"The only God is life."

Indische Autoren bei der Buchmesse.

Indien ist überrascht nicht nur durch sein wirtschaftliches Wachstum, Indien ist auch ein kulturelles Boom-Land. Neben Bollywood-Filmen entwickeln sich immer mehr Schriftsteller aus Indien als echte Exportschlager: 44 deutschsprachige Übersetzungen indischer Autoren sind dieses Jahr erschienen, denn Indien ist das Gastland bei der diesjährigen Buchmesse.

Junge Autoren wie Pankaj Mishra, Altaf Tyrewala und Kiran Desai werden in viele Sprachen übersetzt; und finden neben etablierten indischen Autoren wie Salman Rushdie und Vikram Seth ein Publikum. Und: Viele von Ihnen handeln von der Religion. Einem Satz von Mahatma Ghandhi zufolge, sollte derjenige, der Religionen studieren will, nach Indien kommen. Nun exportieren indische Autoren das Nachdenken über Religion in den Westen. Christoph Fleischmann hat mit indischen Autoren auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen:

„In einer Hölle wie dieser muss wahrscheinlich selbst Gott laut brüllen, um sich Gehör zu verschaffen.“ Die Hölle ist die Megametropole Bombay und der das denkt ist ein junger indischer Muslim, der seinen Namen ändern lasen will. Seinen moslemischen Namen sieht er als Hindernis bei der geplanten Anwaltskarriere. Einer der Helden in dem Buch von Altaf Tyrewala, und beileibe nicht der einzige, der sich illusionslos gibt: „Kein Gott in Sicht“ heißt die Sammlung von pointierten Kurzporträts, die Tyrewala vorgelegt hat.

Atmo Messehalle

Keine Hölle – nur die Polyphonie der Frankfurter Messehalle; hier erklärt Tyrewala, welche Idee ihn beim Schreiben geleitet hat

O-Ton 1 Tyrewala (kräftig Hallenatmo) - englisch

Overvoice: Indien hat sehr laute Geschichten: Bollywood, die Politik, Kricket. Die Masse aber bleibt dabei gesichtslos. Das behagt mir nicht, wenn wir die Leute nicht als Einzelne sehen. Als Schriftsteller habe ich versucht, so vielen gesichtslosen Menschen wie möglich wieder ein menschliches Gesicht zu geben.

Immer wiederkehrendes Thema seiner Porträts ist – obwohl kein Gott in Sicht ist – doch die Religion. Besonders komisch und eindrücklich ist die Begegnung eines Baba, eines indischen Wanderpredigers, mit einem Versicherungsvertreter im Treppenhaus eines Wolkenkratzers. Der Versicherungsvertreter macht sich über den Aberglauben des Baba lustig – aber er bekommt selbst die Tür vor der Nase zugeschlagen.

O-Ton 2 Tyrewala – englisch

Overvoice: Es gibt ein Verlangen nach Garantie, nach Sicherheit oder Absicherung. Und wenn Gott das nicht mehr gibt, dann muss der Versicherungsvertreter seinen Platz einnehmen und gibt Dir die Absicherung, nach der du suchst.

Das andere Thema, das immer wieder kehrt in den Geschichten von Altaf Tyrewala ist das Töten: Ihn interessierte, wie einzelne Menscehn mit dem Toeten umgehen.

O-Ton 3 Tyrewla – englisch

Overvoice: Jede Idee, die man zum Extrem bringt, kann eine Entschuldigung fürs Töten werden; auch Kunst kann eine Rechtfertigung fürs Töten werden, Nationalismus, Religion – jede Idee die sich absolut setzt, kann Amok laufen. Selbst Liebe kann eine Entschuldigung für das Töten werden.

In diese Richtung erzählt auch der breit angelegte Roman “Gottes kleiner Krieger” von Kiran Nagarkar. Zia, ein junger gut ausgebildeter Moslem, wird zum Fanatiker; erst will er Salman Rushdie umbringen, dann konvertiert er zum Christentum und tritt in ein Trappistenkloster ein, aber er bleibt ein Fundamentalist: Er wird zum militanten Abtreibungsgegener. Zuletzt folgt er einem hindusitischen Fanatiker. Letztlich, erklärt Nagarkar, sei die Religion, der sein Held anhänge uninteressant, weil er der Religion des Extremismus folge, die es in vielen Gestalten gebe.

