"Gib den Menschen eine Chance."

Indien - Musterknabe der Globalisierung?

Nein, die Mehrheit der Inder profitiere nicht von dem wirtschaftlichen Reformkurs, den sein Land seit 15 Jahren verfolge. C.T.Kurien, der ehemalige Direktor des renommierten Madras Institute of Development Studies will für Indiens Weg in den Weltmarkt keine guten Noten verteilen. Und dass, obwohl er zu seinem Ruhestand nach Bangalore gezogen ist, also dorthin, wo das indische Wirtschaftswunder augenscheinlich die herrlichsten Blüten treibt:

Während im indischen Silicon Valley Mitte der Neunziger nur einfache Programmiertätigkeiten für den Weltmarkt geleistet wurde, ist nun Business Process Outsourcing das neue Zauberwort: Große Konzerne lagern Buchhaltungs-, Service- , aber auch komplexe Entwicklungsabteilungen nach Indien aus: Nokia, Sony, Samsung, Siemens, Bosch und SAP – um nur einige von den global players zu nennen, die in Bangalore vertreten sind. Grund dafür sind die billigen Arbeitskosten der gut ausgebildeten indischen Computerfachkräfte. Indiens Hochschulen bilden jährlich rund 300.000 IT-Ingenieure und Programmierer aus. Nach einem McKinsey-Bericht ist Business Process Outsourcing die am schnellsten wachsende Branche in Indien, die bis zum Jahr 2008 für rund 30 Prozent der indischen Exporterlöse aufkommen soll. Die Wirtschaftspresse jubelt über jährliche Wachstumsraten von aktuell 6 bis 7 Prozent für die gesamte indische Wirtschaft. Die kaufkräftige Mittelschicht wächst nach inoffiziellen Schätzungen um rund 15 Prozent jährlich: Das sind die oftmals jungen, gut ausgebildeten Inderinnen und Inder, die mehr als 2000 Euro im Jahr verdienen. Sie freuen sich über viele neue Konsumgüter, die es vor der Liberalisierung der indischen Wirtschaft nicht gab – allen voran gute Autos. Diese Inder sind es, die man in den neuen Einkaufszentren und schicken Cafes sieht, die die indischen Großstädten immer mehr dem Aussehen globaler Metropolen angleichen.

Kurien lässt sich von der Stadt um ihn herum nicht imponieren: „Es gibt den Anschein von Wohlstand.“ Es gebe mehr Waren, und in den Städten wohl auch mehr Beschäftigung: „Aber auf dem Land: nichts dergleichen.“ In der Tat wohnen und arbeiten immer noch über 70 Prozent der gut eine Milliarde Inder auf dem Land. Dort leben viele Menschen als Bauern, die kleine Felder bewirtschaften, als Tagelöhner oder Ladenbesitzer. Die neue Zeit erkennt man hier allenfalls daran, dass es mehr Telefonanschlüsse gibt und selbst auf dem Land die Handys piepen. Ansonsten sieht es weitestgehend noch so aus wie vor 15 Jahren, als Indien den Weg in den Weltmarkt suchte.
Im Januar 1991 musste Indien einen großen Kredit beim Internationalen Währungsfonds aufnehmen: Die Devisenreserven waren fast gänzlich aufgebraucht: Vor dem Golfkrieg von 1991 war das Erdöl teurer geworden und der Außenhandel mit den ehemaligen Ostblockstaaten zusammengebrochen. Bis dahin hatte Indien Importe und Kapitalzufluss stark begrenzt. Seit 1991 verfolgt Indien nun einen Kurs der Weltmarktintegration. Der damalige Wirtschaftsminister und heutige Premierminister Manmohan Singh setzte harte Reformen durch: Abwertung der Rupie um Exporte zu fördern, Abschaffung von Importbeschränkungen, Joint-Ventures mit heimischen Firmen wurden zugelassen und gefördert, Einkommenssteuer und Unternehmenssteuer gesenkt - um ausländisches Kapital anzuziehen.

