Das Sakrament des Lesens.
Der lesende Klosterschüler als Beispiel für eine Lesetheologie.
In der Gertrudenkapelle in Güstrow sitzt der junge Mönch auf einem Hocker, ein schmächtiger Bursche, den geraden Oberkörper leicht auf die eng am Körper liegenden Arme gestützt. Den großen Kopf hat er gesenkt, die Augen fast geschlossen – aber doch nicht ganz – sondern nur nach unten gerichtet, versunken in das Buch, das auf seinen Knien liegt. In dem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ hat Alfred Andersch der Skulptur ‚lesender Klosterschüler’ von Ernst Barlach ein literarisches Denkmal gesetzt. Der Kommunist Gregor aus Anderschs Roman fühlt sich durch die Figur an seine Jugend erinnert: „Das sind ja wir, dachte Gregor. Er beugte sich herab zu dem jungen Mann, der, kaum einen halben Meter groß, auf seinem niedrigen Sockel saß, und sah ihm ins Gesicht. Genauso sind wir in der Lenin-Akademie gesessen und genauso haben wir gelesen, gelesen, gelesen. Vielleicht haben wir die Arme dabei aufgestützt, vielleicht haben wir Papirossi dabei geraucht – obwohl es nicht erwünscht war -, vielleicht haben wir manchmal aufgeblickt, - aber wir haben den Glockenturm Iwan Weliki vor dem Fenster nicht gesehen, ich schwöre es, dachte Gregor, so versunken waren wir. So versunken wie er.“
Versunken in einer anderen Wirklichkeit
Vielleicht erinnert der ‚lesende Klosterschüler’ auch heute Betrachter daran, wie sie früher – als Mädchen oder Junge – Bücher nicht nur gelesen, sondern verschlungen haben. Ganze Tage konnte das Kind auf dem Boden liegen und Karl May lesen. Und wenn die Mutter zum Essen rief, tauchte es aus der weiten Prärie Amerikas auf, und die Familie beim Abendbrottisch wirkte merkwürdig fremd und unwirklich. Saß es doch eben noch am Lagerfeuer eines Indianerstammes. War die Gesellschaft der Apachen nicht ebenso real wie das Abendbrot?
Oder während des Studiums, in den Zeiten, als es nicht nur um die Scheine ging, sondern der Student wissen wollte, wie es wirklich ist – und deswegen in neue Gedankenwelten eintauchte. Das Erleben im Kopf schien bedeutender, als mit den Kommilitonen abends auszugehen, um etwas – ja was eigentlich? – zu erleben. Hatte er beim Lesen nicht mehr erlebt als die Kollegen in der Kneipe?
Realpräsent im Text
Was bedeuten solche Leseerfahrungen für das Lesen heiliger Schriften? Kann lesend der „garstig breite Graben“ zwischen der Zeit Jesu und heute übersprungen werden? Kann man Jesus lesend erleben? Der Neutestamentler Martin Kähler legte die Spur, als er sagte, dass es gar nicht so sehr auf die korrekte Rekonstruktion des historischen Jesus ankomme, sondern vielmehr auf den „geschichtlichen, biblischen Christus“. Das war für ihn der Christus, wie er im Buche steht, der Christus, so wie er sich den Schreibern der neutestamentlichen Texte eingeprägt hatte – nicht der historische Jesus, aber seine Wirkung. Der Würzburger Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing geht noch weiter. Für ihn ist Jesus im Text auferstanden und dort „ästhetisch real präsent“. In den Buchreligionen – und das ist vielleicht ihr entscheidendes Merkmal – ist das Lesen ein bevorzugter Ort für eine Gottesbegegnung. Dass dies nur eine dünne Gotteserfahrung sei, wenn man von den Erfahrungen anderer liest, also eine Gotteserfahrung aus zweiter Hand, das glaubt Klaas Huizing nicht. Ähnlich wie Kähler sieht er in den biblischen Texten eine verdichtete Leben-Jesu-Erfahrung. „Ein Text kann einen Menschen, der dreißig Jahre gelebt hat, in wenigen Zeilen so präsent machen, dass sie eine stärkere Erfahrung dieser Figur haben, als es unter Umständen den Menschen möglich war, die mit ihm durch Palästina gezogen sind.“
Der selbständige Leser
