Verantwortung im System.

Nachdenken über einen bürgerlichen Begriff.

Verantwortung sollen die Schüler lernen, Verantwortung ist in der Wirtschaft als social responsibility wieder modern, und Verantwortung ist – was sonst? – das Motiv aller rechtschaffenen Politiker. Verantwortung ist gut, Verantwortung will jeder. Das alleine sollte skeptisch stimmen. Die, die von Verantwortung reden, meinen nicht nur sehr verschiedene Dinge; sie tun dies auch in höchst unterschiedlicher Absicht: Offensichtlich ist der Begriff aber nach wie vor derart positiv besetzt, dass man gerne damit verschiedene Absichten befördert. Aber: Kann man auch sinnvoll über Verantwortung reden?

Eine historische Erinnerung: Für den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer, der sich am Widerstand der Militärs gegen Hitler beteiligte, wurde Verantwortung zu einem zentralen Begriff seiner ethischen Überlegungen.[1] Das ist insofern bemerkenswert, als dass Verantwortung damals kein klassischer Begriff evangelischer Ethik war. Bonhoeffer bringt den Begriff, um zu betonen, dass die ethische Reflexion sich auf die konkrete geschichtliche Situation beziehen müsse, und nicht im Zeitlos-Grundsätzlichen verharren dürfe. Verantwortung ist für ihn der Begriff, der die goldene Mitte zwischen der Sanktionierung des Faktischen und weltfremdem Idealismus markiert. Das Ergebnis seiner Überlegungen ist ebenfalls nicht durch seine lutherische Tradition vorgegeben: Um der konkreten Verantwortung willen müsse man bereit sein, gegen bestimmte Gebote zu verstoßen, also Schuld auf sich zu nehmen. Damit rechtfertigte Bonhoeffer den Mord am Tyrannen und seine Beteiligung an der Verschwörung gegen Hitler. „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehen kann, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ [2] Das klingt modern, wobei allerdings auch das Reden von Verantwortung schnell einen heroischen Klang bekommen kann. Auf alle Fälle setzt das Reden von Verantwortung – damals wie heute – einen souverän handelnden Akteur voraus, jemanden, der Verantwortung übernehmen kann. Bonhoeffer kam aus einem großbürgerlichen Milieu. Die Männer der Familie waren hohe Beamte in den Ministerien des Reiches oder Professoren an der Universität. Hier war man selbstbewusst genug, sich selber als solche souveränen Akteure zu sehen. Man wird kaum zu weit gehen, wenn man sagt, dass Verantwortung im Prinzip ein bürgerliches Konzept ist. Im antibürgerlichen Lager, in den sozialistischen Bewegungen, spielte der Begriff eine geringe oder gar keine Rolle. Nicht die freie Tat führte die Geschichte weiter, sondern die Entwicklung der Produktivkräfte, also die Bewegung des gesamten gesellschaftlichen Systems. Nicht vom verantwortlichen Individuum wurde die Rettung erwartet, sondern vom Kollektiv. Das schloss freilich nicht aus, dass die Genossen Verantwortung als Sekundärtugend im Kampf der Klassen übernahmen. Aber in der Theorie spielte der Begriff keine Rolle.

Heute, nachdem wir durch die Dialektik der Aufklärung hindurchgegangen sind, wird gerne das hohe Lied von der Verantwortung angestimmt über dem Basso Continuo von der „Ortlosigkeit der Macht“. Nach dem revolutionären Subjekt ist nämlich auch das verantwortliche Individuum verloren gegangen. Es ist heute sinnlos, die Verantwortlichen bei den Eliten zu suchen. Selbst die Topmanager geben sich bereitwillig als Sklaven der Märkte zu erkennen: „Die Preisgestaltung macht der Markt und nicht Karstadt“, sagte kürzlich Heinz-Dieter Koeppe, einer der Direktoren des KarstadtQuelle-Konzerns, als er gefragt wurde, warum Karstadt den Textilarbeiterinnen in Asien nicht etwas höhere Löhne zahlen könne. Josef Ackermann muss leider trotz steigender Gewinne Mitarbeiter entlassen, weil die internationalen Finanzmärkte eine noch höhere Rendite verlangen. Andernfalls droht eine Übernahme der deutschesten aller Banken – womöglich aus dem Ausland. Und Roland Berger springt den unpopulären Managern bei, indem er den Ökonom Milton Friedman zitiert[3]: „Die soziale Verantwortung der Unternehmen besteht darin, Gewinne zu machen.“ Wir erinnern uns: Die unsichtbare Hand von Adam Smith, die – keiner weiß wie – Alles zum Wohle Aller wendet.

