Die Wirtschaft von unten verstehen.
Der katholische Sozialethiker Friedhelm Hengsbach wird 70 Jahre alt.
Egal welche Bundesregierung an der Macht ist: Friedhelm Hengsbach bleibt ihr energischer Kritiker auf dem Feld der Wirtschafts- und Sozialpolitik: Der Regierung unter Helmut Kohl warf er vor die soziale Spaltung der Gesellschaft zu betreiben, die Agenda 2010 von Bundeskanzler Schröder schimpfte er ein „Reformspektakel“, und die G8 hätten nicht das Recht, für die Weltbevölkerung zu sprechen.
Aber obwohl – oder weil? – er anderer Meinung als seine Kirche ist, wird der katholische Sozialethiker in der Gesellschaft gehört: Bei Vorträgen, Talkshows und in Zeitungskommentaren. Am Sonntag wurde er 70 Jahre alt.
O-Ton 1 Hengsbach
Friedhelm Hengsbach hat bei dem großen Mann der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning studiert und leitete lange das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Frankfurter Jesuitenhochschule.
An der traditionellen katholischen Soziallehre gefällt ihm einiges nicht mehr: Sie denke zu sehr von oben, von einer metaphysisch begründeten Natur des Menschen und der Arbeit aus. Voraussetzungen, die heute fraglich geworden seien – und: Die katholische Soziallehre nehme den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nicht ernst genug:
O-Ton 2
Hengsbach will die gesellschaftlichen Konflikte nicht harmonisieren, deswegen spricht er auch von kapitalistischer Wirtschaft und nicht von sozialer Marktwirtschaft. Er will die Gesellschaft nicht von oben verstehen, und bei einer theologisch definierten Natur des Menschen ansetzen, sondern bei der konkreten Situation in einer Gesellschaft. Das habe er von der Befreiungstheologie gelernt:
O-Ton 3
Von der Befreiungstheologie habe er auch gelernt, die Gesellschaft mit den Augen der Arbeiter und nicht der Kapitalgeber zu sehen. Deswegen treffe er sich auch mit Betriebsräten oder Caritas-Mitarbeitern, um Gerechtigkeit aus dieser Perspektive sehen zu lernen. Seiner Kirche wirft er vor, dass sie bei Ihren Formulierungen zur Wirtschaftspolitik lieber den Kontakt zu den Eliten suche:
O-Ton 4
Den Sozialstaat aber will der Sozialethiker, der seit 50 Jahren Mitglied des Jesuitenordens ist, verteidigen. Da sucht er nicht nur das Miteinander mit den Gewerkschaften, sondern ist auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Globalisierungskritiker von attac.
O-Ton 5
Deswegen seien die Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände auch zu schnell bereit, die Politik der jeweiligen Regierungen umzusetzen. Besonders die Beteiligung an den Hartz-Arbeitsmarktreformen schmerzt den Kirchenmann. Diakonie und Caritas stellen einen Großteil der Ein-Euro-Jobs.
O-Ton 6
Die Caritas habe also auch aus Eigeninteresse bei Hartz IV mitgemacht, weil die Zuschüsse zu den Ein-Euro-Jobs eigene Einrichtungen mitfinanziert.
Aus diesen und anderen Gründen wird der streitbare Soziaethiker Friedhelm Hengsbach nicht müde, seine Meinung weiter kundzutun. Auch wenn er die Leitung des Nell-Breuning-Instituts schon in die Hände seines Nachfolgers gelegt hat. Seine Kommentare und Analysen zur aktuellen Politik kann man auf der Homepage des Instituts nach wie vor nachlesen.
Friedhelm Hengsbach, Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient, (Herder) Freiburg i.Br. 2004.
NDR info Blickpunkt Diesseits / 15.7.2007
Aber obwohl – oder weil? – er anderer Meinung als seine Kirche ist, wird der katholische Sozialethiker in der Gesellschaft gehört: Bei Vorträgen, Talkshows und in Zeitungskommentaren. Am Sonntag wurde er 70 Jahre alt.
O-Ton 1 Hengsbach
Ich bin kein Vertreter mehr der traditionellen katholischen Soziallehre.
Friedhelm Hengsbach hat bei dem großen Mann der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning studiert und leitete lange das Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik an der Frankfurter Jesuitenhochschule.
An der traditionellen katholischen Soziallehre gefällt ihm einiges nicht mehr: Sie denke zu sehr von oben, von einer metaphysisch begründeten Natur des Menschen und der Arbeit aus. Voraussetzungen, die heute fraglich geworden seien – und: Die katholische Soziallehre nehme den Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nicht ernst genug:
O-Ton 2
Und da ist die Tradition der katholischen Soziallehre der Meinung, dass [...] die beiden Kräfte, die Kapital zur Verfügung stellen und Arbeitskraft [...] in eine übereinstimmende Interessenlage überführt werden. Das ist so eine vielleicht naive oder blauäugige Vorstellung, als könnten diese gesellschaftlichen Konflikte durch Verständigungsprozesse abgelöst werden.
