Sozial defizitär:
Indiens Wirtschaft wächst, aber die Armen profitieren kaum davon.
Das rasante Tempo des Wandels scheine es nahe zu legen, dass Abschottung eine Möglichkeit sein könne, eigene Vorteile zu sichern. So die Bundeskanzlerin gestern beim Deutsch-Indischen Wirtschaftsgipfel auf der Hannover-Messe. Freilich schloss diese Möglichkeit sofort aus: Nur wer sich dem Wandel stelle, nur wer offen sei, werde den Wandel auch bewerkstelligen.
Was in unseren Breiten eine wirtschaftspolitische Plattitüde sein mag, kann andernorts als Drohung verstanden werden: Nämlich bei Menschen im Partnerland der Hannovermesse - in Indien. Zur Erinnerung: Vor 15 Jahren kam das Land nicht freiwillig auf den Pfad der Tugend, also auf den Pfad der Weltmarktintegration: Die Devisenreserven waren fast gänzlich aufgebraucht: Der Golfkrieg von 1991 verteuerte das Öl, und der Außenhandel mit den ehemaligen Ostblockstaaten war zusammengebrochen. Bis dahin hatte Indien das gemacht, was man der Kanzlerin zufolge nicht machen dürfe; es hatte Importe und Kapitalzufluss stark reguliert und die heimische Wirtschaft geschützt. Und das mit Erfolg: Von ausreichendem Reisanbau bis zu Atombomben konnte man alles Lebens- und Sterbenswichtige im eigenen Land produzieren.
In der Krise musste Indien nun einen Kredit beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen und seine Wirtschaftspolitik fortan unter den hilfreichen Augen des Währungsfonds gestalten: Die damalige Regierung mit dem Wirtschaftsminister Manmohan Singh – heute Premier seines Landes – ging ans Werk: Abwertung der Rupie um Exporte zu fördern, Abschaffung von Importbeschränkungen, Joint-Ventures mit heimischen Firmen wurden zugelassen und gefördert, Einkommenssteuer und Unternehmenssteuer gesenkt - um ausländisches Kapital anzuziehen.
Und das ausländische Kapital, das solcherart mit dem indischen vereint wurde, bedankte sich mit stolzen Wachstumsraten von inzwischen jährlich 6 bis 8 Prozent. Die Mittelschichten in den Städten profitieren von neuen Jobs, steigenden Einkommen und neuen Konsummöglichkeiten. Aber rund 70 Prozent der Inder leben nach wie vor auf dem Land. Nun, zum Glücksversprechen der Globalisierer gehört auch, dass die Armut in Indien zurückgegangen sei. Schließlich sollen ja alle profitieren. Aber genau da wird es eng, wenn man den Rückgang der Armutszahlen mit den Zeiten vor der Liberalisierung vergleicht: Bereits seit den siebziger Jahren nahm die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ständig ab. Nach den Wirtschaftsreformen ist dieser Prozess aber langsamer verlaufen. Auch hat sich die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert. Außerdem wird Armut nur am Einkommen gemessen. Was aber, wenn eine Familie, um dieses Einkommen zu verdienen, mehr Geld für Transport und Kleidung ausgeben muss? Dann bleibt weniger zum Essen. Mangelernährung unter Indern ist prozentual zwar leicht gesunken in absoluten Zahlen aber gestiegen.
Inzwischen merkt die Regierung, dass Offensein für Wandel und ausländisches Kapital nicht reicht, um über 1 Milliarde Inder glücklich zu machen: Anfang Februar trat ein Gesetz in Kraft trat, das arbeitslosen Indern auf dem Land eine Beschäftigung über 100 Tage im Jahr garantiert. Das kostet allein den Bundeshaushalt im kommenden Hauhaltsjahr umgerechnet rund 5,5 Milliarden Euro. Bisher läuft das Arbeitsprogramm aber erst in 200 von 593 Distrikten an. Die Kosten werden also noch zunehmen, wenn bis Ende 2009 alle Distrikte einbezogen werden sollen. Kritiker befürchten, dass es Probleme geben wird, soviel Geld bereit zu stellen.
Das Geld wäre durchaus in Indien zu haben, man muss dafür nicht ausländisches Kapital anlocken, sondern nur das einheimische besser besteuern: Aber infolge der Steuersenkungspolitik hat Indien eine der niedrigsten Steuerquoten weltweit – deutlich unter OECD-Durchschnitt. Offenheit für ausländisches Kapital kann teuer werden – und stolze 8 Prozent Wirtschaftswachstum sagen eben noch nicht, wer an dem Wachstum verdient: Die Mehrheit der Inder ist nicht.
