Wer es gewesen ist, ist zum Glück nicht mehr bekannt.

Rückblick auf ein Jahrzehnt Wehrmachtsausstellungen.

Bis Ende März ist die zweite Auflage der vieldiskutierten Wehrmachtsausstellung noch in Hamburg zu sehen. Danach ist Schluss. Für die ursprüngliche Fassung der Ausstellung kam schon 1999 das Aus. Wohl keine historische Ausstellung hatte so viele Diskussionen provoziert wie die Wehrmachtsausstellung: Sie wurde nicht nur in den Feuilletons der Republik hoch und runter besprochen, sie provozierte auch vielfältige Stellungnahmen von ehemaligen Wehrmachtssoldaten, Historikern und Politikern bis hin zu einer ganzen Bundestagsdebatte zum Thema und Demonstrationen und Anschlägen gegen die Ausstellung. Wenige falsche Bildunterschriften führten dazu, dass Jan Philip Reemtsma nicht nur die falsch zugeordneten Bilder entfernen ließ, sondern eine völlig neue Ausstellung in Auftrag gab – und dafür auch neue Historiker an das Hamburger Institut für Sozialforschung berief. Ende des Monats wird nun auch die zweite Auflage der Wehrmachtsausstellung zu Ende gehen.

Der Aufschrei und die Emotionen, die die 1995 eröffnete Ausstellung mit dem Titel „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ auslöste, waren groß. Die einen sahen eine ganze Generation verunglimpft und die anderen feierten, das Ende vom Mythos des sauberen deutschen Wehrmachtssoldaten. Freilich konnte man sich schon damals fragen, was so revolutionär sei an der Erkenntnis, dass Soldaten, die an einem verbrecherischen Krieg beteiligt waren, eben Verbrechen begangen haben. Aber andererseits konnte man die scharfen Auseinandersetzungen auch positiv werten - wie Hannes Heer, Kurator der ersten Wehrmachtsausstellung:

O-Ton Heer:
Es ist typisch für unsere deutsche Nachkriegsgeschichte, dass [...] der Dialog zwischen den Generationen, dass der wirklich durchschnitten, durchbrochen war. [...] und das kathartische ist für mich, dass die Ausstellung diese Blockade flott gemacht hat: das konnte unterschiedliche Formen annehmen, das konnte ein Nochmal- Losbrüllen gegeneinander sein, das konnte ein Lostrommeln gegeneinander sein. Das ist aber auch ein Form von Kontakt. Das konnte aber auch ein zaghaftes Anfangen der Älteren sein, einiges zu erzählen, von dem was sie bisher nie erzählt hatten.

In der Tat war in vielen Familien über Verbrechen an der Ostfront oder ähnliches kaum berichtet worden. Die Familienerzählungen handelten meist nur von eigenen Opfern und Entsagungen – und das ist oft noch heute so. Deswegen kamen viele Menschen in Deutschland zu einer schizophrenen Perspektive: Sie sind zwar gut über die Verbrechen der Nazis unterrichtet, sie können sich aber kaum vorstellen, dass der eigene Vater oder Großvater daran beteiligt war. Statt die Ausstellung zum Anlass zu nehmen, den öffentlichen Diskurs behutsam mit dem familiären Diskurs zusammenzubringen, wurde der Ausstellung mehrheitlich und unsinnigerweise eine „Pauschalverurteilung“ unterstellt.

Neben den persönlichen Motiven, die die Heftigkeit der Auseinandersetzung begründen, sollen die politischen nicht verschwiegen werden. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl gab sich Mühe, die Ausstellung in den USA zu verhindern – man wollte schließlich wieder wer sein in Europas Mitte – und auch die Nachfolgeregierung unter Gerhard Schröder fing 1999 zu rechnen an, wie Hannes Heer in seinem neuen Buch schreibt:

O-Ton Heer:
Ich spreche an einer Stelle davon, dass das Auswärtige Amt eine Rechnung aufgestellt hat, dass wenn die Ausstellung in die USA kommt, dann wird die Zwangsarbeiterabgabe sehr viel höher ausfallen; und da gibt es ganz konkrete Belege. Ich nenne auch denjenigen, von dem ich das weiß, das ist ein Professor aus Karlsruhe, Professor Steinbach, bekannt auch, weil er die Gedenkstätte des deutschen Widerstandes, einer der Leiter ist. [...] Und dieser Punkt bezeichnet die Druckverhältnisse, in die die Ausstellung dann geraten ist; da gings dann plötzlich auch um große Politik.

