Von Risiken und Nebenwirkungen.

Fallstricke der Wiederaufbauhilfe in Südindien.

„Es gab eine große Eile, das Geld auszugeben. So kamen die Boote ins Spiel: Sie sind teuer und sie sehen auf dem Wasser genauso gut aus wie im Fernsehen. Für viele Leute im Westen bedeutete Tsunami, dass Boote weggeschwemmt und zerstört wurden.“ So erklärt der Meeresbiologe Venkatesh Salagrama, dass es an der indischen Ostküste inzwischen mehr als doppelt so viele Fiberglasboote gibt wie vor dem Tsunami. Alle haben eine bunte Aufschrift von irgendeiner Hilfsorganisation. In einigen Gegenden sei der Bestand auch vier- bis sechsmal größer als vor der Katastrophe, so Salagrama. Die neuen Kunststoffboote ersetzten oftmals die kleinen Holzboote, die viele Fischer vor dem Tsunami benutzten. Sie seien den NGOs zu altmodisch gewesen, mutmaßt der Forscher. Salagrama schreibt derzeit an einer Studie über den Tsunami-Wiederaufbau im Auftrag des International Collective in Support of Fishworkers (www.icsf.net).

Nach Schätzungen, die die Zeitschrift Outlook India veröffentlichte, strömten 60 - 80 Milliarden Rupien Tsunami-Hilfe (ca. 1,1 – 1,5 Milliarden €) aus den Töpfen von internationalen Hilfswerken und UN-Agenturen nach Indien. Die Deutschen spendeten über 600 Millionen Euro für die Opfer des Seebebens. Viele Hilfsorganisationen nahmen in wenigen Wochen mehr ein als sonst in einem ganzen Jahr. Die Profis unter den Helfern wissen, dass so viel Geld nicht nur hilft, sondern auch Probleme schafft.

Heinz Peters, der für die Deutsche Welthungerhilfe die Tsunami-Hilfe koordiniert, sah sich mit einem “Riesenproblem“ konfrontiert: Es habe mehr Hilfsangebote als aktuellen Bedarf gegeben. Unter dem Druck, viel Geld in kurzer Zeit umzusetzen, seien unsinnige Dinge gemacht worden, berichtet er: Da wurde Kleidung verteilt, die keiner brauchte, astronomische Preise für Hilfsmaterialen bezahlt, die doppelt so teuer waren wie vor dem Tsunami. „Ich hab gehört, es soll sogar bis zur Bestechung gegangen sein: Dass man Behörden bestochen hat, damit man den Zuschlag für den Aufbau einer Schule bekommt.“ Solche unsinnigen und verwerflichen Dinge träfen für die Arbeit der Welthungerhilfe freilich nicht zu. „Mittelabflussdruck“ nennt man das von Peters beschriebene Problem in der NGO-Szene.

Mehr Boote bedeuten nicht mehr Fisch im Wasser. Die Fischbestände an der indischen Koromandelküste hätten schon vor dem Tsunami als überfischt gegolten, erklärt Salagrama. Drängender ist ihm aber ein anderes Problem: Mehr Boote bedeuten weniger Fische pro Boot. Salagrama rechnet vor, dass eine Ausfahrt zum Fischen rund 1500 bis 2500 Rupien koste, der Löwenanteil davon seien die Dieselkosten. „Wenn der Fischer nicht mindestens 3000 Rupien für seinen Fang bekommt, dann macht die Ausfahrt keinen Sinn.“ Schließlich muss der Bootsbesitzer auch noch drei bis fünf Arbeiter auf seinem Boot auszahlen. Salagrama verweist auf die gestiegenen Dieselpreise: Die seien der Grund, dass viele Fischer es sich nicht mehr leisten könnten zu fischen. Viele Boote liegen nutzlos am Strand umher.

