Pharma-Profite und AIDS.

Interview mit Zackie Achmat von der südafrikanischen Treatment Action Campaign.

Zackie Achmat, 41 Jahre alt, ist Filmemacher und Anti-AIDS-Aktivist, Vorsitzender der Treatment Action Campaign. Der Kampf von TAC für bezahlbare Medikamente könnte demnächst schon zu einen wichtigen Erfolg zeitigen. Am 8. August beauftragte die südafrikanische Regierung das Gesundheitsministerium, bis Ende September einen AIDS-Behandlungsplan für das öffentliche Gesundheitssystem vorzulegen. Bisher war die Versorgung der Bevölkerung mit sogenannten antiretroviralen AIDS-Medikamenten von der Regierung abgelehnt bzw. verschleppt worden.

Ein zweiter wichtiger Schritt wäre eine Einigung in der Welthandelsorganisation (WTO) über den Export von Generika (billige Nachahmerpräparate teurer Markenmedikamete) für die Behandlung AIDS-Kranker. Einige Beobachter erwarten eine Einigung bei der kommenden WTO-Ministerkonferenz in Cancun, Mitte September.

Zackie, was sind die Anliegen der Treatment Action Campaign (TAC)?

Über die letzten fünf Jahre hat TAC dafür gekämpft, dass die Preise für AIDS-Medikamente gesenkt werden, so dass die Regierung es sich leisten kann, arme Leute behandeln zu lassen. Wir haben uns auch dafür eingesetzt, dass die Regierung Nevirapine für schwangere Frauen bezahlt, ein Medikament, das die Übertragung von AIDS von der Mutter auf das Kind verhindert. Im Moment setzen wir uns dafür ein, dass die Regierung einen Behandlungs- und Präventionsplan umsetzt. Wir haben in unserem Land zwischen 4,5 und 5,5 Millionen Menschen, die mit HIV leben. Jeden Tag sterben 600 Menschen. Wenn Du wohlhabend bist, kannst Du Dir eine Behandlung in privaten Krankenhäusern leisten. Aber das können nur 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Sie können die Medizin kaufen. Das heißt, Du kannst Leben kaufen. Das ist nicht fair.

Wie sehen Sie die Rolle der Pharmaindustrie?

Unsere Position war immer schon: Gesundheit und Medizin sind öffentliche Güter. Wir sind nicht gegen geistige Urheberrechte. Wir glauben aber, das ein Patent vergeben werden sollte, damit die Öffentlichkeit Zugang zu einem Medikament bekommt. In unserem Land und in vielen anderen Ländern haben die Menschen keinen Zugang zu Medikamenten wie z.B. in den Vereinigten Staaten. Denn die Konzerne missbrauchen ihre Patent-Monopole. Was wir wollen ist eine Situation, in der Konzerne Ihre Position nicht missbrauchen können. Wir sind nicht gegen Profite, wir sind auch nicht dagegen, dass die Konzerne ihren Forschungsaufwand entschädigt bekommen. Was für uns ein Problem ist, dass die Konzerne ihre Patente missbrauchen.

Die deutsche Firma Boehringer-Ingelheim hat kostenlos eine Lizenz für das AIDS-Medikament Nevirapine an eine südafrikanische Firma vergeben. Ist das nicht ein guter Ansatz?

Okay, Boehringer macht es besser als viele andere Konzerne. Aber was wir wollen, ist ein Wettbewerb zwischen den Generika-Herstellern. Was sie bis jetzt getan haben, ist ihr Monopol der südafrikanischen Firma Aspen Pharmacare zu übertragen. So spüren sie nicht mehr den Druck der Öffentlichkeit. Aspen Pharmacare hat die Medizin aber bis jetzt noch nicht produziert - aus zwei Gründen: Unsere Regierung zögert immer noch, die Menschen damit zu behandeln. Und zweitens warten sie, ob sie das Medikament in andere afrikanische Länder exportieren können. Es ist ein cleverer Zug von vielen Pharma-Unternehmen, wenn sie vergünstigte Preise anbieten oder wenn sie ihr Monopol weitergeben. Es sieht gut aus für die PR. Aber es gibt keinen freien Wettbewerb der Generika-Hersteller. Wir wollen Wettbewerb, damit die armen Länder nicht betteln müssen.

Über die Export-Möglichkeiten der Generika-Hersteller wird gegenwärtig im TRIPS-Rat (Rat für Handelsfragen mit geistigen Urheberrechten) bei der Welthandelsorganisation diskutiert. Also ist es nicht nur eine Frage des politischen Willens der südafrikanischen Regierung.


