Ein Biograf mit Tunnelblick.
Henri-Nannen Preis für Joachim Fest.
„Ich bin’s nicht gewesen – Adolf Hitler ist es gewesen!“ das war die Ausrede – nicht vom NSDAP-Ortsgruppenleiter aus Hintertupfingen oder einem Mitläufer in irgend einem Ministerium, nein, das war die Verteidigungsstrategie derer, die in Nürnberg angeklagt waren: Der Führungsriege des Deutschen Reiches. War es die Verteidigungsstrategie aller Angeklagte in Nürnberg? Nein, einer scherte aus und erkannte eine Mit-Verantwortung für die Verbrechen, auch wenn er ebenfalls von den meisten Untaten nichts gewusst haben wollte: Der Rüstungsminister Albert Speer – er musste nur 20 Jahre ins Gefängnis. Eine Zeit, die er nutzte, um über sein Leben nachzudenken und seine Sicht der Dinge aufzuschreiben: Seine Erinnerungen erschienen 1969. Geburtshelfer dieser Memoiren waren der Verleger Wolf Jobst Siedler und: Joachim Fest. Siedler und Fest trafen sich mit Speer und fragten ihn nach eigenem Bekunden, „was er von den Verbrechen des Regimes gewusst habe“. Sie fragten also nicht, an welchen Verbrechen er beteiligt war.
So wurde Albert Speer, wie Fest später selber schrieb, zur „Entlastungsfigur“. Er schien zu beweisen, so Fest, „dass man Hitler sogar an führender Stelle mit ganzer Person gedient haben und hinsichtlich der Untaten, die verübt worden waren, dennoch ahnungslos geblieben sein konnte.“
Fest musste später zugeben, dass Speer ihn angelogen und eben nicht die ganze Wahrheit über seine Beteiligung an den Naziverbrechen erzählt hatte. War also die Speer-Biografie, die Fest 1999 vorlegte, vielleicht auch eine Mischung aus Wiedergutmachung und Rechtfertigung dafür, dass er und Siedler sich hatten einseifen lassen? Das würde der „konservative Grandseigneur des Geistes“, als der er morgen gefeiert wird, sicherlich bestreiten.
Was er nicht bestreitet, ist, dass er sich dem biografischen Blick verpflichtet fühlt: Nicht nur in seinen großen Biografien über Hitler und Speer und seinem Werk über die letzten Tage im Führerbunker, auch in vielen kleineren Arbeiten gilt sein Interesse den handelnden Personen, nicht Strukturen oder gesellschaftlichen Prozessen. Erst die Biografie könne, so Fest, „die Prozesse des schrittweisen Hineingezogenwerdens, der Selbstüberredung und der Gewissensbeschwichtigung veranschaulichen“. Erst die Biografie mache die „Widersprüche“ deutlich, die zum „Wesen der Handelnden“ gehörten. „Halb zog es ihn, halb sank er hin“ – Das ist der Stoff aus dem tragische Helden sind vor der Folie intakter bürgerlicher Werte: Fest beunruhigt, wie Albert Speer, „ein Mann mit seinem sozialen und familiären Hintergrund, sowie mit den moralischen Maßstäben, nach denen er erzogen war, einer derart bösartigen Herrschaft verfallen konnte.“ Dass manche Traditionen des Bürgertums sehr gut mit Macht und Gedankengut der Nazis kompatibel waren, diese Erkenntnis steht Fest noch bevor.
Dafür ist Fest biografischer Blick extrem medientauglich: Das zeigt nicht nur seine Ehrung morgen Abend, sondern auch die Tatsache, dass sein Buch „Der Untergang“ zum Vorbild für den gleichnamigen Film von Bernd Eichinger wurde. Bei Guido Knopp wird der biografische Blick dann schließlich zur massenmedialen Methode: Hitlers Helfer, Hitlers Krieger, Hitlers Manager und immer so weiter.
Mit dem biografischen Blick bleibt aber ausgeblendet, was in den letzten Jahren die schärfsten Kontroversen über die NS-Zeit auslöste: Die Beteiligung der normalen Deutschen an den Verbrechen. Sowohl die Wehrmachtsausstellung als auch die Diskussion um die Thesen von Daniel Goldhagen über „Hitlers willige Vollstrecker“ rührten an dieser liebgewordenen Tradition: Dass die Mehrheit der Deutschen nur Verführte und Verstrickte waren, aber keine Täter.
Fest inszenierte hingegen als Kulturchef der FAZ den „Historikerstreit“ der 80er Jahre. Dort verteidigte er Ernst Noltes geschickt als Frage formulierte Thesen, ob denn der Terror der Nazis sich nicht vielleicht aus dem vorgängigen Terror der Bolschewiken entwickelt habe? Auch das ein Entlastungsangriff zugunsten der deutschen Bevölkerung.
Aber am liebsten schrieb Fest über die „Rätsel“, „Widersprüche“ und „unbeantwortbaren Fragen“ der Obernazis und die Dämonie Hitlers. Das Publikum lehnt sich derweil zurück mit wohligem Gruseln und seufzt leise: „Adolf Hitler ist es gewesen – ich, mein Vater, mein Großvater, wir sind’s zum Glück nicht gewesen.“
WDR 3 Tageszeichen / 11.5.2006