Hengsbach will die gesellschaftlichen Konflikte nicht harmonisieren, deswegen spricht er auch von kapitalistischer Wirtschaft und nicht von sozialer Marktwirtschaft. Er will die Gesellschaft nicht von oben verstehen, und bei einer theologisch definierten Natur des Menschen ansetzen, sondern bei der konkreten Situation in einer Gesellschaft. Das habe er von der Befreiungstheologie gelernt:
O-Ton 3
Meiner Meinung nach müsste eine sehr intensive Diagnose der Situation stattfinden, die Zeichen der Zeit müssten erst mal erfasst werden. Und aus der nüchternen Analyse der Situation, könnte man fragen: Welche Normativen Überzeugungen [...] sind denn jetzt eine Antwort auf die Fragen der gegenwärtigen Zeit? 3’35 Wie müsste denn eigentlich die Antwort aussehen aus Vorstellungen über Gerechtigkeit, [...] aus Vorstellungen über die Befreiung von Menschen?
Von der Befreiungstheologie habe er auch gelernt, die Gesellschaft mit den Augen der Arbeiter und nicht der Kapitalgeber zu sehen. Deswegen treffe er sich auch mit Betriebsräten oder Caritas-Mitarbeitern, um Gerechtigkeit aus dieser Perspektive sehen zu lernen. Seiner Kirche wirft er vor, dass sie bei Ihren Formulierungen zur Wirtschaftspolitik lieber den Kontakt zu den Eliten suche:
O-Ton 4
Die gegenteilige Vorgehensweise: Man hat bürgerliche Eliten [...] oder parteipolitische Eliten aus der CDU/CSU gebeten ein Papier zu schreiben mit dem Titel „Das soziale neu denken“ auf dem Hintergrund der sogenannten Agendareform. Da waren Wirtschaftsexperten, Unternehmensberater, Politikerinnen, also jedenfalls in der Regel Menschen, die man zu den wirtschaftlichen oder politischen [...] Eliten zählen würde. Die haben ein Papier herausgegeben, das also – finde ich – eine heftige Kritik an dem Sozialstaat, also wirklich eine Sozialstaatsschelte hervorgebracht hat.
Den Sozialstaat aber will der Sozialethiker, der seit 50 Jahren Mitglied des Jesuitenordens ist, verteidigen. Da sucht er nicht nur das Miteinander mit den Gewerkschaften, sondern ist auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Globalisierungskritiker von attac.
O-Ton 5
Und da [...] habe ich den Eindruck gehabt, dass die Kirchen, die Katholische noch mehr wahrscheinlich als die Evangelische, in der bürgerlichen Falle, in der bürgerlichen Gefangenschaft sitzen.
Deswegen seien die Kirche und ihre Wohlfahrtsverbände auch zu schnell bereit, die Politik der jeweiligen Regierungen umzusetzen. Besonders die Beteiligung an den Hartz-Arbeitsmarktreformen schmerzt den Kirchenmann. Diakonie und Caritas stellen einen Großteil der Ein-Euro-Jobs.
O-Ton 6
Die Caritas hat da, wie die gesamte Kirche, eine ambivalente Rolle: Also auf der einen Seite die Kircheleitung und die Spitzen des Caritasverbandes haben sich sehr stark gemacht für die Ein-Euro-Jobs, auch für die Reformen von Hartz I bis IV, vor allem auch IV. Aber auf der unteren Ebene im Caritasverband gab es und gibt es erhebliche Widerstände, ob man da mitspielen soll. Das ist natürlich vorteilhaft, weil Sie einen Teil der verfügbaren Zuschüsse für die Einrichtungen verwenden können.
Die Caritas habe also auch aus Eigeninteresse bei Hartz IV mitgemacht, weil die Zuschüsse zu den Ein-Euro-Jobs eigene Einrichtungen mitfinanziert.
Aus diesen und anderen Gründen wird der streitbare Soziaethiker Friedhelm Hengsbach nicht müde, seine Meinung weiter kundzutun. Auch wenn er die Leitung des Nell-Breuning-Instituts schon in die Hände seines Nachfolgers gelegt hat. Seine Kommentare und Analysen zur aktuellen Politik kann man auf der Homepage des Instituts nach wie vor nachlesen.
Friedhelm Hengsbach, Das Reformspektakel. Warum der menschliche Faktor mehr Respekt verdient, (Herder) Freiburg i.Br. 2004.
NDR info Blickpunkt Diesseits / 15.7.2007