Nun, die Sache ist durchsichtig. Natürlich sind auch die Wirtschaftskapitäne Opfer eines Systems geworden, dass sie selber mit geschaffen haben. Das stimmt. Wenn ihre Klage darüber nicht nur eine Ausflucht wären, müssten sie allerdings die Systemfrage stellen: Können wir uns noch eine Wirtschaft leisten, die permanent Rendite für wenige Kapitalbesitzer generieren muss, und dabei immer mehr Menschen außer Arbeit und Brot setzt? Also ein System, das die ungleiche Verteilung der Güter ständig neu reproduziert? Und genauso natürlich werden die eben Genannten diese Frage nicht stellen, dafür leben sie selber mit dem bestehenden System viel zu gut. Die Gewinne werden privatisiert, die Kosten sozialisiert und die Verantwortung an die unsichtbare Hand delegiert. Oder die Verantwortung ersteht als social responsibility in den Marketingabteilungen der Unternehmen wieder auf. Dann bedeutet responsibility nicht die Verantwortung für den Produktionsprozess einer Firma und die daraus resultierenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen, sondern es bedeutet zur Schau gestelltes Mäzenatentum. [4] Finanzierung sozialer oder kultureller Einrichtungen schafft ein positives Image. Und so weiß der beratende Bergerroland, dass 59 Prozent der Vorstandsvorsitzenden glauben, die gute Reputation eines Unternehmens sorge für 40 Prozent der Börsenkapitalisierung. Und Berger folgert, soziale Verantwortung sei auch betriebswirtschaftlich sinnvoll. Und, das folgert der Berater nicht: Den Mäzen, der freiwillig gibt, macht keiner für sein Tun verantwortlich. Er tut es ja freiwillig. So kann er sich des Dankes gewiss sein in Zeiten knapper öffentlicher Kassen. Dass die Unternehmensverbände durch ihre Lobby-Arbeit zu diesen knappen Kassen beständig beitragen, dafür kann man wirklich niemanden verantwortlich machen. Die Verbände gehorchen doch nur der „Logik des Marktes“, also wirtschaftlicher Vernunft: „Die Preisgestaltung macht der Markt.“

Von den Profiteuren des gesellschaftlichen Systems ist kaum verantwortliches Handeln zu erwarten. Von wem dann? Von den Politikern, deren Aufgabe es ist, das öffentliche Interesse zu vertreten? Die „Ortlosigkeit der Macht“ und der „Systemzwang“ greifen auch in den Parlamenten um sich. Gänzlich neue, geradezu alles alte umstürzende Verhältnisse wie die globalisierte Wirtschaft oder die demografische Entwicklung werden beschworen, um „alternativlose“ Reformen zu verkaufen – und damit jede Verantwortung abzuschieben. Wenn Politik alternativlos ist, ist sie auch sinnlos. Nur die verantwortliche Wahl zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten rechtfertigt den Politikbetrieb. Andernfalls bräuchte man nur eine Exekutive.

Außerdem herrscht bei den allermeisten Abstimmungen Fraktionszwang. Da kann man doch nicht von irgend einem Abgeordneten verlangen, dass er für sein Stimmverhalten verantwortlich ist. Wenn er selbstbestimmt abstimmt, ist er bestimmt das nächste Mal nicht mehr im Parlament. Und wenn doch mal in der Politik von persönlicher Verantwortung die Rede ist, dann eigentlich nur im Zusammenhang mit Fehlern, die sich ein führender Politiker zu Schulden kommen ließ. Im Fall, dass diese Fehler öffentlich bekannt werden – und natürlich überhaupt nur in diesem Fall – bestehen für den betroffenen Politiker zwei Möglichkeiten. Rücktritt oder Aussitzen. Die Ironie bei der Sache ist, dass in der politischen Kultur unseres Landes beide Möglichkeiten als „Verantwortung übernehmen“ bezeichnet werden. Dass heißt Verantwortung übernimmt man, wenn man sich beharrlich gegen Vorwürfe stur stellt, wie Joschka Fischer, der sagt, dass er die Verantwortung für die Fehler bei der Visavergabe übernehme und damit sagen will: Jetzt muss aber Schluss sein mit den Vorwürfen. Verantwortung übernehmen auch die, die sich aus dem öffentlichen Blickfeld verabschieden und auf den nächsten, weniger öffentlichkeitswirksamen Posten wechseln wie – einer von vielen – Laurenz Mayer. „Verantwortung übernehmen“ bezeichnet also Fälle, in denen die Personen, um die es geht, nicht gestaltend tätig werden. Indem sie nichts (mehr) tun, übernehmen sie Verantwortung. Das ist erstaunlich: Für die Gestaltung der res publica ist offensichtlich niemand persönlich verantwortlich. Innerhalb des gesellschaftlichen Systems regiert die anonyme Macht.

