"Wiederaufbau ist ein Recht und keine Gnade."
Tsunami Response Watch kritisiert Paternalismus der Hilfswerke.
Die 29-jährige Journalistin und Filmermacherin Revathi Radhakrishnan ist Mitarbeiterin bei Tsunami Response Watch, einem Projekt freier Journalisten, die regelmäßig über die Tsunami-Hilfe berichten (www.indiadisasters.org). Revathi Radhakrishnan berichtet aus Nagapattinam, dem Disktrikt an der indischen Ostküste, der am schlimmsten vom Tsunami getroffen wurde. Dort hat sie mit Freunden auch eine kleine Schule für Dalit-Kinder aufgebaut. Tsunami Response Watch wird von medico international unterstützt.
Ist Tsunami Respone Watch so etwas wie eine kritische Beobachtung der NGO-Arbeit?
Ich persönlich sehe das schon so. Wir nehmen aber alle unter die Lupe – auch den Staat. Es gibt so viel zu schreiben über Sachen, die schief laufen. Eine kritische Beobachtung, auf welche Art und Weise geholfen wird, ist notwendig. Hilfe sollte ein Recht für Jedermann sein und es darf nie eine Gnade werde, es sollte nie eine neue Hierarchie etablieren.
Heißt das, die Hilfswerke agieren Ihrer Meinung nach zu paternalistisch?
Meistens ja. Den Staat kann ich verantwortlich machen, wenn er mir ein schlechtes Haus hinstellt. Dann gehe ich zum District Collector und beschwere mich. Wenn aber irgendeine Hilfsorganisation kommt, dann ist von Anfang an klar: Wir bringen dir das Geld. Das ist Charity. Es ist eine private Institution, die das tut. Ich bekomme nicht das Gefühl, dass das mein Recht ist, was sie für mich tun. Wenn irgendetwas nicht stimmt mit dem Haus, kann ich nicht hingehen, und die NGO dafür verantwortlich machen.
Aber die NGOs müssen sich doch bei ihrer Hilfe an die Regelungen der Regierung halten. Was ist falsch daran, das die Regierung die Hilfe der NGOs für den Wiederaufbau nutzt?
Das ist nicht falsch. Aber die meisten Regelungen für den Wiederaufbau haben die NGOs formuliert. Besonders im ersten Monat – ich war jeden Tag bei den NGO-Versammlungen – konnte man das sehen: Die Entscheidungen des Staates wurden in Absprache mit den NGOs getroffen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Der Prime Ministers Relief Fund hat nur sieben große internationale Hilfswerke konsultiert, wie das Geld genutzt werden sollte. Sie fanden es offensichtlich nicht wichtig, jemanden aus den betroffenen Gemeinden zu fragen. Sie dachten wohl, dass kein anderer als die sieben großen NGOs etwas Grips im Kopf hat. Wenigstens als ein Zeichen hätten sie doch zwei oder drei Verantwortliche aus den Dörfern dazunehmen können. Nicht mal dafür hat es gereicht.
Ich sage nicht, dass es falsch ist, wenn NGOs entscheiden. Aber was ist falsch daran, dass auch die Leute entscheiden, denen geholfen werden soll? Es gibt eine NGO, die den Leuten Geld gibt, mit dem die dann selber ihr Haus bauen können. Niemand kümmert sich besser um ein Haus, als derjenige, der ein Leben lang drin wohnen muss.
Viele sagen, wenn man den Leuten Geld gibt, versaufen es die Männer oder sie zahlen damit exorbitante Mitgift für ihre Töchter.
Das ist ein Ausdruck dieser Charity-Haltung. Viele Leute, auch Journalisten, kommen mit der Haltung: Die Leute sind schlecht, und die, die ihnen helfen, sind gut. Wo ist der Beweis, das NGOs, Journalisten und Staatsangestellte gut sind und die Leute alle schlecht sind? Bürokraten haben Gelder veruntreut, Hilfsorganisationen haben große Mengen Geld auf die Seite geschafft. Es gibt so viele Beispiele in diesem Land, wie NGOs betrogen haben. Aber darüber redet keiner.
Für die kleine Dalit-Schule, die Sie leiten, haben Sie keine NGO gegründet und kein Geld aus dem Ausland angeworben. Warum nicht?
Wir wollen wissen, welche Intentionen mit der Hilfe verbunden sind. Als eine ganz kleine Organisation können wir das nicht überprüfen. Und in einer Beziehung zwischen einem Geldgeber und einer lokalen NGO ist so eine Prüfung in der Regel auch nicht möglich. Darum halten wir uns da raus.
Außerdem denken wir: Wohlfahrt ist eine Aufgabe des Staates. Der Staat muss das in die Hand nehmen. Wenn die Weltbank einen Kredit an den Staat gibt, warum können nicht auch die NGOs ihr Geld an den Staat geben? Man kann auch den Staat kritisch überprüfen, wie er die Gelder verwendet. Ich sage nicht: Der Staat ist wundervoll und macht alles richtig. Aber der Staat muss schließlich das Wohlergehen der Leute gewährleisten. Und indem wir den Staat dazu drängen, stärken wir unsere Bürger. Wenn wir die ganze Wohlfahrt den NGOs überlassen, haben wir keinen Raum, für unsere eigenen Rechte zu kämpfen. Alles wird dann eine Sache von Bitten und Beten.
