Ein freier Unternehmer.
„Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss.“ Goethe, Faust, Zweiter Teil. Das ist der Teil, den viele vermutlich nicht mehr in der Schule gelesen haben, da ging es ja immer nur bis zu Gretchens „gerettet“, also die Nummer: alter Mann versucht beim Verführen junger Mädchen sein Glück zu finden. Naja, und weil das ja irgendwie fast noch moralisch ausgeht, dachten unsere Lehrerinnen und Lehrer wohl, dass sie uns das noch zumuten können. Aber im Zweiten Teil des Faust, da versucht der Doktor Faustus, als frühkapitalistischer Unternehmer sein Glück zu machen, und weil Goethe viel vom Kapitalismus verstanden hat, deswegen gilt dieser Teil des Faust wohl als jugendgefährdend oder weniger literarisch wertvoll oder viel zu schwer oder – ich weiß nicht, warum der jedenfalls nicht in der Schule gelesen wird.
Den Satz „nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“ geht ja noch als Loblied auf das freie Unternehmertum durch – und wenn ich ehrlich bin, als freier Hörfunkautor, also als Vorstandsvorsitzender meiner Ich-AG fühle ich mich auch wie ein Unternehmer – und ich bin sogar stolz darauf: Ich erobere meine Freiheit durch meine eigenen Ideen, ich finde einen Ausdruck für mein Wesen, erfreue hoffentlich andere mit meinen Ideen und erarbeite mir damit einen Lebensunterhalt und dies tue ich, wie mir scheint, auf eine ehrliche Art und Weise. Ich werde nur für das fertige Produkt bezahlt, für das, was ich abliefere. Und wenn es nicht mehr gefällt, was ich schreibe – dann gibt es auch kein Geld. Da wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Nicht wie andere, die an ihren Schreibtischen sitzen und bezahlt werden, egal was sie tun oder nicht tun. Da sehe ich mich in einer Reihe mit den Mittelständlern, die noch mit ihrem Privatbesitz für die Firma bürgen: Männer und Frauen des Risikos. Nicht wie die Manager und Vorstandsvorsitzenden von Weltkonzernen, die nichts zu verlieren haben außer ihrem guten Ruf. Aber selbst der ist nicht lange beschädigt: wenn sie die Firma vor die Wand fahren, dann leben sie die kurze Zeit von der Entlassung bis zur nächsten Anstellung von der gezahlten Abfindung zehnmal besser als die, die unter ihren Fehlern leiden mussten. Freie Unternehmer wollen die sein: bestenfalls leitende Angestellte mit beschränkter Haftung sind das!
Stolze Unternehmer, die das Risiko lieben, sind woanders. Aber, und da fängt der jugendgefährdende Haken der Tragödie zweiter Teil an - Goethe hat dem Satz von der täglichen Eroberung der Freiheit eine ironische Pointe mitgegeben: Der Unternehmer Faust spricht den Satz im Angesicht seines großartigen Kolonisierungswerkes: Ein Küstenstreifen, der dem Meer abgerungen wurde und nun eingedeicht wird. Aber die Arbeiter, von denen er annimmt, dass sie die letzten Spatenstiche an diesem ehrgeizigen Projekt tun, die heben Faustens Grab aus. Seine Unternehmung bringt ihm nicht Freiheit, sondern Tod. Goethe machte sich über die Schattenseiten des Unternehmertums keine Illusionen: Der freie Unternehmer verliert tendenziell die Lust an der Schönheit und am Genuss. Alles wird ihm zur „fühllosen baren Zahlung“ des Geldes – Hauptsache es steigert den Wert. Der Unternehmer, schlimmer noch, verliert die Sicherheit, er muss eben sein Leben und die Freiheit immer wieder erobern. Und zuletzt: Er wird nie frei von der Sorge um die Zukunft, seine Investitionen müssen sich erst noch in der Zukunft rechnen. Der freie Unternehmer muss mit all seiner Freiheit immer weiter schaffen bei Strafe des Ruins – und so muss auch ich freier Hörfunkautor schon im Herbst über die Aufträge für das nächste Jahr nachdenken, weil sonst im nächsten Jahr kein Geld aufs Konto kommt. Ist das die Freiheit, die ich meine?
SWR 2 Fünf vor Sechs / 26.9.2007
Den Satz „nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss“ geht ja noch als Loblied auf das freie Unternehmertum durch – und wenn ich ehrlich bin, als freier Hörfunkautor, also als Vorstandsvorsitzender meiner Ich-AG fühle ich mich auch wie ein Unternehmer – und ich bin sogar stolz darauf: Ich erobere meine Freiheit durch meine eigenen Ideen, ich finde einen Ausdruck für mein Wesen, erfreue hoffentlich andere mit meinen Ideen und erarbeite mir damit einen Lebensunterhalt und dies tue ich, wie mir scheint, auf eine ehrliche Art und Weise. Ich werde nur für das fertige Produkt bezahlt, für das, was ich abliefere. Und wenn es nicht mehr gefällt, was ich schreibe – dann gibt es auch kein Geld. Da wird noch ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet. Nicht wie andere, die an ihren Schreibtischen sitzen und bezahlt werden, egal was sie tun oder nicht tun. Da sehe ich mich in einer Reihe mit den Mittelständlern, die noch mit ihrem Privatbesitz für die Firma bürgen: Männer und Frauen des Risikos. Nicht wie die Manager und Vorstandsvorsitzenden von Weltkonzernen, die nichts zu verlieren haben außer ihrem guten Ruf. Aber selbst der ist nicht lange beschädigt: wenn sie die Firma vor die Wand fahren, dann leben sie die kurze Zeit von der Entlassung bis zur nächsten Anstellung von der gezahlten Abfindung zehnmal besser als die, die unter ihren Fehlern leiden mussten. Freie Unternehmer wollen die sein: bestenfalls leitende Angestellte mit beschränkter Haftung sind das!
Stolze Unternehmer, die das Risiko lieben, sind woanders. Aber, und da fängt der jugendgefährdende Haken der Tragödie zweiter Teil an - Goethe hat dem Satz von der täglichen Eroberung der Freiheit eine ironische Pointe mitgegeben: Der Unternehmer Faust spricht den Satz im Angesicht seines großartigen Kolonisierungswerkes: Ein Küstenstreifen, der dem Meer abgerungen wurde und nun eingedeicht wird. Aber die Arbeiter, von denen er annimmt, dass sie die letzten Spatenstiche an diesem ehrgeizigen Projekt tun, die heben Faustens Grab aus. Seine Unternehmung bringt ihm nicht Freiheit, sondern Tod. Goethe machte sich über die Schattenseiten des Unternehmertums keine Illusionen: Der freie Unternehmer verliert tendenziell die Lust an der Schönheit und am Genuss. Alles wird ihm zur „fühllosen baren Zahlung“ des Geldes – Hauptsache es steigert den Wert. Der Unternehmer, schlimmer noch, verliert die Sicherheit, er muss eben sein Leben und die Freiheit immer wieder erobern. Und zuletzt: Er wird nie frei von der Sorge um die Zukunft, seine Investitionen müssen sich erst noch in der Zukunft rechnen. Der freie Unternehmer muss mit all seiner Freiheit immer weiter schaffen bei Strafe des Ruins – und so muss auch ich freier Hörfunkautor schon im Herbst über die Aufträge für das nächste Jahr nachdenken, weil sonst im nächsten Jahr kein Geld aufs Konto kommt. Ist das die Freiheit, die ich meine?
SWR 2 Fünf vor Sechs / 26.9.2007