Angesichts dessen läge die Folgerung nahe, dem Begriff Verantwortung eben doch zu entraten. Wobei offen bleiben könnte, ob Verantwortung aus prinzipiellen Gründen in komplexen Systemen nicht mehr möglich ist oder ob sie faktisch nicht mehr einzufordern ist. Illustriert würde diese Sicht durch die Dramen Friedrich Dürrenmatts: Der Physiker, der sich für seine Forschungsergebnisse verantwortlich weiß, sieht als Ausweg nur noch die Psychiatrie und muss selbst dort feststellen, dass die Geheimdienste schon längst im Besitz seiner Forschungen sind. Der Verantwortliche kann nur noch ein tragischer Clown sein. Der Held hat abgedankt und der Theoretiker sekundiert: „Es gibt kein wahres Leben im Falschen.“ Statt von Einzelnen Verantwortung zu erwarten, käme es darauf an, das Funktionieren von Systemen zu verstehen.

Dann würde man aber den Propheten der Alternativlosigkeit das Feld überlassen und die Macht des Faktischen, das heißt die faktisch Mächtigen, sanktionieren. Auch wenn es im falschen kein wahres Leben gibt, so muss es doch auch im falschen ein besseres oder schlechteres Leben geben. Die Rede vom heroischen Untergang ist immer noch sehr unheroisch. Zwischen Systemzwang und Totalopposition, die beide jede Gestaltung der Verhältnisse aufgegeben haben, wäre der Ort der Verantwortung.

Wie aber sieht die aus? Leichter scheint es zu sagen, wie sie nicht aussieht. Bonhoeffer beschreibt in einem kleinen Text aus dem Jahr 1943, in dem er auf die Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus zurückblickt, verschiedene Formen von Verantwortungslosigkeit.[5] Die Typologie ist immer noch brauchbar:

Da gibt es die „Vernünftigen“, die meinen, mit etwas mehr Vernunft sei das aus den Fugen geratene Gebälk wieder zusammenzubiegen. Ihnen bescheinigt Bonhoeffer mangelndes „Sehvermögen“. Das sind die, die heute immer noch meinen, man müsse nur eine vernünftigere Politik machen, dann gäbe es wieder Vollbeschäftigung, Wohlstand für alle etcetera. Das sind die, die verkennen, dass das System insgesamt aus den Fugen geraten ist. Diese „Vernünftigen“ wollen etwas gestalten und lehnen die Totalopposition ab; sie werden zu denen, die statt zu gestalten, vom System nach seinen Regeln gestaltet werden.

Auf der entgegengesetzten Seite sind die „Fanatiker“, die mit ethisch oder politisch reiner Lehre gegen das Böse anrennen. Ihnen ist die Frage nach dem eigenen Erfolg unwesentlich, ihnen reicht es Recht zu haben. Die Frage nach dem Erfolg ist aber für verantwortliches Handeln nicht nebensächlich. Wer den Untergang voraussagt und Recht behält, ist der traurigste der Propheten.

Dann gibt es die, die nach ihrem Gewissen handeln, die nichts tun, was ihrem eigenen Gewissen zuwider läuft. Der Theologe Bonhoeffer erkannte, was die Sozialisten schon wussten: Die Begrenzung auf die persönliche Reinheit verfehlt die Lösung der kollektiven Probleme. Wer nur selber ethisch sauber aus der Affäre kommen will, der möge in ethische Aktienfonds investieren und Biogemüse essen. So gut das auch ist, er muss sich den Vorwurf zuziehen, den Rest der Welt der eigenen „Reinheit“ zu opfern.

Und dann gibt es die, die ihre Pflicht tun. Zu Bonhoeffers Zeiten waren das noch ehrbare Leute – heute ist diese Haltung diskreditiert, nichtsdestotrotz ist das immer noch die Handlungsmaxime für viele Menschen. Das dies ungenügend ist angesichts eines systemischen Unrechts liegt auf der Hand. Das Wahrheitsmoment dieser Haltung ist freilich, dass der verantwortlich Handelnde sich auf einen bestimmten Bereich seiner Verantwortung begrenzen muss. Er kann nicht für alles verantwortlich sein: Wer die ganze Welt revolutionieren will, wird die nächste Verbesserung nicht erreichen. Bonhoeffer markiert Eingrenzung und Größe der Verantwortung, indem er von der „Mitverantwortung für den Gang der Geschichte“ spricht.

