Geschichten vom kleinen Widerstand.

Wie reden Familien über die Zeit des Nationalsozialismus?

„Als Kind habe ich das mehr so wie Abenteuer empfunden, was die Älteren da erzählten“, erinnert sich Raimund Hesse. Der 58jährige meint die Erzählungen aus dem Krieg vom Vater und den anderen Verwandten, die Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren. Die ehemaligen Soldaten hätten nicht über das Leid oder die Grausamkeiten berichtet, sondern über das Schöne oder das Spannende, das sie erlebt haben. „Es ist ja genauso, wenn man heute in den Urlaub fährt, man erinnert sich an das Schöne, und das nicht so Schöne vergisst man“, so Raimund Hesse. Oder es wird von dem Schlimmen berichtet, das man gemeinsam erlebt hat: Die Bombennächte und die Not nach dem Krieg. Und vom kleinen Widerstand wurde und wird erzählt: „Da wurde dann gesagt: Meine Oma mochte nicht, wie Hitler redet. ‚Das war ein Schreihals.’ Diese kleinen Geschichten, die einem den Eindruck vermitteln, da sei irgendwo Opposition gegen Hitler gewesen, die werden ganz gerne erzählt“, meint Birte Petersen. „Aber der Rest ist Schweigen.“ Wo waren die Täter? Wer hat Synagogen angezündet oder bei Judendeportationen zugesehen? Wer hat Gefangenenerschießungen gesehen? Wer war in der Partei?

Und die Kinder und Enkel? Geben die sich damit zufrieden? Wollen sie die Wahrheit über die Eltern und Großeltern wissen – oder fragen sie lieber nicht so genau nach?
„Es gibt in den Familiengesprächen niemand, der nachfragt: ‚Was hat der Opa denn eigentlich genau gemacht`“, so der Sozialpsychologe Harald Welzer. Er hat mit einem Forscherteam 142 Interviews mit Familien und Einzelpersonen über die NS-Zeit geführt, und sich angehört, wie in deutschen Familien über die Zeit zwischen 1933 und 1945 geredet wird. Die Wissbegierde der Kinder- und Enkelgeneration sei schnell zufrieden zu stellen mit stereotypen Hinweisen: „Der Opa war ja sofort verletzt, der kann gar nichts gemacht haben.“ Oder: „Der war nur ein ganz kleines Licht.“ Die Kinder wollen es scheinbar nicht so genau wissen. Und sogar noch mehr: Die Kinder und Enkel haben schon vorsorglich die Entschuldigungen für die Soldatengeneration parat. Welzers Team hat einen interessanten Dialog festgehalten: Der Großvater fordert seinen Enkel auf, kritische Fragen zu stellen: „Warum fragst du nicht: ‚Opa, wieso habt ihr das alles mitgemacht?’“ Und seine Tochter weiß gleich die Antwort: „Ihr habt euch ja nicht aufgelehnt, weil ihr so auf Gehorsam und Gehorchen gedrillt wart. Das kannst du mit der Erziehung heute gar nicht mehr vergleichen.“ Und der angesprochene Enkel gibt sich abgeklärt: „Opa, das ist die einfachste Frage, die man stellen kann. Aber die Antworten sind ja so vielschichtig und die Geschichten, die ihr erzählt, sind so verschieden. Also so eine Frage kann ich gerade nicht stellen, dazu weiß ich schon zuviel darüber.“ Zu der vorsorglichen Entschuldigung passt eine weitere Beobachtung der Forscher: Beim Weitererzählen der Geschichten aus der Kriegszeit komme es zu einer „kumulativen Heroisierung“. Das heißt, die Geschichte, die der Opa erzählt, enthält vielleicht Anflüge von Selbstkritik, aber wenn Kinder oder Enkel sie erzählen, wird der Opa immer positiver dargestellt: Selbst ein überzeugter Nationalsozialist könne so in den Erzählungen der nachfolgenden Generationen noch zu einem werden, der Juden gedeckt habe.