Zuerst mal: In unserer Verfassung und aufgrund der internationalen Verträge hindert nichts unsere Regierung, die Medikamente bei uns zu produzieren und nichts hindert unsere Regierung Generika zu importieren - zum Beispiel von Indien. Was ein ernstes Problem ist, ist dass ärmere Länder, die keine Möglichkeiten haben, Generika lokal herzustellen, nur einen begrenzten Zugang zu Medikamenten haben. Sie können von Indien importieren, weil es dort ein anderes Patentrecht gibt, aber sie können keine Generika aus Kanada oder Israel importieren, das verhindert das Patentrecht in diesen Ländern. So wird der Wettbewerb sehr eingeschränkt. Das ist ein Riesenproblem für die armen Länder. Im TRIPs-Rat sind es nur die Vereinigten Staaten, die eine Übereinkunft über diese und andere Fragen blockieren. Aber die Tatsache, dass nur ein Land die globale Pharmaindustrie verteidigt, zeigt, dass es nur um Profite geht, und nicht um das Leben der Menschen. Ich glaube, sie machen einen großen Fehler.

Sie sind einer der leitenden Personen bei TAC. Seit wann engagieren Sie sich dort und warum?


Für mich war das HIV-Problem immer ein Menschenrechtsthema. Aus zwei Gründen: Als jemand, der schwul ist, war der Ausschluss von Schwulen immer ein Thema für mich. Und zweitens: 1997 als es zum ersten Mal AIDS-Tests gab, wollte die Regierung alle ausländischen Arbeiter testen und wollte solche mit AIDS ausschließen. Da habe ich gemerkt, dass Leute, die ihre Lebensenergie darauf verwendet haben unser Land aufzubauen, in Bergwerken, Mienen, und so weiter, dass solche Leute jetzt ausgeschlossen und in ländliche Gegenden verbannt werden sollten, damit sie dort sterben. So wurde AIDS ein politisches Thema, eine Frage der Menschenrechte für mich. Als ich merkte, dass ich selber AIDS habe, war das nur ein zusätzlicher Impetus, mich zu engagieren.

Sie selbst haben sich entschieden, keine AIDS-Medikamente zu nehmen. Warum?


Als meine Ärzte mir sagten, dass ich die Medizin nehmen sollte, konnte ich es mir nicht leisten. Meine Freunde hätten für mich gezahlt. Nun sind die Preise gesenkt. Ich kann es mit leisten. Der Grund, die Medikamente dennoch nicht zu nehmen, ist sehr einfach: Wenn meine Brüder HIV hätten, könnten sie es sich nicht leisten, ich kann es mir leisten, ich kann mein Leben kaufen. Sie können es nicht. Und für mich ist es falsch, moralisch falsch, dass jemand sein Leben kaufen kann. Wir lassen Menschen sterben, nur weil sie sich die Medizin nicht leisten können. Das ist falsch. Das ist alles, eine einfache Erklärung.

Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht leicht, wenn Dein Körper Dir sagt, dass er die Medizin braucht, und wenn deine Familie und Deine Freunde dir sagen, dass Du Deine Medizin nehmen musst.

Was Sie machen, ist eine Art Opfer. Vor welchem spirituellen oder religiösen Hintergrund tun Sie das?

Atheismus! Meine Familie ist moslemisch. Aber ich habe keinen religiösen Glauben. Aber ich denke, dass die Politik keine Moral mehr kennt. Mit Moral meine ich nicht, wer mit wem schläft, oder wer wen besticht. Mit Moral meine ich: Respekt vor den Menschen, ihrer Würde und ihrem Leben. Dass man sich versichert, dass der Nachbar genug zu essen hat, wenn man selber etwas hat, was man teilen kann. Diese Art der Moral findet man nicht mehr in der Politik.

Für mich ist das übrigens kein Opfer. Es ist die Art, wie ich leben möchte. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der jeder gleich ist. Das ist ganz einfach: Wenn Du sagst: jeder ist gleich und hat ein gleiches Recht auf Leben. Aber manchmal ist es schwierig darüber zu reden.

Sie nehmen das auf sich ohne den Glauben an ein Leben nach dem Tod?

Ich bin ein politischer Aktivist gewesen seit ich 14 war und ich hatte in vielerlei Hinsicht, das wundervollste Leben. Und wenn ich jetzt sterbe, dann wäre ich zufrieden mit dem, was ich getan habe auf der Erde. Dass ich ein Menschenrechtsaktivist bin, lässt mich nachts gut schlafen. Der wichtigste Schlaf ist der Schlaf, den wir jeden Tag schlafen. Wenn jemand nachts ruhig schlafen kann, weil er weiß, dass er etwas getan hat - das ist für mich sehr wichtig. Ein Gewissen zu haben, das ist sehr wichtig.

Die Furche / 21.8.2003