Nur die Wahrheit heilt.

Der anglikanische Ordenspriester Michael Lapsley will, dass die Menschen nicht Gefangene dessen bleiben, was Ihnen angetan wurde.

„Wir können nicht wählen, was andere uns antun, aber wir können wählen, wie wir darauf reagieren.“ Der Mann, der das sagt, hat keine Hände mehr. Er trägt zwei dicke Unterarmprothesen, die in zwei doppelsträngigen Metallhaken enden. Er hält eine Andacht über das Bibelwort aus den Sprüchen Salomos: „Sprich nicht: ‚Wie einer mir tut, so will ich ihm auch tun und einem jeglichen sein Tun vergelten.’“ Und er erklärt das Bibelwort mit Hilfe eines chinesischen Sprichwortes: „Der, der Rache will, gräbt zwei Gräber.“ Die Armprothesen sind dabei in Bewegung, sie unterstreichen und unterstützen die lebhafte Ansprache. Der bärtige Mann ist es offensichtlich gewohnt, mit den Händen zu reden.

„Die letzte weiße Regierung Südafrikas wollte mich töten“, erklärt Father Michael Lapsley. Durch ein Briefbombenattentat verlor er beide Hände. Ein Auge und eine Gesichtshälfte wurden zerstört. „Aber ich habe viel Liebe erfahren, Menschen haben für mich gebetet. Das hat mich befähigt, aus dieser Situation erlöst zu werden, und schließlich von einem Opfer zu einem Sieger zu werden.“ Er spricht sanft und bestimmt, nicht triumphalistisch, kein: ‚Schaut mich an’. Man glaubt ihm, dass er sich gefreut hat, dass Schulkinder in Australien Bilder für ihn gemalt haben, als er nach dem Attentat im Krankenhaus lag.

Dass die Menschen nicht Gefangene dessen bleiben, was ihnen angetan wurde, das will Michael Lapsley in Workshops zur „Heilung der Erinnerung“ vermitteln. Denn er ist überzeugt, dass viele Menschen in Südafrika von der Vergangenheit ihres Landes „vergiftet“ sind und dass es Gottes Wille ist, dass die Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen, „so schmerzvoll es auch sein mag.“ „Denn nur mit der Wahrheit kann man auf die Reise der Heilung gehen. Amen.“ Er setzt sich wieder und legt die Haken mit einem leisen Klicken ineinander.

Der Mann, der ein Staatsfeind der südafrikanischen Regierung war, wurde 1949 in Neuseeland geboren. Zu einer ersten Begegnung mit Südafrika kam es für den Teenager durch die Lektüre des Buches „Naught for your comfort“ von Trevor Huddleston, ein Buch, das den Skandal der Apartheid weltweit bekannt machte. Aber es war nicht seine eigene Entscheidung nach Südafrika zu gehen, sondern die seines Ordens. Im Alter von 17 Jahren war Lapsley Mitglied in der Society for the Sacred Mission (SSM), einem Orden der anglikanischen Kirche, geworden. Der schickte ihn erst nach Australien zum Theologiestudium und 1973 nach Südafrika, wo er Studentenpfarrer wurde und bald als National Chaplain für alle anglikanischen Studenten in Südafrika verantwortlich war – weiße wie schwarze.

„Als ich nach Südafrika kam, hörte ich auf, ein Mensch zu sein. Ich wurde ein Weißer. Das definierte jeden Aspekt meines Lebens: der Vorort, in dem ich lebte, der Strand an dem ich schwimmen durfte, den Eingang des Postamtes, den ich benutzen konnte, und so weiter. Dass ich gegen die Apartheid war, machte keinen Unterschied. Ich hatte alle Vorzüge eines Weißen. Mein Weißsein wurde für mich wie ein Aussatz.“

In dieser Situation gab es für den Christen Lapsley keine Möglichkeit neutral zu sein. Seine Gegnerschaft zur Apartheid stand von Anfang an genauso fest wie seine Überzeugung, die Apartheid nur mit gewaltfreien Mitteln überwinden zu können. „Ich war ein überzeugter Pazifist, was die Taktik anbelangt und auch, weil es ein Prinzip des Evangeliums ist.“ Was für einen Anglikaner schon etwas Besonderes sei, fügt Lapsley feixend hinzu, da es wohl kaum einen Krieg gegeben habe, wo die Anglikaner nicht irgendwelche Waffen gesegnet hätten. Sein Pazifismus brachte Lapsley in bizarre Situationen: Wenn er die schwarzen Studenten aufforderte, nur mit gewaltfreien Mitteln für Veränderungen zu kämpfen, galt er als loyaler Südafrikaner. Aber wenn er den weißen Studenten sagte, sie sollten keine Gewalt einsetzen, um Veränderungen zu verhindern, und ihnen empfahl den Wehrdienst zu verweigern, dann war das eine strafbare Handlung. Lapsley lernte, dass die Gewalt der einen „Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung“ sein sollte und die der anderen „Terrorismus“. Was aber schließlich seine pazifistische Einstellung erschütterte, war die brutale Niederschlagung des Soweto-Aufstandes im Juni 1976. Unbewaffnete Schulkinder wurden erschossen, viele davon in den Rücken. Gewaltfreiheit als erfolgreiche Taktik schien angesichts solcher Brutalität an ein Ende gekommen zu sein. Und noch etwas machte Lapsley zu schaffen: „Im südafrikanischen Kontext muss man annehmen, dass die Killer Bibelleser und Kirchgänger waren.“ Lapsley kam zu der Überzeugung, dass es nicht angehen könne, den Schwarzen zu sagen, sie dürften nicht das Gewehr benutzen. „Damit hätte ich ihnen geraten, Komplizen ihres eigenen Todes zu werden.“

