Die Geschichte(n) des Geldes.

Über Sinn und Grenzen der Historie für die Wirtschaft.

Es gibt ein beliebtes Missverständnis zum Geld, das wohl immer noch viele Studenten der Wirtschaftswissenschaften lernen: Danach ist das Geld ein recht unschuldiger Tauschvermittler, der keine eigene Potenz hat, sondern nur hilft, Waren gegen Waren zu tauschen. Es zeichnet die beiden in diesem Frühjahr erschienenen dicken, doch gleichwohl populären Bücher zum Geld aus, diesem Missverständnis eine jeweils andere Sicht entgegen zu setzen.

Und noch etwas verbindet die beiden Bücher: Beide versuchen mit einer weit ausholenden Geschichtsdarstellung das Geld zu erklären. Christina von Brauns „Kulturgeschichte des Geldes“ beginnt mit dem Aufkommen des ersten Münzgeldes im 7. Jahrhundert v. Chr. in Griechenland. David Graebers Buch über „Schulden“ geht noch weiter zurück, nämlich bis zu den Kreditsystemen in Mesopotamien, die man um das Jahr 3500 v. Chr. nachweisen kann – mit dem richtigen Argument, dass eine Geldgeschichte nicht auf eine Geschichte des Münzwesens begrenzt werden dürfe, sondern auch „virtuelle“ Geldformen wie den Kredit berücksichtigen müsse.

Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun revitalisiert die alte These des Altertums- und Wirtschaftswissenschaftlers Bernhard Laum aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, wonach das Geld in Griechenland aus dem Opferwesen entstanden sei. Das Geld habe Opfergaben ersetzt und damit auch das Leben von Menschen. Braun zieht daraus die Konsequenz, dass das Geld als Stellvertreter für Menschenleben im Krisenfalle zeigen müsse, wofür es stehe: „Ich behaupte, dass das Geld eine Deckung hat, ihrer auch bedarf und dass das, was man [...] als die 'letzte Deckung' bezeichnen könnte, der menschliche Körper ist. […] Unser Glaube ans Geld beruht auf der Tatsache, dass viele Menschen dran glauben müssen, wenn das Geld in eine Krise gerät“.

Diese These ist interessant und anregend angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise, die ja einige Opfer produziert. Und Braun kann für diese erstmal weit hergeholte Erklärung unter anderem die Langlebigkeit von Symbolen und die Herkunft der Wörter verbuchen: Vor der Börse steht immer noch ein Stier, dessen Opferung schon die Motive für die ersten Münzen in Griechenland abgab. Das deutsche Wort Geld, leitet sich von gelt ab, was auch im Wort Geltung steckt, aber zuerst das Götteropfer bedeutete.

Was macht man nun mit solchen Indizien? Da fängt das Problem an: Christinavon Braun springt durch die Jahrtausende, pickt hier und da vermeintlich Passendes zusammen und macht daraus schwer erklärbare Essentialien: Irgendwie scheint Christina von Braun zu Folge im Geld dessen problematische Herkunft weiter zu wirken, wie ein böser Fluch in einem verhexten Ding – zumindest so lange das Geld im christlichen Bereich zirkuliert. Im Judentum und Islam sieht sie ein anderes Geldverständnis am Werke, das dann auch Herkunft aus dem Opfer – auf welche Art und Weise auch immer - neutralisiere.