Interview: Christoph Fleischmann
eins. Entwicklungspolitik Information Nord-Süd / Heft 23-24 2005
Ist Tsunami Respone Watch so etwas wie eine kritische Beobachtung der NGO-Arbeit?
Ich persönlich sehe das schon so. Wir nehmen aber alle unter die Lupe – auch den Staat. Es gibt so viel zu schreiben über Sachen, die schief laufen. Eine kritische Beobachtung, auf welche Art und Weise geholfen wird, ist notwendig. Hilfe sollte ein Recht für Jedermann sein und es darf nie eine Gnade werde, es sollte nie eine neue Hierarchie etablieren.
Heißt das, die Hilfswerke agieren Ihrer Meinung nach zu paternalistisch?
Meistens ja. Den Staat kann ich verantwortlich machen, wenn er mir ein schlechtes Haus hinstellt. Dann gehe ich zum District Collector und beschwere mich. Wenn aber irgendeine Hilfsorganisation kommt, dann ist von Anfang an klar: Wir bringen dir das Geld. Das ist Charity. Es ist eine private Institution, die das tut. Ich bekomme nicht das Gefühl, dass das mein Recht ist, was sie für mich tun. Wenn irgendetwas nicht stimmt mit dem Haus, kann ich nicht hingehen, und die NGO dafür verantwortlich machen.
Aber die NGOs müssen sich doch bei ihrer Hilfe an die Regelungen der Regierung halten. Was ist falsch daran, das die Regierung die Hilfe der NGOs für den Wiederaufbau nutzt?
Das ist nicht falsch. Aber die meisten Regelungen für den Wiederaufbau haben die NGOs formuliert. Besonders im ersten Monat – ich war jeden Tag bei den NGO-Versammlungen – konnte man das sehen: Die Entscheidungen des Staates wurden in Absprache mit den NGOs getroffen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Der Prime Ministers Relief Fund hat nur sieben große internationale Hilfswerke konsultiert, wie das Geld genutzt werden sollte. Sie fanden es offensichtlich nicht wichtig, jemanden aus den betroffenen Gemeinden zu fragen. Sie dachten wohl, dass kein anderer als die sieben großen NGOs etwas Grips im Kopf hat. Wenigstens als ein Zeichen hätten sie doch zwei oder drei Verantwortliche aus den Dörfern dazunehmen können. Nicht mal dafür hat es gereicht.
Ich sage nicht, dass es falsch ist, wenn NGOs entscheiden. Aber was ist falsch daran, dass auch die Leute entscheiden, denen geholfen werden soll? Es gibt eine NGO, die den Leuten Geld gibt, mit dem die dann selber ihr Haus bauen können. Niemand kümmert sich besser um ein Haus, als derjenige, der ein Leben lang drin wohnen muss.
Viele sagen, wenn man den Leuten Geld gibt, versaufen es die Männer oder sie zahlen damit exorbitante Mitgift für ihre Töchter.
Das ist ein Ausdruck dieser Charity-Haltung. Viele Leute, auch Journalisten, kommen mit der Haltung: Die Leute sind schlecht, und die, die ihnen helfen, sind gut. Wo ist der Beweis, das NGOs, Journalisten und Staatsangestellte gut sind und die Leute alle schlecht sind? Bürokraten haben Gelder veruntreut, Hilfsorganisationen haben große Mengen Geld auf die Seite geschafft. Es gibt so viele Beispiele in diesem Land, wie NGOs betrogen haben. Aber darüber redet keiner.
Für die kleine Dalit-Schule, die Sie leiten, haben Sie keine NGO gegründet und kein Geld aus dem Ausland angeworben. Warum nicht?
Wir wollen wissen, welche Intentionen mit der Hilfe verbunden sind. Als eine ganz kleine Organisation können wir das nicht überprüfen. Und in einer Beziehung zwischen einem Geldgeber und einer lokalen NGO ist so eine Prüfung in der Regel auch nicht möglich. Darum halten wir uns da raus.
Außerdem denken wir: Wohlfahrt ist eine Aufgabe des Staates. Der Staat muss das in die Hand nehmen. Wenn die Weltbank einen Kredit an den Staat gibt, warum können nicht auch die NGOs ihr Geld an den Staat geben? Man kann auch den Staat kritisch überprüfen, wie er die Gelder verwendet. Ich sage nicht: Der Staat ist wundervoll und macht alles richtig. Aber der Staat muss schließlich das Wohlergehen der Leute gewährleisten. Und indem wir den Staat dazu drängen, stärken wir unsere Bürger. Wenn wir die ganze Wohlfahrt den NGOs überlassen, haben wir keinen Raum, für unsere eigenen Rechte zu kämpfen. Alles wird dann eine Sache von Bitten und Beten.
Interview: Christoph Fleischmann
eins. Entwicklungspolitik Information Nord-Süd / Heft 23-24 2005