Der südafrikanischen Regierung war der Apartheidsgegner lästig. Sie verlängerten sein Visum nicht mehr, und so musste er noch im selben Jahr das Land verlassen. Lapsley ging erst nach Lesotho, wo er sich dem ANC (African National Congress) anschloss und später nach Simbabwe ins Exil. Er war Pfarrer für die Exilsgemeinden des ANC. Hier versuchte er auch internationale Unterstützung für den Kampf gegen die Apartheid zu organisieren. Und er suchte nach einer theologischen Begründung für den bewaffneten Widerstand. „Ich bezog die Lehre vom gerechten Krieg auf die Situation in Südafrika.“ Dass der bewaffnete Kampf gerechtfertigt war, sieht er auch heute noch so. „Wir hatten keine Alternative.“ Auch wenn er eingesteht, „dass wir dafür einen fürchterlichen Preis an Menschlichkeit bezahlen mussten.“ Er selbst habe nicht gekämpft. „Die einzige automatische Waffe, die ich jemals benutzt habe, ist die, die ich jetzt benutze“, sagt er und hebt lächelnd seinen Arm. Vermutlich gehört zur Reise der Heilung auch eine gute Portion britischer Humor.

Von der Regierung in Simbabwe wurde Lapsley 1987 gewarnt, dass er auf einer schwarzen Liste der südafrikanischen Regierung stände. Er bekam daraufhin Polizeischutz rund um die Uhr. Bis 1990, als der damalige südafrikanische Präsident Frederick de Klerk sich verhandlungsbereit zeigte. Mandela kam aus dem Gefängnis, die südafrikanische Regierung erklärte, sie werde keine Attacken mehr gegen die sogenannten Frontline-Staaten planen, und schließlich wurde das Treffen zwischen der Apartheidregierung und dem ANC in Groote Schuur geplant. „Wir entspannten uns“, beschreibt Lapsley die Situation im Exil. Zwei Tage vor dem historischen Treffen in Groote Schuur, das den Weg für die ersten Wahlen für alle Südafrikaner freimachte, am 28. April 1990, bekam Michael Lapsley wie jeden Tag Post. Perfiderweise war die Briefbombe in dem Umschlag, in dem auch ein englisches Kirchenmagazin steckte. Lapsley überlebte den Anschlag nur, weil er den Umschlag im Stehen öffnete.

Obwohl Freunde ihm abrieten, wieder nach Südafrika zu gehen, entschied er sich nach langen Krankenhausaufenthalten, in das Land der Täter zurückzugehen. „Ich war Teil des Exils und nun wollte ich daran teilnehmen, ein neues Südafrika aufzubauen. Und dabei konnte ich eine ganz bestimmte Rolle spielen.“ Diese Rolle bestand darin, Workshops zur „Heilung der Erinnerung“ anzubieten. Zuerst am Trauma Healing Centre und inzwischen als Direktor des Institute for Healing of Memories in Kapstadt. Die Funktion dieser Workshops beschreibt er lapidar: „Wir bieten Raum, in dem die Menschen sich bewusst werden können, was die Vergangenheit unseres Landes mit ihnen gemacht hat.“ Es gehe nicht so sehr darum, was die Leute über die Vergangenheit denken, sondern welche Emotionen wegen des Vergangenem in ihnen seien. Diese sollen die Kursteilnehmer sich bewusst machen, um sie dann loszulassen. „Die Leute haben allen Grund verbittert zu sein, aber dieses Zeug in uns – um unserer selbst Willen müssen wir das rausbekommen.“