Zum Beispiel in Srinivasapuram, einem kleinen Fischerviertel in der Millionenstadt Chennai. Dort sind noch nicht einmal viele Fiberglasboote gespendet worden, trotzdem machen sich die Fischer, die kein Boot bekommen haben, über ihre Kollegen lustig: Sie könnten nicht ausfahren, weil das Diesel zu teuer sei. „Ich will wieder einen Holzkatamaran haben“, knurrt ein alter weißhaariger Fischer. Der brauche kein Diesel. Außerdem sei der viel billiger als ein Kunststoffboot, pflichtet ihm eine Fischerfrau bei: Rund 20.000 Rupien kosteten die Holzstämme. Bauen könne man das Boot selber, so der alte Fischer. Die neuen bunten Boote kosten mit Außenbordmotor rund 150.000 Rupien. Vielleicht war das ein Grund, warum viele NGOs sich für die teurere Variante entschieden haben?

Axel Weiser, Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe in Chennai, verneint das. Er hätte lieber Holzboote ersetzt. Aber auch die Fischer hätten mehrheitlich für die neuen Boote optiert. Das bestreitet Salagrama nicht: Die Leute wollten die neuen Boote. „Das ist wie wenn ich mir ein größeres Auto wünsche.“ Ob es deswegen weise war, den Fischern so viele Boote anzubieten, steht auf einem anderen Blatt. „Spannend ist, dass das jetzt umschlägt: Es gibt jetzt vermehrt die Bereitschaft von Fischern, auch Holzboote anzunehmen“, beobachtet Weiser.

Das mag damit zusammenhängen, dass die Fischer inzwischen erfahren, dass zu viele Boote nicht nur Nutzen bringen: Wo immer man an der Ostküste Indiens die Fischer fragt, alle bestätigen, dass sie derzeit weniger fangen als vor dem Tsunami. Einige führen das auf eine schlechte Saison zurück, aber viele sehen durchaus einen Zusammenhang mit den vielen neuen Booten. „Wir müssen weiter rausfahren“, erklärt ein Fischer in Puspavanam, einem Dorf im Distrikt Nagapattinam. „Bis in sri-lankische Gewässer.“ Dass das keine Lösung ist, zeigen Zeitungsmeldungen, wonach die sri-lankische Marine indische Fischerboote, die in ihren Hoheitsgewässern gefischt haben, beschlagnahmt.

Eine am 11. November vorgestellte Studie des NGO Coordination and Ressource Centre in Nagapattinam belegt einen deutlichen Rückgang im Fischfang von April bis August diesen Jahres. In einer der zwei untersuchten Fischereigemeinden sei der Erlös pro Fang von knapp 20.000 Rupien auf gut 8000 Rupien zurückgegangen. K.Thaddeus, Autor der Studie, weist darauf hin, dass es vor dem Tsunami eine bessere Verteilung der Boote gegeben habe: Holz-Katamarane hätten in küstennahen Gewässern gefischt und Fiberglasboote weiter auf dem Meer. Nun konkurrierten die neuen Boote alle um die selben Fischbestände.

Während sich Heinz Peters von der Deutschen Welthungerhilfe schon im September problembewusst zeigte – „Überfischung ist durchaus eine reale Gefahr“ und „wir verteilen deswegen keine Boote mehr“ – schien sein Kollege in Chennai, Axel Weiser, von der Meldung aus Nagapattinam überrascht: Bisher habe es immer geheißen, der Fischfang sei besser als letztes Jahr. „Das sind die Neuigkeiten dieser Woche.“

Venkatesh Salagrama sieht eine Lösung des Problems, die er freilich mit einem süffisanten Lächeln präsentiert: Viele der Boote seien von so schlechter Qualität, dass sie ohnehin nicht lange im Einsatz blieben. Wenn man die East Coast Road von Chennai Richtung Süden fährt, sieht man kurz hinter Kadapakkam einige kleine Bootsbaubetriebe: Eine Garage mit Palmwedeln gedeckt, am Straßenrand errichtet, daneben einige Hütten für die Arbeiter. In der Garage steht ein Bootsmodell, Rollen mit Glasfasergewebe und ein Haufen Eimer mit flüssigem Kunststoff. Auf die Frage, ob das Geschäft nun besser laufe als vor dem Tsunami, erklärt der Manager, man baue erst seit dem 18. Februar diesen Jahres Boote. Er habe einen Auftrag über 114 Boote. Eingerichtet habe diese kleine Manufaktur ein Geschäftsmann aus Chennai, der auch Sekretär der Congress Partei in Tamil Nadu sei. Da wusste einer, womit man gerade schnell Geld verdienen kann und schnell wird hier auch gearbeitet: In drei Tagen könnten sie ein Boot fertig stellen, erklärt der Manager stolz. Solche Bootsbauer sind Salagrama ein Gräuel: Für ein qualitativ gutes Boot brauche man mindestens zwei bis drei Wochen. „Ich habe mal einen Bootsbauer nach der Garantie gefragt. Er sagte: ‚Wenn Sie ein Tsunamiboot bestellen, bekommen Sie gar keine Garantie, wenn Sie für sich selber bestellen zwei Jahre.’“