In dem Roman von Alfred Andersch macht der Kommunist Gregor eine zweite Entdeckung, als er den ‚lesenden Klosterschüler’ betrachtet: „Aber dann bemerkte er auf einmal, dass der junge Mann ganz anders war. Er war gar nicht versunken. Er war nicht einmal an die Lektüre hingegeben. Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Er ist anders, dachte Gregor, er ist ganz anders. Er ist leichter, als wir waren, vogelgleicher. Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas ganz anderes zu tun.“
Die Lesenden können sich selbständig machen; selbst ein Versinken im Buch bedeutet kein Ausgeliefertsein an den Text. Gegenüber der erlesenen Präsenz Gottes in den Bibelgeschichten gebe es eine „Distanz in der Ergriffenheit“, meint Klaas Huizing. Der Leser sei in einem Spiel mit dem Text. Die Autorität des Textes liege in seiner Wirkung oder in seiner Evidenz. „Sie können auch das Buch zumachen und sagen: ‚Das sagt mir nichts.’“
Die Autorität des Textes
Aber auch das Buch macht sich selbständig gegenüber den Lesenden und wirkt heimlich weiter. Die alten Geschichten prägen die Vorstellungen der Menschen, ja sogar die spontanen Empfindungen. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, um ein prominentes Beispiel zu nehmen, ist vermutlich in irgend eine Schicht des kollektiven Gedächtnisses abgesickert und führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie einen Obdachlosen auf der Strasse sitzen sehen. Aber die alte Geschichte lebt nicht nur im Unterbewussten, sie ist auch langsam durch den historischen Prozess gewandert und hat sich in den Institutionen der Gesellschaft kristallisiert – bis in das Grundgesetz oder den Namen eines Wohlfahrtsverbandes. Ist der alte Impuls des Textes noch erkennbar oder hat er sich aufgelöst beim Marsch durch die Institutionen? Es bedarf einer gehörigen Portion Interpretation, um hinter den vielfältigen Wirkungsgeschichten eines Textes noch seine alte Pointe zu erkennen. Arbeit am Text ist also nötig. Man kann in den alten Geschichten versinken; man muss sich aber hineinknien, wenn man erkennen will, ob die Wirkungen, die sie Jahrhunderte später noch entfalten, wirklich noch die Pointen der Texte bewahren, oder ob diese Pointen im Lauf der Zeit untergegangen oder gar in ihr Gegenteil verkehrt worden sind. Vielleicht muss der Leser aber auch knietief im Text und im Angesicht der Pointe sagen: „Das sagt mir nichts“, oder: „Das glaube ich nicht.“
Riskantes Lesen
In dem Roman von Alfred Andersch ist die Skulptur ‚lesender Klosterschüler’ in einer Kirche an der Ostsee aufgestellt. ‚Die Anderen’, die Nazis, wollen das Werk des als entartet geltenden Künstlers abholen. In dieser Notsituation bittet der Pfarrer Helander den kommunistischen Fischer Knudsen, die Figur nach Schweden zu bringen. „Während der Pfarrer mit Knudsen sprach, in der kalten klaren Luft, die von der See herkam, wurde er sich endgültig darüber klar, dass der ‚Lesende Klosterschüler’, der jetzt noch unberührt, einen halben Meter hoch und aus Holz geschnitzt am Fuß des nordöstlichen Pfeilers der Vierung saß, das innerste Heiligtum seiner Kirche war. Er hatte ihn vor ein paar Jahren von einem Bildhauer erworben, dem kurz darauf die Anderen verboten hatten, sein Handwerk auszuüben. Weil die Anderen den ‚Klosterschüler’ angreifen, dachte Helander, ist er das große Heiligtum. Den mächtigen Christus auf dem Altar lassen sie in Ruhe, sein kleiner Schüler ist es, der sie stört. Das Mönchlein, das liest. Der ganze Riesenbau der Kirche wird um dieses stillen Mönchleins willen auf die Probe gestellt, dachte Helander.“
Junge Kirche / 3-2006
Versunken in einer anderen Wirklichkeit
Vielleicht erinnert der ‚lesende Klosterschüler’ auch heute Betrachter daran, wie sie früher – als Mädchen oder Junge – Bücher nicht nur gelesen, sondern verschlungen haben. Ganze Tage konnte das Kind auf dem Boden liegen und Karl May lesen. Und wenn die Mutter zum Essen rief, tauchte es aus der weiten Prärie Amerikas auf, und die Familie beim Abendbrottisch wirkte merkwürdig fremd und unwirklich. Saß es doch eben noch am Lagerfeuer eines Indianerstammes. War die Gesellschaft der Apachen nicht ebenso real wie das Abendbrot?