Warum die Angst zu fragen? Warum das eilfertige Entschuldigen? Birte Petersen erzählt von ihrem Vater: Er sei Chemiestudent gewesen, der während des Krieges in einer Chemiefabrik arbeiten durfte. „Da hatte ich den Verdacht, das könnte ja sein, dass die Firma einer dieser Gaslieferanten für Auschwitz gewesen sein könnte. Da hatte ich eine ziemlich große Scheu, ihn danach zu fragen und mich da genau rein zu vertiefen.“ Als sie, inzwischen vierzigjährig, noch einmal danach fragte, meinte er, dass er Gasmasken getestet habe, ob sie gegen Giftgase dicht seien. Er nannte auch den Namen der Firma. „Die Firma muss wohl auch selber Giftgas produziert haben.“ Aber eine Verbindung zur Judenvernichtung konnte Birte Petersen nicht finden. Viele Informationen hatte sie freilich nicht. Immer noch merke sie eine Scheu, dass sie keine Antwort bekommen will, die beweisen würde, dass ihr Vater an der Beschaffung von Giftgas beteiligt war. Der enge Kontakt zu jemandem, der an Tötungsmechanismen beteiligt war, brächte sie in Handlungszwang: „Ich müsste ihn vielleicht auch angreifen und ihm Vorwürfe machen und ihn vielleicht auch noch einmal dazu auffordern, sich damit mehr auseinander zu setzen, was er da gemacht hat.“ Irgendwie müsste doch den Opfern Gerechtigkeit widerfahren – wenigstens dadurch, dass die Schuld dann eingestanden würde, überlegt Petersen. Harald Welzer erklärt, dass die eigene Identität sehr stark an die eigene Familie gebunden sei. „Es ist sehr schwer zu ertragen, von einem Verbrecher abzustammen, weil das einen Verweis auf die eigene Identität hat.“

Ein ehemaliger Militärrichter schrieb seinen Kindern, er hätte Glück gehabt, dass er niemals ein Todesurteil unterschreiben musste. Darin blitzt zwar die (Selbst-) Erkenntnis auf, dass es oftmals nur eine Frage des Glücks und des Zufalls war, ob jemand persönlich an Verbrechen beteiligt war oder nicht; es lag selten an Mut oder Zivilcourage. Aber eigentlich wollte der Kriegsrichter seinen Kindern beteuern, dass er nicht schuldig geworden sei. Die werden es mit Erleichterung aufgenommen haben; wie viele Kinder und Enkelkinder. Die Erleichterung der zweiten und dritten Generation verdeckt aber eine wichtige Auseinandersetzung: Welche Verhaltensmuster der Täter stecken in ihnen selbst? Wären sie genauso verführbar gewesen? Hätten sie auch mitgemacht? Hätten sie es auch nicht so genau wissen wollen? Hätten sie sich auch aus der Affäre gezogen, wenn sie von Verbrechen erfahren hätten?

Welzers Team hat noch etwas herausgefunden: Solche Familiengespräche führten dazu, dass die Familien Vorstellungen tradierten, die im öffentlichen Diskurs längst nicht mehr politisch korrekt sind: Die Nazis waren immer die anderen, die Russen waren viel schlimmer und von Verbrechen habe man nichts gewusst. „Insofern findet man gerade in der Bundesrepublik doch sehr ausgeprägte Unterschiede zwischen offizieller und privater Erinnerung.“ Welzer spricht vom „Lexikon“, das man in der Schule, durch die Medien und in öffentlichen Gedenkveranstaltungen lernt. Und daneben gebe es noch das „Familienalbum“; also die Erzählungen von Eltern und Verwandten, die einem oft viel wirklicher erscheinen. So berichtet es jedenfalls Raimund Hesse: „In der Schule kriegte man das wirklich nur so nüchtern dargeboten: Was ist da passiert? Aber zu Hause hat man dann eben in der Verwandtschaft die Realität gehört.“ Zu Hause hat man die Realität gehört. Die Erzählungen von nahestehenden Menschen hätten eine viel höhere Plausibilität, erklärt Welzer, einen „gefühlten Wahrheitsgehalt“. Die Person, die es erzählt, ist ja eine Vertrauensperson.