Das zweite große Thema ist der Hausbau, der in den letzten zwei Monaten begonnen hat: Die indische Regierung bekam von der Weltbank einen Kredit über 465 Millionen Dollar bekam, der überwiegend für den Haubau genutzt werden sollte. Aber inzwischen werden die neuen Häuser an der Koromandelküste fast ausschließlich von NGOs gebaut. Der District Collector von Nagapattinam, also der Verwaltungschef, erklärt, er habe mehr Angebote von Hilfsorganisationen als Häuser, die neu zu bauen sind. 45 verschiedene NGOs bauen die Häuser in seinem Distrikt. Probleme mit der Koordination sieht er keine und lobt das NGO Coordination and Ressource Centre. So friedlich geht es nicht immer zu, wenn viele NGOs ihr Geld ausgeben wollen.

Im Süden Chennais steht das Übergangslager Kannagi Nagar. Dort haben sich mehrere große NGOs mit ihren Schriftzügen verewigt. 10 qm große Hütten aus Teerpappe stehen in langen Reihen. Das Lager war für höchstens sechs Monate gedacht. Im Oktober stehen die Hütten immer noch, aber von den ehemals rund 1300 Familien leben höchstens noch 300 bis 400 Leute hier; ein großer Teil des Lagers steht unter Wasser. Dass der Herbst-Monsun ein Problem wird, hat man spätestens seit dem Sommerregen gewusst, als das Lager schon mal geflutet war. Im September hätte das Lager noch katastrophal ausgesehen, erklärt Carlo Pasinetti, Mitarbeiter der Deutschen Welthungerhilfe in Chennai: Neben der Flutungsgefahr hätten die Dächer geleckt und es habe viel zu wenig Toiletten gegeben - obwohl unter anderem das indische Don Bosco-Hilfswerk im Lager arbeitete: „Aber die haben sich einfach nicht gekümmert“, schimpft Pasinetti. Nach einem Hilfsersuchen des District Collector und Beratungen mit den anderen NGOs ging Pasinetti ans Werk. Er wollte das Niveau des Erdreiches um 70 Zentimeter anheben. Die Leute von Don Bosco waren nicht begeistert, weil sie mit Unerstützung von Oxfam bereits ein neues Lager mit besseren Häusern planten. Nach zehn Tagen opponierten die Lagerbewohner gegen Passinettis Arbeiten. Er musste aufhören. Die Ursachen des Widerstands sind nur noch schwer zu rekonstruieren: Santos Kumar, ein aufgebrachter junger Mann aus dem Lager, schimpft: „Wir brauchen keine NGOs. Wenn die nicht gekommen wären, hätten wir schon lange ordentliche Häuser von der Regierung bekommen.“ Das Aufschütten des Erdreiches hätte sie nur länger an das unzureichende Lager gebunden. Pasinetti beschuldigt Don Bosco, die Leute mit falschen Versprechungen gegen das Projekt der Welthungerhilfe aufgewiegelt zu haben. Saminathan, Projektleiter von Don Bosco weist diesen Vorwurf energisch zurück. „Wir wollten nur nicht, dass sie Plastikplanen zum Abdecken der Dächer über unsere Planen legen. Das heißt doch: Eure Planen sind nichts wert.“ Ob der Monsunregen, der im Oktober einsetzte, den Streit reinigte ist ungewiss, sicher ist nur, dass er sowohl das Lager Kannagi Nagar und den neuen Bauplatz von Don Bosco unter Wasser setzte. „Wir haben es beide nicht geschafft“, gibt Saminathan zu.