Richtig ist, dass es unterschiedliche Auffassungen des Geldes gab und diese unterschiedlichen Auffassungen auch in spannenden Wechselwirkungen mit anderen Zeichensystemen standen wie der Religion und – worauf Braun zu Recht hinweist – der Sprache. Braun aber schließt permanent kurz: vom angeblich „nominalistischen Geld“, das seinen Wert aus der Autorität der Priester gewinne und nicht aus dem Materialwert, an das man also glauben müsse, hin zum Christentum, für das „Glaubenszweifel“ angeblich die „tiefste Sünde“ seien und das immer schon eine Rationalität ausgebildet habe, die „Göttlichkeit und Vernunft“ miteinander vereinbare, also dem „nominalistischen Geld“ entspreche. Solche Wesens-Zuschreibungen, einerseits des Geldes, andererseits von Religionen und Kulturen, sind, höflich gesagt, angreifbar und von Braun methodisch kaum reflektiert. Nur am Ende fragt sich die Autorin, was sie da eigentlich zusammengetragen habe: „Rückblickend glaube ich zu erkennen, dass es um die Geschichte des Unbewussten des Geldes geht. Hat das Geld ein Unbewusstes? Natürlich nicht. Aber das Geld „prägt“ das Unbewusste von Menschen, so wie eine Münze geprägt wird – und diese Geschichte lässt sich erzählen“. Ist das wirklich so? Es reicht jedenfalls nicht, nur ähnliche Phänomene über die Jahrtausende zu finden und dann ihre Zusammengehörigkeit im kollektiven Unbewussten zu behaupten.

Zudem prägt der vermeintliche Ursprung nicht den Rest der Geldgeschichte. Zwar verweisen auch Ökonomen zur Beglaubigung ihrer Theorien immer wieder auf angebliche Ursprünge hin; aber erstens sind diese oft kaum belegbar oder falsch und zweitens völlig unerheblich, wenn es darum geht, zu verstehen, was Geld ist. Geld ist nämlich ein soziales Medium, ist also abhängig von den Gesellschaften, in denen es wirkt. Allein eine klare Analyse, welche unterschiedlichen Funktionen Geld in den jeweiligen Gesellschaften hatte, könnte die Wechselwirkungen zwischen Religion und Wirtschaft erhellen und die unterschiedlichen Haltungen, die Menschen dem Geld entgegenbrachten. Dies aber bleibt Christina von Braun bei aller anregenden Fülle an Beispielen schuldig.

Der amerikanische Anthropologe David Graeber hat ein ähnliches Problem. Bei ihm steht am Anfang nicht das Opfer, was belegt, dass wir bei der Suche nach „dem“ Ursprung des Geldes ohnehin auf schlüpfrigem Terrain sind, sondern der Kredit. Zwar versucht er nicht aus dem Anfang das Wesen des Geldes zu erklären, aber er versucht Zyklen zu finden, die die Geldgeschichte über 5000 Jahre hin bewegt haben: Das ist für ihn der Wechsel von Zeiten, die entweder von virtuellem Kreditgeld oder von materiell bestimmtem Geld geprägt waren. Daneben entwirft Graeber drei Kategorien, in denen Menschen ökonomisch miteinander handeln: „Kommunismus“ ist nicht allzu wörtlich zu verstehen, sondern für Graeber eine Chiffre für einen Modus des Wirtschaftens, der durch Vertrauen und gegenseitiger Hilfe gekennzeichnet ist: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Neben diesem Modus des Wirtschaftens gebe es noch den des Tausches und den einer hierarchischen Beziehung. Mit diesen klapprigen Kategorien durchwandert Graeber 5000 Jahre Geschichte.

