Warum Bücher besitzen?

Gedanken zur Buchmesse.

„Haben Sie die alle gelesen?“ Das ist ja nun wirklich die törichtste aller Fragen, die man zum eigenen Bücherregal gestellt bekommen kann. Ich stelle mir die Bücher ja nicht als Trophäen ins Regal – wie der Jäger die abgeschossenen Hirsche an die Wand hängt: Schaut, das habe ich alles schon gelesen. Nein, ich habe sie natürlich nicht alle gelesen, die Bücher im Regal.

Es ist genau umgekehrt: Ich stelle mir mit Vorliebe die Bücher ins Regal, die ich noch nicht gelesen habe, aber gerne einmal lesen möchte oder ich sammel das, was mir interessant scheint, um es einmal nachzuschlagen: Zum Beispiel mehrbändige Klassikerausgaben. Wenn sich mein Handy selbständig macht und automatisch eine SMS verschickt, weil ich vergessen habe die Tastensperre einzustellen, dann tröstet mich Goethes „Zauberlehrling“: „In die Ecke,/ Besen, Besen!/ Seids gewesen./ Denn als Geister/ ruft euch nur zu diesem Zwecke,/ erst hervor der alte Meister.“ Gut, wenn Goethe dann im Regal steht.
Oder ich kaufe Bücher, die ich gerne ein mal lesen möchte, obwohl ich dazu jetzt bestimmt keine Zeit habe, weil auf dem Nachttisch noch fünf andere Bücher liegen. Wer meint, dabei würde ich Gefahr laufen, mehr zu sammeln als ich jemals lesen kann, dem kann ich nur Recht geben. Aber was ihm als Gefahr erscheint, ist mir Trost: So lange es noch gute Bücher im Haus hat, kann das Leben nicht ganz sinnlos werden. Es gibt noch etwas zu erleben. Es liegt noch etwas Leben vor mir.

Was aber ist dann mit den Büchern, die ich tatsächlich schon gelesen habe? Nach dem eben genannten Sammelprinzip einer guten Bibliothek bräuchte ich die ja gar nicht mehr im Haus. Denn der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho meinte einmal, die Wahrscheinlichkeit ein bereits gelesenes Buch noch einmal zur Hand zu nehmen, läge höchstens bei einem Prozent. Diese Erkenntnis hat eine Kollegin dazu veranlasst, Ihre Suhrkamp-Bändchen aus der Studienzeit wegzuwerfen, damit in dem kleinen Reihenhaus Platz ist für eine Heimsauna. Das wirkt erst einmal bestechend: Für das – wie man so sagt – „praktische Leben“ ist ein gesundheitsförderndes Saunieren oft hilfreicher als die alte Theorie: Schwitzen statt Habermas. Trotzdem überzeugt es mich nicht: Ich gebe zwar gerne zu, dass es zu gewissen Raumkonflikten kommen kann - wann erführe man das deutlicher als bei einem Umzug? Meine Freunde fluchten ob der Bücherkisten und bemerkten süffisant: Der Inhalt dieser Bücherkiste passe doch sicher auf eine DVD. Sollte man nicht deshalb lieber dickleibige Werke durch erotisch schlanke Datenträger ersetzen? Viele Klassiker gibt es schon im digitalen Gewand. Das wäre aber nur vordergründig eine Lösung, wenn man bedenkt, wie schön ein Wohnzimmer aussieht, dessen Wände durch die warmen Farben von bunten Buchrücken geschmückt sind. Außerdem erinnern mich die gelesenen Bücher, an das, was ich alles schon gelesen habe. Ziemlich sicher werde ich mir Kant kein zweites mal reintun – das war beim ersten Mal schon keine reine Freude – aber die kleine grüne Ausgabe erinnert mich daran, dass ich es mal getan habe. Ja und das sollen doch auch ruhig mal die anderen sehen, die, die fragen, ob ich das alles gelesen habe. Natürlich habe ich das nicht, aber einige Trophäen sind schon in meinem Regal versteckt. Und auf die bin ich so stolz wie der Jäger auf die abgeschossenen Hirsche.

WDR 5 Scala / 10.10.2007


Stichworte:
Eigentum