Dabei sei es aber nicht so, dass die Aufklärung durch Geschichtsunterricht und Medien versagt habe, meint Welzer. Die Enkel der Tätergeneration wüssten viel über die NS-Zeit, aber sie machten von diesem Wissen einen anderen Gebrauch, als sich die Pädagogen das wünschten: Zwischen dem Wissen über die NS-Zeit einerseits und dem Opa andererseits, müsse eine Verbindung hergestellt werden. Um nun ein positives Bild vom Opa zu behalten, werde der Opa in eine Rolle gesteckt, in der er dagegen gewesen ist oder nichts von allem gewusst habe oder wegen seiner Erziehung nicht anders konnte. „Das vermeidet die Dissonanz, die darin liegt, dass man die Zeit des Schreckens in Verbindung bringt mit einem Menschen, den man lieb hat.“

Hannes Heer, der ehemalige Leiter der Wehrmachtsausstellung, hat anders als die Mehrheit der von Welzer interviewten Personen die Auseinandersetzung gesucht. Er war 1968 im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) an der Universität Bonn in vorderster Reihe aktiv; also ein typischer „68er“. Während der Studienzeit hat er herausbekommen, dass sein Vater ein überzeugtes Mitglied der NSDAP gewesen war. Geredet hat er mit seinem Vater darüber nicht. Der Vater war für ihn einer der Reaktionäre und „alten Nazis“, gegen die er an der Universität kämpfte. Mit Arroganz und Anklage hat Heer sich damals die Auseinandersetzung vom Hals gehalten, wie viel von seinem Vater in ihm selber steckt. „Indem wir unsere Väter, unsere Familien, deren Moral und Religion, ‚die ganze alte Scheiße’, vom Hals geschafft und für ‚faschistisch’, ‚bürgerlich’ und ‚reaktionär’ erklärt hatten, um dagegen dann den Kampf aufzunehmen, hatten wir damit nicht den Kampf gegen die faschistischen, bürgerlichen und reaktionären Strukturen in uns selber für beendet erklärt? War ich nicht noch ebenso frauenfeindlich wie mein Vater, so autoritär den Kindern gegenüber, wäre ich nicht ebenso verführbar gewesen?“ Das schrieb Heer später, 1980, in der Einleitung zu einem Radiofeature, das er produziert hatte. In einem Dorf bei Bremen fragte er Menschen über die Nazizeit. Dabei entdeckte er zum ersten Mal, dass der Nationalismus nicht nur Terror, sondern auch Hoffnung und Faszination war. Die kleinen Pachtbauern und Knechte auf dem Land verbanden mit dem Nationalsozialismus einen Ausbruch aus ihrer subalternen Stellung und dem bürgerlichen Leben. Heer fand nicht nur Parallelen zum Leben seines Vaters. Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben: „Da war auch eine Verwandtschaft zu meinem eigenen Weg, den ich gegangen bin – völlig abgesehen von den unterschiedlichen Zielen und den unterschiedlichen Richtungen.“ Heer schickte das Buch, in dem sein Radiofeature abgedruckt war, dem Vater. Der Vater reagierte nicht auf das Friedensangebot des Sohnes. Heer hat es noch ein zweites Mal versucht: Für den WDR drehte er 1988 einen Film mit dem Titel „Mein 68 – ein verspäteter Brief an meinen Vater“. Er erzählt darin die Geschichte der 68er-Bewegung als Antwort auf einen Brief, in dem sein Vater ihn enterbt hatte. Heer bleibt seinen Ansichten von damals treu, aber er formuliert auch Selbstkritik: „Wir waren fanatisch – wir waren eure Söhne.“ Soweit sah der Vater den Film aber gar nicht: Als der Sohn ihm den Film vorführt, stand er mittendrin auf und ging. „Es war immer noch zuviel Anklage in dem Film“, resümiert Heer. Und dann insistiert er eindringlich: „Aber mir lag was daran, mit meinem Vater in ein Gespräch zu kommen.“ Hannes Heer fand Verständnis für den Vater und wünschte sich andererseits auch Anerkennung vom Vater. „Ich will von ihm mal hören, dass er mich gut findet.“ Diese Suche nach Anerkennung habe er bis zum Tod des Vaters nicht aufgegeben – um sie dann am Totenbett vom Vater zu bekommen. Als der Vater dement wurde, konnte er nur noch drei Sätze sagen, einer davon war: „Hast du eine feste Stelle?“ In diesem Satz kristallisierte sich für den Sohn die ganze Sorge des Vaters. Auf einmal war das nicht mehr der bürgerliche Anspruch, gegen den er ein Leben lang gekämpft hatte, sondern Ausdruck eines Vaters, der will, dass sein Sohn ein anständiges Auskommen hat. „So bin ich mit ihm versöhnt worden.“