Wer ist schuld an der Misere? C.V. Sankar, verantwortlich für den Wiederaufbau bei der Landesregierung von Tamil Nadu, gibt sich selbstkritisch: Die Regierung treffe wohl die Hauptschuld, da sie unzureichende Grundstücke ausgewählt habe. Ende Oktober bekamen die Bewohner des Lagers 1000 Rupien von der Regierung, mit denen sie sich Wohnungen mieten sollten, und das Versprechen, demnächst in eigene Häuser umzuziehen. Die Häuser gibt es schon, sie waren ursprünglich nicht für Tsunami-Überlebende vorgesehen, aber sie liegen noch weiter im Süden der Stadt. Die Leute in Kannagi Nagar schimpfen jetzt schon über den weiten und teuren Weg in die Innenstadt, wo sie vielleicht Arbeit finden könnten. „Ach wären wir doch im Tsunami umgekommen, das wäre ein ehrenvoller Tod gewesen“, macht eine Frau ihrem Unmut Luft, „Jetzt ist jeder Tag eine Demütigung, weil wir wie Bettler leben müssen.“ Ein Jahr nach dem Tsunami konnte der Einsatz mehrerer großer NGOs diesen Leuten nicht helfen.

Aber macht es die indische Regierung besser? Insgesamt ja, ist die erstaunlich deutliche Antwort von Salagrama. Dort gebe es eine längerfristige Planung, die den Bedürfnissen der Menschen eher gerecht werde.

Von Seiten der NGOs wird gerne mit einem großzügigen Lächeln darauf verwiesen, dass in Indien Korruption ein weitverbreitetes Problem sei. Aber heißt das auch, dass alle Schmiererei in der staatlichen Administration stattfindet? Auch in der Privatwirtschaft oder gar unter NGOs ist Bestechung denkbar. Immerhin veröffentlicht der Staat, wieviel Tsunami-Gelder er wofür ausgegeben hat. Die indischen NGOs sind nur ihren Geldgebern und dem Innenministerium Rechenschaft schuldig – nicht der Öffentlichkeit. Das könnten die internationalen Geldgeber ändern, meint Sankar. „Wenn ein Geldgeber sagen würde: ‚Veröffentliche deine Einnahmen auf der Website, sonst gebe ich kein Geld’, jede NGO hier in Indien würde das tun.“ Der andere Weg wäre, die NGOs per Gesetz zur Offenlegung ihrer Finanzen zu zwingen.

Die indische Journalistin Revathi Radhakrishnan meint, dass die NGOs ihr Geld auch in die staatlichen Töpfe zahlen könnten (siehe Interview). Gegenüber dem Staat könnten die Inder ihre Rechte einklagen und wären nicht auf die Großzügigkeit fremder Hilfe angewiesen. Axel Weiser von der Welthungerhilfe hält dagegen, dass die NGOs immer einen „added value“ einbrächten. Sie täten das, was der Staat nicht tun will, sie kümmerten sich um die, die der Staat vergesse. Der Beweis für diese Behauptung wird schwer: Die NGOs arbeiten nach den Vorgaben der indischen Regierung, die ohnehin die Arbeit der vielen NGOs koordinieren muss – und: sie vergessen auch die selben, die die Regierung vergisst: Das zeigt nicht nur das Beispiel Kannai Nagar, sondern auch die Vernachlässigung der Dalits (Kastenlosen) bei der Nothilfe, die inzwischen auch von NGO-Vertretern offen zugegeben wird. „Wir haben alleinstehende Frauen in Fischerdörfern befragt, eine sehr verletzliche Gruppe. Die Hilfen, die sie bekommen haben, kamen von der Regierung; die NGOs haben sich kaum um sie gekümmert“, so die Beobachtung von Venkatesh Salagrama.

Der Vorschlag von Roger Peltzer (entwicklungspolitik 20/2004), statt vieler kleiner Projekte, Budgethilfe zu leisten, bekommt am Beispiel der Tsunami-Hilfe in Indien einige Plausibilität. Und dass so viel Geld wie die Tsunami-Spenden nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen zu haben ist, das ist den Verantwortlichen bei den Hilfswerken – zumindest den seriösen – auch längst klar. Es bleibt nur die Frage, wann sie sich trauen, das auch dem zahlenden Publikum mitzuteilen.

eins. Entwicklungspolitik Information Nord-Süd / Heft 23-24 2005