Optimistischer Katastrophismus

Paul Gilding glaubt, dass mit der Klimakrise alles besser wird.

Die Pointe von Paul Gildings Buch ist schnell erzählt: Wir müssen unsere Lebens- und Wirtschaftsweise radikal ändern – angesichts von Klimaerwärmung und der Endlichkeit der Ressourcen. Was Umweltschützer seit Jahrzehnten tauben Ohren predigen, ist wahr. Die Weltgemeinschaft wird die nötigen Veränderungen erst ins Werk setzen, wenn die Krise da ist. Dann aber wird sie es tun.

"Wir als Spezies können gut mit Krisen umgehen und wenn wir die Grenzen des Wachstums überschreiten, wird das mit Sicherheit die größte Krise sein, die unsere Spezies je erlebt hat. Wir werden mit dem Rücken zur Wand stehen. Und genau das ist die Situation, in der wir uns in der Vergangenheit als außergewöhnlich erwiesen haben. Wenn uns die nahende Krise mit voller Wucht trifft, wird unsere Reaktion ebenso dramatisch ausfallen, wir werden die selben Kräfte mobilisieren wie im Krieg." (10)

Dabei zeigt Gilding nur in seinen martialischen Metaphern und in Nebensätzen, dass diese Krise auch hässliche Seiten haben könnte. Paul Gilding war eine Zeit lang Vorsitzender von Greenpeace Australien bis er sich selbstständig machte als Berater von großen Firmen in Sachen Nachhaltigkeit. Man könnte sagen: Er probiert eine neue Rolle im Kampf für radikale Reformen: Nicht mehr der Moralist, der Umkehr und Inferno predigt, sondern der Motivationstrainer und Wirtschafts-Analyst, der einen großen Trend hin zu radikalem Klimaschutz voraussieht: Die Firmen, die diesen Trend erkennen, werden die kommenden Gewinner sein:

"Demzufolge werden Sie von den Namen eines Gutteils der Firmen, die in 20 Jahren zu den Top 100 gehören, derzeit noch nicht einmal gehört haben, obwohl es sie auch heute schon gibt, diese Firmen, die darauf brennen, die alten Hasen aus dem Feld zu schlagen." (207)

Um Firmen wie Dupont oder Ford zu Nachhaltigkeitsstrategien zu überreden, mag das taugen, aber als Analytiker, wie man mit der Endlichkeit der Ressourcen umgehen soll, bietet Gilding letztlich zu wenig. Obwohl er erkennt, dass der Kern des Problems die Wachstumslogik ist, der die kapitalistische Wirtschaft folgt:

"Weil die Bevölkerung wächst, brauchen wir mehr Arbeitsplätze, wofür wiederum Wachstum benötigt wird. Gleichzeitig reduzieren jedoch immer weitere technologische Effizienz- und Produktionssteigerungen die Anzahl der Menschen, die wir für die Produktion unserer Waren einsetzen müssen. Wenn die Wirtschaft nicht schnell genug wächst, um die Effizienzsteigerungen zu überflügeln und das Bevölkerungswachstum zu kompensieren, steigt die Arbeitslosigkeit an, sinken die Investitionen, werden weniger Waren produziert und weniger Arbeitsplätze geschaffen." (90)

Effizienzsteigerungen bei Rohstoffverbrauch und Arbeitseinsatz werden aufgefressen vom Zwang zu weiterem Wachstum. Leider versucht Gilding von hier aus nicht zu verstehen, wie Wachstum funktioniert – und wie demzufolge eine Wirtschaft ohne Wachstum aussehen müsste. Er verweist auf einige kluge Leute, die sich dazu Gedanken gemacht hätten und dass das schon klappen werde, wenn die Not erst groß genug sei.

"Die Aufgabe, die vor uns liegt, ist weit davon entfernt, einfach zu sein. Aber sie ist ebenso weit davon entfernt, unmöglich zu sein. Wenn man bedenkt, dass wir nur wenige Meter vor dem Abgrund stehen und eine Systemveränderung die einzige bleibende Option ist, dann ist das eine ziemliche Erleichterung." (260)


Die Katastrophe wird zum deus ex machina. Wenn die erst kommt, wird alles möglich. Dieser optimistische Katastrophismus erspart Gilding auch die Erkenntnis, dass man an die Strukturen der kapitalistischen Wirtschaft heran muss – den Gewinn aus Investitionen, die Lohnarbeit und das Eigentum –, wenn man eine Wirtschaft haben will, die nicht mehr wächst.

Paul Gilding, Die Klimakrise wird alles ändern. Und zwar zum Besseren. Aus dem Englischen von Angela Stangl, Herder Verlag, Freiburg / Br. 2012, 360 Seiten, 22,99 Euro.

WDR 5 Politikum / 15.8.2012