Die Armen traf besonders der dramatische Anstieg der Lebensmittelpreise in den ersten Jahren der Reform. Trotzdem gehört es zum Standardrepertoire der Wirtschaftspresse, über die zurückgehenden Armutszahlen zu jubeln. Aber erstens sind die Zahlen nicht so überzeugend, wenn man sie mit den Zahlen vor der Liberalisierung vergleicht: Bereits seit den siebziger Jahren nahm die Zahl der Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ständig ab. Nach den Reformen sei dieser Prozess aber langsamer verlaufen, urteilt die Ökonomin Jayati Ghosh von der Nehru-Universität in Neu-Delhi. Auch habe sich die Kluft zwischen Armen und Reichen vergrößert.

Und Kurien weist darauf hin, dass Armut nur am Einkommen gemessen würde. Was aber, fragt er, wenn eine Familie, um dieses Einkommen zu verdienen, mehr Geld für Transport und Kleidung ausgeben müsse? „Stellen Sie sich eine Familie vor, die an der Armutsgrenze lebt. Was werden sie in so einer Situation tun? Sie werden das Geld verdienen und weniger essen. Das passiert bereits.“ Die entscheidende Frage sei doch, ob nun mehr Inder besser ernährt würden. „Leider ist die Antwort darauf: Nein.“ Der UN-Bericht über die Milleniumsziele im asiatisch-pazifischen Raum weist darauf hin, dass der Anteil der mangelernährten Inderinnen und Inder zwar prozentual gesehen schwach abgenommen hat, in absoluten Zahlen aber gestiegen ist: Waren es 1991 noch 217 Millionen Menschen, so stieg deren Zahl bis 2001 auf 222 Millionen.

Und noch etwas stellt das indische Wirtschaftswachstum in ein ambivalentes Licht: Nach 1991 gingen sind deutlich weniger Arbeitsplätze geschaffen worden als in den Jahren davor. Der Einsatz neuer Technik in der Landwirtschaft erfordere weniger Arbeitskraft, erklärt Jayati Ghosh. In den Städten stelle die öffentliche Hand weniger Menschen ein, und viele kleine Unternehmen hätten der neuen Konkurrenz nicht standgehalten. Kleine Manufakturen hätten aber einen Gutteil der städtischen Arbeitsstellen erbracht. Wer also die neuen Arbeitsplätze bei den großen Konzernen lobt, sollte auch sehen, welche Arbeitsplätze durch die Reformen oder die wachsende Konkurrenz verloren gehen.

Kurien ist nicht prinzipiell gegen die Weltmarktintegration Indiens, aber er meint, sein Land hätte sich vorsichtiger dem Weltmarkt öffnen sollen. „Gib den Leuten eine Chance in den Wettbewerb zu gehen“, sagt Kurien. Das könnten sie aber nicht wenn sie hungerten. Es sei nach wie vor unerlässlich, dass der Staat massiv in Bildung, Gesundheit und Lebensmittelsubventionen investiere. Sonst blieben die Armen weiter abgehängt vom wirtschaftlichen Erfolg Indiens.
Anfang Februar trat ein Gesetz in Kraft trat, das arbeitslosen Armen auf dem Land eine Beschäftigung über 100 Tage im Jahr garantiert. Für Aufforstung, Anlegen von Kanälen und Bewässerungssystemen und dergleichen zahlt der Staat einen Lohn von 80 Rupien am Tag. Das kostet allein den Bundeshaushalt im Hauhaltsjahr 2006 / 2007 umgerechnet rund 5,5 Milliarden Euro. Bisher läuft das Arbeitsprogramm aber erst in 200 von 593 Distrikten an. Die Kosten werden also noch zunehmen, wenn bis Ende 2009 alle Distrikte einbezogen werden sollen. Kritiker befürchten, dass es Probleme geben wird, soviel Geld bereit zu stellen. Infolge der Steuersenkungspolitik hat Indien eine der niedrigsten Steuerquoten weltweit – deutlich unter OECD-Durchschnitt. Immerhin wird das in der öffentlichen Diskussion inzwischen als Problem erkannt: Wenn man an die Industrieländer aufschließen wolle, müsse der Staat mehr Geld zur Verfügung haben.

Publik Forum / 30.6.2006