Damit versteht Lapsley seine Workshops als Ergänzung zur Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika. Dort hätten nicht alle Menschen aussagen können, für die es wichtig gewesen wäre. Beide, Wahrheitskommission und Workshops arbeiten nach ähnlichen Prinzipien: Das ehrliche Aussprechen der Wahrheit soll Vergebung und Versöhnung ermöglichen. Dem Täter, der die Wahrheit sagt, kann Amnestie gewährt werden. Dem Opfer, das die Wahrheit hört, wird die Chance gegeben, Hass und Bitterkeit abzulegen und zu vergeben und endlich nicht mehr Opfer sein zu müssen, sondern wieder Subjekt der eigenen Geschicke zu werden. „Ich realisierte, dass ich für immer ein Opfer bleiben würde, wenn ich von Hass, Bitterkeit, Selbstmitleid und dem Wunsch nach Rache erfüllt wäre. Es würde mich verschlingen, lebendig auffressen.“ Und es würde anderen schaden. Lapsley zitiert den ANC-Präsidenten Albert Luthuli: „Diejenigen die sich selber als Opfer ansehen, werden schließlich zu Menschen, die andere zu Opfern machen.“ Er nennt das Beispiel einer Frau, die in seinen Workshop kam. Sie war gefoltert worden und konnte nicht an die herankommen, die ihr das angetan hatten. Irgendwann merkte sie, dass sie ihren Hass und ihre Frustration an der eigenen Tochter ausließ. Für Lapsley kein Einzelfall: „Das können wir in verschiedenen Kontexten beobachten: Wenn die erste Generation politische Gewalt erfahren hat, dann nimmt in der folgenden Generation die häusliche Gewalt zu.“ Nach einer aktuellen Statistik wird jede zweite Südafrikanerin einmal in ihrem Leben vergewaltigt.

„Natürlich reicht die Wahrheit nicht aus, aber es geht auch nicht ohne die Wahrheit. Man findet sonst keine Ruhe, wenn da noch was offen ist.“ Die Wahrheits- und Versöhnungskommission war nach Lapsley das einmalige Beispiel, „in dem ein Land versuchte, noch in der selben Generation die Wahrheit auf den Tisch zu bringen“. In vielen Ländern versuche man nach dem Prinzip „begraben und vergessen“ die Vergangenheit zu entsorgen. „Aber zeig mir ein Land, wo das funktioniert hat. Das Zeug verschwindet ja nicht.“ Lapsley macht aber auch deutlich, dass Vergebung nicht billig zu haben ist: Es schließe die Zahlung von Reparationen ein, so Lapsley. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission hat in ihrem ersten Abschlussbericht von 1998 die Zahlung von Reparationen für die Opfer der Apartheid verlangt. Eine Forderung, der die südafrikanische Regierung bis heute nicht nachgekommen ist. Deswegen hält es Lapsley für ein „völlig unangemessenes Signal“, dass Präsident Thabo Mbeki Mitte Mai 33 politische Häftlinge amnestierte – darunter viele, denen von der Wahrheits- und Versöhnungskommission Amnestie verwehrt worden war. Man könne nicht die Täter amnestieren bevor über die Entschädigungen für die Opfer entschieden sei, empört sich Lapsley. Außerdem habe die Präsidenten-Amnestie eine Diskussion über eine Generalamnestie losgetreten. „Eine Generalamnestie würde aus der Wahrheits- und Versöhnungskommission einen Witz machen.“ Wenn nun alle Verdächtigen amnestiert würden, käme das einer Belohnung der Menschen gleich, die sich einer Anhörung vor der Wahrheitskommission entzogen hätten, wie der ehemalige südafrikanische Präsident Pieter Willem Botha,

Seine eigene Reise der Heilung ist noch nicht ganz am Ende. Lapsley kennt bis heute nicht seine Attentäter. Natürlich würde er das gerne wissen, sagt er . Aber er macht auch klar, dass die Frage ihn nicht gefangen nimmt. „Ich will nicht für den Rest meines Lebens ein Jäger sein.“ Das glaubt man dem feixenden bärtigen Mann gerne. Insofern ist er kein Kronzeuge dafür, dass man nur mit der Wahrheit auf die Reise der Heilung gehen kann. Wenn er seinem Attentäter gegenüberstehen würde, das würde ihn sicherlich sehr berühren, stellt er sich vor. Dann wären da Menschen, die Familien haben, die sie lieben und von denen sie geliebt werden, dann wäre es nicht mehr nur „der Feind“ oder „das System“. „Wenn der Attentäter ein Gefangener seiner damaligen Tat ist, dann habe ich den Schlüssel für ihn“, so Lapsley zuversichtlich. Aber er überlegt auch, wenn der Attentäter von damals nicht bereut, wenn es für ihn bis heute nur ein Job war, den er getan hat – der aufgeräumte Lapsley wird nachdenklich: „Dann bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn wirklich treffen möchte.“ Denn die Wahrheit könne auch eine neue Last bedeuten.

Publik-Forum / 27.8.2002


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Schuld, Südafrika, Versöhnung