Wie kann diese „Mitverantwortung“ aussehen? Zweierlei Möglichkeiten gibt es: Durch Vorbild oder durch Verändern. Vorbildlich handeln die, die anders leben, als es ihnen das System vorgibt, die das gute Leben in Ansätzen und unvollkommen innerhalb des falschen Lebens vorwegnehmen: Die nicht das billigste Essen kaufen, egal wie es produziert wurde, die nicht den bestbezahlten Job annehmen, egal für welches Ziel ihre Arbeit eingesetzt wird, die nicht nur nach Sicherheit und persönlichem Gewinn handeln, sondern nach Solidarität und Vertrauen. Im weitergehenden Fall leben solche „Vorbilder“ in kleinen „Kontrastgesellschaften“, die anders funktionieren, als das System um sie herum. Sie tun dies nicht um ihre eigenen ethischen „Reinheit“ willen, sondern weil sie mit dem guten Leben nicht warten wollen bis das ganze System sich ändert. Aber indem sie anders leben, ändern sie schon das System und sie wirken en passant als Vorbilder. Sie zeigen: Es geht auch anders, es gibt Alternativen, man muss nicht alles mitmachen. In diesem über sich selbst hinausweisenden Aspekt liegt der Grund, ihr Tun als verantwortlichem Handeln zu sehen.

Dann gibt es noch die, die das System, das ständig Ungerechtigkeiten reproduziert, verändern wollen. Die werden heute wohl meist „Globalisierungsgegner“ genannt. Zumindest die Radikaleren unter ihnen sind solche die das Ganze in Frage stellen. Die Systemveränderer müssen sich aber seit Karl Popper immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen etwas mangelhaftes Bestehendes für etwas Besseres aber Ungewisses zu opfern. Allzu leicht könne, so lautet der Vorwurf, das Bessere sich als das Schlimmere herausstellen. Deswegen solle man nur vorsichtig reformieren und nicht das Ganze in Frage stellen. Bonhoeffer spricht hingegen davon, dass, wer verantwortlich handeln wolle, auch zur Übernahme von Schuld bereit sein müsse. Sicher, der revolutionäre Hasardeur taugt nicht als Leitfigur und die Diktatur des Proletariats genauso wenig - unter den derzeitigen Bedingungen wird beides aber auch kaum in großem Stil in Mode kommen. Aber es gilt: Wer das Ganze nicht in Frage stellt, wird heute kaum mehr verantwortlich handeln können. Dass die, die solches tun, mit der Frage nach den schlüsselfertigen Lösungen mundtot gemacht werden, verfängt nicht mehr. Schuldübernahme heißt so gesehen: Für Folgen einstehen, die man nicht alle absehen kann. Weil die Alternative, das vernünftige Verbessern des ungerechten Systems, keinen Ausweg bietet. Wer sich so nach dem Maß seiner Kraft engagiert, ist der verantwortliche Bürger aus der Zivilgesellschaft, nach dem alle rufen, den aber die wenigsten in dieser Form erwarten.

[1] Besonders in seiner 1940 bis 1943 geschriebenen Ethik, die erst posthum herausgegeben worden ist. Heute greifbar als Dietrich Bonhoeffer, Ethik, hg. v. Ernst Feil, Clifford Green, Heinz E. Tödt und Ilse Tödt (Dietrich Bonhoeffer Werke Band 6), Gütersloh 2. Aufl. 1998.

[2] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, hg. v. Christian Gremmels, Eberhardt Bethge und Renate Bethge (Dietrich Bonhoeffer Werke Band 8), Gütersloh 1998, S.25.

[3] Roland Berger, Das soziale Gewissen der Manager, in: Rheinischer Merkur vom 3.3.2005, S.11.

[4] Einen guten Überblick über Image und Wirklichkeit von social responsibility bietet Christian Sywottek, Macht’s gut. Unternehmen tun Gutes. Andere tun nur so, in: brand eins 10 / 2004, S.64-70.

[5] Der Text heißt „Nach zehn Jahren“ und ist abgedruckt in: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, hg. v. Christian Gremmels, Eberhardt Bethge und Renate Bethge (Dietrich Bonhoefer Werke Band 8), Gütersloh 1998, S.19-39.

Kommune Forum / Juni-Juli 2005


Stichworte:
Bonhoeffer, Verantwortung