Oder während des Studiums, in den Zeiten, als es nicht nur um die Scheine ging, sondern der Student wissen wollte, wie es wirklich ist – und deswegen in neue Gedankenwelten eintauchte. Das Erleben im Kopf schien bedeutender, als mit den Kommilitonen abends auszugehen, um etwas – ja was eigentlich? – zu erleben. Hatte er beim Lesen nicht mehr erlebt als die Kollegen in der Kneipe?
Realpräsent im Text
Was bedeuten solche Leseerfahrungen für das Lesen heiliger Schriften? Kann lesend der „garstig breite Graben“ zwischen der Zeit Jesu und heute übersprungen werden? Kann man Jesus lesend erleben? Der Neutestamentler Martin Kähler legte die Spur, als er sagte, dass es gar nicht so sehr auf die korrekte Rekonstruktion des historischen Jesus ankomme, sondern vielmehr auf den „geschichtlichen, biblischen Christus“. Das war für ihn der Christus, wie er im Buche steht, der Christus, so wie er sich den Schreibern der neutestamentlichen Texte eingeprägt hatte – nicht der historische Jesus, aber seine Wirkung. Der Würzburger Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing geht noch weiter. Für ihn ist Jesus im Text auferstanden und dort „ästhetisch real präsent“. In den Buchreligionen – und das ist vielleicht ihr entscheidendes Merkmal – ist das Lesen ein bevorzugter Ort für eine Gottesbegegnung. Dass dies nur eine dünne Gotteserfahrung sei, wenn man von den Erfahrungen anderer liest, also eine Gotteserfahrung aus zweiter Hand, das glaubt Klaas Huizing nicht. Ähnlich wie Kähler sieht er in den biblischen Texten eine verdichtete Leben-Jesu-Erfahrung. „Ein Text kann einen Menschen, der dreißig Jahre gelebt hat, in wenigen Zeilen so präsent machen, dass sie eine stärkere Erfahrung dieser Figur haben, als es unter Umständen den Menschen möglich war, die mit ihm durch Palästina gezogen sind.“
Der selbständige Leser
In dem Roman von Alfred Andersch macht der Kommunist Gregor eine zweite Entdeckung, als er den ‚lesenden Klosterschüler’ betrachtet: „Aber dann bemerkte er auf einmal, dass der junge Mann ganz anders war. Er war gar nicht versunken. Er war nicht einmal an die Lektüre hingegeben. Was tat er eigentlich? Er las ganz einfach. Er las aufmerksam. Er las genau. Er las sogar in höchster Konzentration. Aber er las kritisch. Er sah aus, als wisse er in jedem Moment, was er da lese. Seine Arme hingen herab, aber sie schienen bereit, jeden Augenblick einen Finger auf den Text zu führen, der zeigen würde: das ist nicht wahr. Das glaube ich nicht. Er ist anders, dachte Gregor, er ist ganz anders. Er ist leichter, als wir waren, vogelgleicher. Er sieht aus wie einer, der jederzeit das Buch zuklappen kann und aufstehen, um etwas ganz anderes zu tun.“
Die Lesenden können sich selbständig machen; selbst ein Versinken im Buch bedeutet kein Ausgeliefertsein an den Text. Gegenüber der erlesenen Präsenz Gottes in den Bibelgeschichten gebe es eine „Distanz in der Ergriffenheit“, meint Klaas Huizing. Der Leser sei in einem Spiel mit dem Text. Die Autorität des Textes liege in seiner Wirkung oder in seiner Evidenz. „Sie können auch das Buch zumachen und sagen: ‚Das sagt mir nichts.’“
