Arbeit und Bezahlung.

Das Versprechen der freien Marktwirtschaft ist: jeder ist seines eigenen Glückes Schmied und jeder bekommt das, was er verdient. Oder habe ich da was falsch verstanden? Also zumindest können sich darauf die allermeisten einigen: Jeder bekommt, was er verdient, oder sollte zumindest das seiner Leistung Adäquate bekommen. Der Wert der Arbeit macht sich an der Bezahlung fest. Deswegen sind die Manager – wie alle anderen Gutverdiener auch – davon überzeugt, dass sie das, was sie bekommen, völlig zu Recht bekommen, sie haben es durch ihre Arbeit verdient. Legendär der Schweizer Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, der meinte, nur in Deutschland kämen die Manager, die bleibende Werte schaffen, vor Gericht. Aber andersherum funktioniert das auch: Viele sind der Meinung sie verdienen angesichts der Arbeit, die sie leisten, viel zu wenig. Also Pfarrer oder Lehrer gehören zu dieser Sorte, die gern mal auf ihre Managerqualitäten hinweisen, mit denen man andernorts ja so viel mehr verdienen könnte. Aber vor lauter Gutmenschentum und Idealismus sind diese staatlich oder kirchlich bestallten Beamten noch nicht in den wilden Wettbewerb abgesprungen, wo Ihre Fähigkeiten selbstverständlich viel höher eingeschätzt und besser bezahlt werden würden. Wir kommen offensichtlich aus der Falle nicht raus: Der Wert der Arbeit macht sich an der Bezahlung fest.

Da mache ich als freier Hörfunkautor allerdings ganz possierliche Erfahrungen. Eine Radiosendung, die ich für den, sagen wir mal, Bayerischen Rundfunk schreibe, bringt mir nur halb so viel ein, wie wenn ich die gleiche Sendung für den Westdeutschen Rundfunk schreibe. Wie viel ist meine Arbeit nun wert? Misst der bayerische oder misst der westdeutsche Tarif genauer? Also, die Bezahlung hat mit meiner Arbeit nichts zu tun, sondern mit den unterschiedlichen Honorarordnungen der einzelnen Sendeanstalten. Und in den meisten anderen Fällen hängt die Bezahlung schlicht daran, welchen Preis man eben auf dem Markt für welche Arbeit erzielen kann. Fertig aus.

Es gibt überhaupt keinen rationalen Zusammenhang zwischen der geleisteten Arbeit und der Bezahlung. Das ist der geniale Schachzug des Kapitalismus. Der Kapitalismus hat sich mit einem Arbeitsethos verheiratet, das die Leute glauben macht, sie würden für den Wert ihrer Arbeit bezahlt. In Wahrheit richtet sich aber alles nach den Interessen und Möglichkeiten des Kapitals und nicht nach der Arbeit. Ich weiß, Akademiker verdienen mehr, weil sie ja ein teures Hochschulstudium bezahlen mussten, man werde mit dem höheren Verdienst für die teure Ausbildungszeit entschädigt. Toll, dann müssten ja Geisteswissenschaftler mit einem langen Studium mehr verdienen als Betriebswirtschaftler, die in vier Jahren durch ihre fälschlich „Studium“ genannte Ausbildung getrieben wurden. Nein, Akademiker werden nur deswegen besser bezahlt, weil sie durch ihre Ausbildung mehr Verhandlungsmacht haben: das, was sie machen können, können eben nicht alle, während die Arbeit von Ungelernten zur Not fast alle Menschen machen könnten. Naja, und manchmal werden sie auch aus überkommenem Dünkel höher bezahlt. Weil man meint, dass Geistarbeiter bessere Menschen sind als Handarbeiter – eine Perspektive, die uns leider schon die Ahnherren unserer abendländischen Kultur Platon und Aristoteles beigebracht haben, die alten Aristokraten.

Nein, wenn die Bezahlung einen rationalen Bezug zu der geleisteten Arbeit hätte, dann müssten, diesen Vorschlag brachte der Philosoph Walter Pfannkuche ein, die am meisten bekommen, die die unangenehmste und gesundheitsschädlichste Arbeit auf sich nehmen. Und die, die eine erfüllende Arbeit haben, in der sie sich selber wiederfinden, die müssten nicht so großzügig kompensiert werden. Aber weil dann der Ansturm auf die Posten bei der städtischen Müllabfuhr zu groß würde, glauben wir lieber, dass wir gemäß unserer Leistung bezahlt werden. In diesem Sinne: Tun Sie heute was für Ihr Geld.

SWR 2 Fünf vor Sechs / 27.9.2007


Stichworte:
Arbeit, Geld, Kapitalismus