichkeiten Wirklichkeit wird.

Dana Giesecke/ Harald Welzer, Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, edition Körber Stiftung, Hamburg 2012, 190 Seiten, 15 €.

WDR 3 Gutenbergs Welt / 17.6.2012