Die Autorität des Textes
Aber auch das Buch macht sich selbständig gegenüber den Lesenden und wirkt heimlich weiter. Die alten Geschichten prägen die Vorstellungen der Menschen, ja sogar die spontanen Empfindungen. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, um ein prominentes Beispiel zu nehmen, ist vermutlich in irgend eine Schicht des kollektiven Gedächtnisses abgesickert und führt bei vielen Menschen dazu, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie einen Obdachlosen auf der Strasse sitzen sehen. Aber die alte Geschichte lebt nicht nur im Unterbewussten, sie ist auch langsam durch den historischen Prozess gewandert und hat sich in den Institutionen der Gesellschaft kristallisiert – bis in das Grundgesetz oder den Namen eines Wohlfahrtsverbandes. Ist der alte Impuls des Textes noch erkennbar oder hat er sich aufgelöst beim Marsch durch die Institutionen? Es bedarf einer gehörigen Portion Interpretation, um hinter den vielfältigen Wirkungsgeschichten eines Textes noch seine alte Pointe zu erkennen. Arbeit am Text ist also nötig. Man kann in den alten Geschichten versinken; man muss sich aber hineinknien, wenn man erkennen will, ob die Wirkungen, die sie Jahrhunderte später noch entfalten, wirklich noch die Pointen der Texte bewahren, oder ob diese Pointen im Lauf der Zeit untergegangen oder gar in ihr Gegenteil verkehrt worden sind. Vielleicht muss der Leser aber auch knietief im Text und im Angesicht der Pointe sagen: „Das sagt mir nichts“, oder: „Das glaube ich nicht.“
Riskantes Lesen
In dem Roman von Alfred Andersch ist die Skulptur ‚lesender Klosterschüler’ in einer Kirche an der Ostsee aufgestellt. ‚Die Anderen’, die Nazis, wollen das Werk des als entartet geltenden Künstlers abholen. In dieser Notsituation bittet der Pfarrer Helander den kommunistischen Fischer Knudsen, die Figur nach Schweden zu bringen. „Während der Pfarrer mit Knudsen sprach, in der kalten klaren Luft, die von der See herkam, wurde er sich endgültig darüber klar, dass der ‚Lesende Klosterschüler’, der jetzt noch unberührt, einen halben Meter hoch und aus Holz geschnitzt am Fuß des nordöstlichen Pfeilers der Vierung saß, das innerste Heiligtum seiner Kirche war. Er hatte ihn vor ein paar Jahren von einem Bildhauer erworben, dem kurz darauf die Anderen verboten hatten, sein Handwerk auszuüben. Weil die Anderen den ‚Klosterschüler’ angreifen, dachte Helander, ist er das große Heiligtum. Den mächtigen Christus auf dem Altar lassen sie in Ruhe, sein kleiner Schüler ist es, der sie stört. Das Mönchlein, das liest. Der ganze Riesenbau der Kirche wird um dieses stillen Mönchleins willen auf die Probe gestellt, dachte Helander.“
Junge Kirche / 3-2006