O-Ton 4 Nagarkar – englisch

Overvoice: Das Ziel rechtfertigt niemals die Mittel. [...] Mein Protagonist Zia sagt: das Ziel ist edel, dann benutzt er jedes Mittel. Er tritt in das Trappistenkloster ein und wissen Sie, was der Abt da sagt; er ist so traurig, weil er Zia liebt; er sagt: „Zia, Du kannst nicht mal gut von böse unterscheiden.“ Das ist ein tragischer Satz.

Nagarkar erzählt opulent und spannend und variiert immer wieder – manche moegen sagen vielleicht etwas zu oft und direkt – seine Grundmelodie:

O-Ton 5 Nagarkar VII – englisch

Overvoice: Es gibt nur einen Gott und ihr Name ist Leben. Sie ist die einzige, die es verdient angebetet zu werden. Alles andere ist unwichtig.

Auch der Psychoanalytiker Sudhir Kakar untersucht das Phaenomen des religioesen Fundamantalismus. Zusammen mit seiner Frau Katharina Kakar hat er ein sehr gut zu lesendes Portraet der indischen Gesellschaft verfasst mit dem Titel „Die Inder“. Er beschreibt darin auch Stationen, die dazu fuehren, dass Menschen anfangen in „wir“ und „die“ zu denken, dass Menschen ihre Gruppenidentitaet nicht wie einen leichten Mantel, sondern wie eine Ruestung tragen. Etwas, was es nicht nur in den Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus gebe:

O-Ton 6 Kakar

Wenn Huntington von Clah of civilization spricht, dann [...] klingt civilization wie eine dieser Ruestungen, dass man aus dieser civilization nicht raus kommt. Civilization ist ein Begriff – das ist eine Ruestung-Identitaet. [...] Und ich glaube in einer Globalisierung sollten auch Zivilisationen keine Ruestungen sein; es ist die Angst, die so eine Ruestung macht.

Also geht es nicht um einen Kampf der Kulturen, sondern eher um einen Kampf der Identitaeten, der sich keineswegs nur an der Religionszugehoerigkeit festmachen muss. Freilich bleibe die Religion, so Kakar, in Indien so bedeutsam, dass kaum ein Inder eine distanzierte ironische Position zu ihr habe.

O-Ton 7 Kakar

Das liegt an das absolut uebergewichtige Position, die Religion oder religioeses Denken in der indischen Zivilisation seit Jahren hat. Das kommt von Anfang an, von Kind an. Wenn man einen Sadhu oder Wahrsager, Astrologen oder was sieht – die haben einen Ruf von den Eltern her: das sind Menschen, die was wissen, was wir alles nicht wissen.

Musik Cacutta Special Project – live recording from Rautenstrauch-Joest-Museum

Auch Kiran Nagarkar obwohl er sich über die Religon lustig macht und sich selbst als a-religiös beschreibt, hat wohl nicht nur ein ironisches Verhältnis zur Religion. In seinem Roman entwirft der atheistische Bruder seines kleinen Gotteskriegers eine religiöse Vision, die auch Nagarkar sehr wichtig ist:

O-Ton 8 Nagarkar – englisch

Overvoice: Der heilige Dichter Kabir kommt in den Himmel und das ist so lustig und zugleich so tragisch: Als er Gott trifft, sagt er zu ihm: „Ich möchte Dich nicht aufregen, aber bin ich hier am rechten Platz? Ich habe immer wieder gesündigt.“ Und Gott sagt: „Oh, sicher wollen wir Dich hier haben.“ [...] Darauf sagt Kabir: „Wenn Du mir vergeben kannst, dann kannst Du doch allen Menschen vergeben, oder? Dann nimmst Du doch jeden in den Himmel.“ Aber da wird Gott böse: „Natürlich nicht! Nur die Auserwählten kommen in den Himmel.“ Dann sagt Kabir: „Ich dachte wir sind alle Deine Auserwählten“ – Sie müssen diese Passage lesen: Sie ist es so lustig - und tragisch. Dann sagt Kabir: „Sende mich zurück zur Erde.“ Und Gott tut das. Denn Kabir wollte nicht im Himmel leben, wenn andere, Gute und Böse, nicht in den Himmel aufgenommen werden.

Altaf Tyrewala, Kein Gott in Sicht, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006, 190 Seiten, 19,80 Euro. Sudhir und Katharina Kakar, Die Inder. Portraet einer Gesellschaft, C.H.Beck Verlag, 190 Seiten, 19,90 Euro.

WDR 5 Diesseits von Eden / 9.10.2006


Stichworte:
Hinduismus, Indien, Islam