Als Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung hat Heer noch einmal versucht, das zu organisieren, was ihm verwehrt geblieben ist: Die Auseinandersetzung über die NS-Zeit zwischen den Generationen. In den Diskussionen über die Ausstellung, in den Medien, in Begleitprojekten zur Ausstellung und in den Eintragungen im Gästebuch zeigte sich, dass der Dialog zwischen den Generationen noch einmal in Gang kam: „Das konnte unterschiedliche Formen annehmen: Das konnte ein Nochmal-Losbrüllen gegeneinander sein, das konnte ein Lostrommeln gegeneinander sein. Das ist auch eine Form von Kontakt. Das konnte aber auch ein zaghaftes Anfangen der Älteren sein, einiges von dem zu erzählen, was sie bisher nie erzählt hatten.“
Die Ausstellung wurde wegen einiger falscher Bildunterschriften komplett überarbeitet, Heer wurde entlassen. Die neue Wehrmachtsausstellung fand wesentlich weniger Resonanz als die ursprüngliche Version. Wenn der Dialog zwischen den Generationen nicht ehrlich geführt werde, dann müssten die Kinder und Enkel den Preis zahlen, glaubt Heer. Dann bestehe die Gefahr, dass die Enkel mit der offiziellen Version, dem „Lexikon“ wie Welzer es nennt, nichts anfangen können. Heer macht die Differenz zwischen „Lexikon“ und „Familienalbum“ Sorgen; er spricht davon, dass das „Wahrheitsgefüge in der Gesellschaft“ nicht heil sei.

Harald Welzer sieht seine eigenen Forschungsergebnisse nicht so dramatisch. Er stelle fest, wie die Menschen sich erinnern. Sie täten es eben nicht so, wie die Pädagogen es sich wünschten, dass heiße aber nicht, dass Erziehung zu Toleranz und Demokratie behindert sei. Den oft repetierten Satz, dass man erinnern müsse, um eine Wiederholung zu vermeiden, unterschreibt Welzer nicht. „Das sind so Glaubenssätze“, seufzt er lapidar. Genauso gut oder vielleicht sogar besser könne man an aktuellen Beispielen wie dem Jugoslawienkrieg lernen, wie Massenmorde entstehen, wie Menschen ausgegrenzt, zu Feinden erklärt und umgebracht werden.
Eine Erziehung zu Toleranz und Antirassismus brauche nicht den ständigen Rekurs auf den Holocaust, also auf das Ereignis, das die Widerlegung von dem ist, wozu man erziehen will.
Hannes Heer überzeugt das nicht: Über die Auseinandersetzung mit der eigenen Familie bekomme man nicht nur ein klareres Bild von der Nazizeit, sondern auch davon, wie man selber daran teilhabe. „Und je mehr Menschen wissen, was mit ihnen los ist, desto besser und wahrhaftiger funktioniert eine Gesellschaft.“

Buchhinweise:

Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall, „Opa war kein Nazi“ Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt / Main 2002, 248 Seiten,10,90 €.

Hannes Heer, Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei, Aufbau Verlag Berlin 2004, 396 Seiten, 22,90 €.

Publik Forum / 29.4.2005