Dabei fällt trotzdem eine Menge Interessantes ab, das zu weiterem Nachdenken herausfordert: Zum Beispiel, dass geldvermittelte Märkte nicht aus der von Ökonomen unterstellten natürlichen Neigung zum Tauschen entstanden seien, sondern oft von Staaten planvoll eingerichtet wurden, um Steuern erheben zu können und ein Heer zu finanzieren. Diese Perspektive korrigiert die heute so beliebte Entgegensetzung von Politik und Wirtschaft, als hätten diese beiden nicht schon oft prächtig miteinander harmoniert. Schulden waren, so Graeber, immer wieder Anlass waren zu kriegerischen Expansionen, zu Mord und Plünderung, um die Last der Schulden zahlen zu können. Besonders eindrücklich gelingt ihm die Schilderung der Eroberung Spaniens durch Hernán Cortés: Es war nicht die Gier, die den Konquistador morden und rauben ließ, sondern die persönliche Schuldenlast daheim in Europa. So kommt Graeber in sympathische Nähe zum US-amerikanischen Sozialhistoriker Immanuel Wallerstein, wenn er sagt, dass der Kapitalismus eben nicht auf freier Lohnarbeit beruhe, sondern oftmals auf der Arbeit höchst unfreier, (durch Schulden) erzwungener Arbeit oder der Ausbeutung von fremden Völkern. Graeber hat sicher auch recht, wenn er darauf hinweist, dass die Selbstverständlichkeit von heute, dass Menschen ihre eigenen Interessen auf konkurrenzbasierten Märkten wahrnehmen, eine Realität ist, die oftmals gegen den Widerstand verschiedener Formen von traditionellen Ökonomien mit Gewalt durchgesetzt werden musste.

Aber warum ausgerechnet das Zeitalter des Kapitalismus, in dem das Wirtschaften auf der Kapitalinvestition beruht, zu einem Zeitalter des materiellen Geld-Verständnisses erklärt wird, überzeugt nicht recht. Graeber behauptet der Kapitalismus habe eine auf Kredit, also Vertrauen, basierende Wirtschaft durch eine auf Zinsen beruhende Wirtschaftsweise abgelöst; eine auf persönlichen Beziehungen beruhende Wirtschaft durch eine, die auf unpersönlichen Märkten funktioniere. Nur undeutlich kommt in dieser Perspektive der schon im Mittelalter ansetzende Kulturbruch des Investitionskredites zur Geltung, wodurch Schulden zum Motor für das Vermögenswachstum der Wohlhabenden geworden sind. Durch Schulden vermehrt sich das eingesetzte Kapital. Der Wert des eingesetzten Kapitals plus Zins muss aber durch die Arbeit von Menschen geschaffen werden. An diesem Kulturbruch kann man ablesen, dass es nicht um die Entgegensetzung von persönlicher zu unpersönlicher Wirtschaftsweise geht, sondern um die Legalisierung des ungleichen Tausches. Der Kapitalgeber darf auf Kosten der Arbeiter mehr verlangen als er gegeben hat.

Hier wird auch deutlich, was eine historische Betrachtung von wirtschaftlichen Prozessen leisten kann: Zum einen wird durch die Kenntnis anderer Wirtschaftsweisen als unserer eigenen deutlich, dass diese nicht naturgegeben ist, sondern dem geschichtlichen Werden unterlegen ist. Die Fantasie wird beflügelt, sich ein anderes Wirtschaften vorzustellen. Dies leistet auch Graeber. Die Erkenntnis von Wendepunkten hin zu unserer kapitalgetriebenen Wirtschaft kann auch zeigen, was und warum es anders geworden ist. Die historische Erkenntnis beflügelt dann nicht nur, sie stutzt die Flügel auch: Das was ist, hat eine lange Geschichte, die nicht einfach auf Null gestellt werden kann. Deswegen stellt sich die anspruchsvolle Aufgabe, zu zeigen, welches die Gewinne und Kosten dieser Wende zum Kapitalismus waren. Und: Gibt es Möglichkeiten, das, was in der permanenten Revolution des Kapitalismus zu Unrecht unter die Räder gekommen ist, heute unter aktuellen Voraussetzungen wiederzubeleben? Ein Anfang, der alles erklärt, hilft da so wenig weiter wie die Erkenntnis von (extrem) großen Zyklen der Weltgeschichte.

Christina von Braun, Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte, Aufbau Verlag 2012, 510 Seiten, 34 Euro.
David Graeber, Schulden. Die ersten 500 Jahre. Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl, Stephan Gebauer, Klett-Cotta 2012, 536 Seiten, 29,95 Euro.

Zeitzeichen / Juli 2012