Schließlich haben aber nicht Politiker die Ausstellung zu Fall gebracht, sondern rund 20 falsch zugeordnete Bilder? 20 Bilder von 1433 sollen es also gewesen sein? Wohl kaum, die Bilder hätte man problemlos entfernen können ohne die Aussage der Ausstellung zu revidieren. Aber der Herausgeber der Ausstellung, Jan Philipp Reemtsma, ließ trotzdem eine neue Ausstellung durch eine neue Mannschaft erstellen: Das deutsche Feuilleton zeigte sich in der Mehrzahl von der neuen Ausstellung angetan. Ein Indiz dafür, dass wohl auch Reemtsma in der Mitte der Gesellschaft ankommen wollte.

Dass die neue Ausstellung wesentlich weniger eindrückliches Bildmaterial präsentiert, ist das eine. Dass sie aber auch den Krieg – quasi objektiv – unter der Perspektive des Völkerrechtes beurteilt, ist das andere. Wir lernen: Der Krieg der Wehrmacht hat gegen das Völkerrecht verstoßen. So können wir beruhigt sein, denn den strengen Regeln des Völkerrechtes hat noch kaum ein Krieg genügt: Exzesse kamen und kommen in allen Kriegen vor. Und schließlich ließ die Ausstellungssprecherin Ulrike Jureit wissen: „Über die Anzahl von Wehrmachtsangehörigen, die an Kriegsverbrechen beteiligt waren: Dazu kann man keine Aussagen machen. Jede Zahl außer Null wäre in diesem Zusammenhang völlig spekulativ.“ Das ist noch beruhigender. Dann war Vater bestimmt nicht dabei.

Ein ehemaliger Militärrichter schrieb seinen Kindern, er hätte Glück gehabt, dass er niemals ein Todesurteil unterschreiben musste. Darin blitzt immerhin die Erkenntnis auf, dass es mehr eine Frage des Glücks und des Zufalls war, ob jemand persönlich an Verbrechen beteiligt war oder nicht; es lag in den seltensten Fällen an Mut oder Zivilcourage. Der Kriegsrichter wollte seinen Kindern beteuern, dass er nicht schuldig geworden sei. Die werden es mit Erleichterung aufgenommen haben; ähnlich wie viele andere Kinder und Enkelkinder. Die Erleichterung der zweiten und dritten Generation verdeckt aber eine Auseinandersetzung: Wie viele von den Verhaltensmustern der Täter stecken in uns selbst: Es nicht genau wissen wollen, uns raushalten, uns aus der Äffäre ziehen.

Statt den privaten Familiendiskurs über die NS-Zeit den Erkenntnissen des öffentlichen Diskurses anzunähern, wurde schließendlich der öffentliche Diskurs den Familienerzählungen angeglichen: Wer Täter war, wissen wir nicht, bestimmt aber waren wir alle Opfer. Auch die Bombardierung deutscher Städte war doch gegen das Völkerrecht. Und wenn das nicht hilft, hilft etwas Holocaustvergleicherei. Hannes Heer über den Bombenkriegsexperten Jörg Friedrich:

O-Ton Heer:
Er minimiert zunächst schon mal den Völkermord der Deutschen auf Exzesstaten – das macht er vor allem in seinem ersten Buch – und stellt sie dann gleich den Kriegsverbrechen der Alliierten. Was schlimmer ist, ist [...] , dass er sagt: Vergleichbar dem Holocaust an den Juden ist an den Deutschen ein Völkermord geschehen durch den Bombenkrieg.

Eine ernüchternde Bilanz nach einem Jahrzehnt Wehrmachtsausstellung: Die Ausstellung der Verbrechen und ihre behutsame Verkleinerung ermöglichte es, die eigenen Verbrechen mit denen der anderen zu vergleichen. Da sind wir wieder am Ausgangspunkt. Und die Empörung wird wieder groß sein, wenn irgend einer daherkommt und meint, dass die Verbrechen der NS-Zeit auch von irgend jemandem begangen worden sind.

Buchhinweis: Hannes Heer, Vom Verschwinden der Täter. Der Vernichtungskrieg fand statt, aber keiner war dabei, Berlin Aufbau-Verlag 2004, 394 Seiten, 22,90 Euro.

WDR 3 Resonanzen / 11.3.2004