WDR 3 Tageszeichen / 26.4.2006
Was in unseren Breiten eine wirtschaftspolitische Plattitüde sein mag, kann andernorts als Drohung verstanden werden: Nämlich bei Menschen im Partnerland der Hannovermesse - in Indien. Zur Erinnerung: Vor 15 Jahren kam das Land nicht freiwillig auf den Pfad der Tugend, also auf den Pfad der Weltmarktintegration: Die Devisenreserven waren fast gänzlich aufgebraucht: Der Golfkrieg von 1991 verteuerte das Öl, und der Außenhandel mit den ehemaligen Ostblockstaaten war zusammengebrochen. Bis dahin hatte Indien das gemacht, was man der Kanzlerin zufolge nicht machen dürfe; es hatte Importe und Kapitalzufluss stark reguliert und die heimische Wirtschaft geschützt. Und das mit Erfolg: Von ausreichendem Reisanbau bis zu Atombomben konnte man alles Lebens- und Sterbenswichtige im eigenen Land produzieren.
In der Krise musste Indien nun einen Kredit beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen und seine Wirtschaftspolitik fortan unter den hilfreichen Augen des Währungsfonds gestalten: Die damalige Regierung mit dem Wirtschaftsminister Manmohan Singh – heute Premier seines Landes – ging ans Werk: Abwertung der Rupie um Exporte zu fördern, Abschaffung von Importbeschränkungen, Joint-Ventures mit heimischen Firmen wurden zugelassen und gefördert, Einkommenssteuer und Unternehmenssteuer gesenkt - um ausländisches Kapital anzuziehen.
Und das ausländische Kapital, das solcherart mit dem indischen vereint wurde, bedankte sich mit stolzen Wachstumsraten von inzwischen jährlich 6 bis 8 Prozent. Die Mittelschichten in den Städten profitieren von neuen Jobs, steigenden Einkommen und neuen Konsummöglichkeiten. Aber rund 70 Prozent der Inder leben nach wie vor auf dem Land. Nun, zum Glücksversprechen der Globalisierer gehört auch, dass die Armut in Indien zurückgegangen sei. Schließlich sollen ja alle profitieren. Aber genau da wird es eng, wenn man den Rückgang der Armutszahlen mit den Zeiten vor der Liberalisierung vergleicht: Bereits seit den siebziger Jahren nahm die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ständig ab. Nach den Wirtschaftsreformen ist dieser Prozess aber langsamer verlaufen. Auch hat sich die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert. Außerdem wird Armut nur am Einkommen gemessen. Was aber, wenn eine Familie, um dieses Einkommen zu verdienen, mehr Geld für Transport und Kleidung ausgeben muss? Dann bleibt weniger zum Essen. Mangelernährung unter Indern ist prozentual zwar leicht gesunken in absoluten Zahlen aber gestiegen.
Inzwischen merkt die Regierung, dass Offensein für Wandel und ausländisches Kapital nicht reicht, um über 1 Milliarde Inder glücklich zu machen: Anfang Februar trat ein Gesetz in Kraft trat, das arbeitslosen Indern auf dem Land eine Beschäftigung über 100 Tage im Jahr garantiert. Das kostet allein den Bundeshaushalt im kommenden Hauhaltsjahr umgerechnet rund 5,5 Milliarden Euro. Bisher läuft das Arbeitsprogramm aber erst in 200 von 593 Distrikten an. Die Kosten werden also noch zunehmen, wenn bis Ende 2009 alle Distrikte einbezogen werden sollen. Kritiker befürchten, dass es Probleme geben wird, soviel Geld bereit zu stellen.
Das Geld wäre durchaus in Indien zu haben, man muss dafür nicht ausländisches Kapital anlocken, sondern nur das einheimische besser besteuern: Aber infolge der Steuersenkungspolitik hat Indien eine der niedrigsten Steuerquoten weltweit – deutlich unter OECD-Durchschnitt. Offenheit für ausländisches Kapital kann teuer werden – und stolze 8 Prozent Wirtschaftswachstum sagen eben noch nicht, wer an dem Wachstum verdient: Die Mehrheit der Inder ist nicht.
WDR 3 Tageszeichen / 26.4.2006