Leistung und Gnade.

Der Kapitalismus hat es einer berühmten Analyse von Max Weber zufolge nur deswegen so weit gebracht, weil er sich mit dem protestantischen Arbeitsethos verheiratet hat. Da kam zusammen, was nun wirklich nicht zusammengehört. Aber, das muss ich am eigenen Leibe erleben, es kommt nicht immer so, wie man das vernünftigerweise erwarten sollte, sondern es kommt manchmal so dermaßen unvernünftig und an der Sache vorbei, dass auch ich Hörfunkautor immer wieder meiner protestantisch-preußischen Erziehung erliege.

Mein Vater war der letzte aufrechte Beamte des untergehenden Nordrheinwestfälischen Reiches, also sagen wir ruhig: der Westprovinzen Preußens. Er hat noch gearbeitet, weil er es als seine Pflicht ansah. Die Anstellung an einer Hochschule bedeutete ihm nicht akademische Freiheit, sondern die Pflicht gegen den Unverstand der Studenten anzukämpfen wie Siegfried gegen den Drachen. Eine solche Erziehung prägt. Auch ich habe wohl das Pflichtgefühl geerbt, eine Arbeit, die ich tue, gut zu machen. Egal, ob das jemand merkt oder nicht. Wobei ich das immer schade finde, wenn es keiner merkt.

Aber was hat das mit Protestantismus zu tun? Max Weber sagt: Weil die Calvinisten glauben, der irdische Erfolg spiegele den Erfolg im Himmel. So ein Unsinn, das glaube ich doch überhaupt nicht und fühle mich trotzdem meiner Arbeit verpflichtet. Und unter uns Pfarrerstöchtern: diese These von Max Weber wird entsetzlich überschätzt.

Max Weber hatte den falschen Reformator auf dem Kieker. Statt des Schweizers Johannes Calvin war es doch der deutsche Martin Luther. Der sagte gegen all die vermeintlich frommen Leistungen, mit denen die Menschen des Mittelalters Gott zu gefallen suchten: Es ist die Gnade Gottes allein, die euch rechtschaffen sein lässt. Nicht euer Tun. Und da sich das fromme Tun besonders in der Höherbewertung der geistlichen Stände zeigte – also Priester, Mönche und Nonnen galten als die, die besonders wohlgefällig lebten – deswegen setzte Luther seine Provokation dagegen. Alle Arbeit ist Gott gleich wohlgefällig. Auch der weltliche Beruf kann eine Berufung von Gott sein. Und so kam es. Die Menschen fühlten sich nicht mehr nur ihrem Arbeitgeber gegenüber verantwortlich, sondern Gott selbst, der sie ja in diesen Beruf berufen hatte. Also musste man es recht machen. Und das Arbeiten und Abmühen an sich wurde zum Ausweis der Rechtschaffenheit. Das höchste Lob für eine schwäbische Hausfrau ist, wenn man ihr sagt, dass sie geschafft aussieht. So wurde das lutherische Arbeitsethos zum Kollateralschaden der Reformation. Denn es desavouierte die Losung der Reformation, wonach der Mensch Gottes Gnade zugesagt bekommt unabhängig von dem, was er leistet. Die Pointe wurde geradezu verkehrt.

Und wenn man die Menschen nicht nach ihrem Glaubensbekenntnis, sondern nach ihrem praktischen Lebensvollzug beurteilt, dann stimmt das nicht hoffnungsvoll, dann muss man den Verdacht haben, die Botschaft der Reformation ist an ihren eigenen Risiken und Nebenwirkungen zugrunde gegangen. Die Nebenwirkungen waren offensichtlich gesellschaftskompatibler als die zentrale Botschaft von der Gnade. Denn die wäre eine einzige, großartige Umwertung der Werte der Leistungsgesellschaft. In der Leistungsgesellschaft werden die Menschen zwar nicht nach ihrer Leistung bezahlt, aber nach ihrer vermeintlichen Leistung bewertet. Und am schlimmsten: sie bewerten sich auch selber danach. Dazu werden schon die kleinen Menschen in der Schule erzogen. Das ist ein Einser-Schüler, das ein Vierer-Kandidat. Die Note unter einer Klassenarbeit wird zum Prädikat für den ganzen Menschen.

Dagegen: Alles Gnade, dein Wert hängt nicht an dem, was du leistest oder leisten kannst – wer das ernsthaft vertritt, der muss sich vorwerfen lassen, die gesellschaftliche Arbeitsmoral zu untergraben. Stattdessen werden hierzulande die Menschen mit der internalisierten Pflicht und dem wirtschaftlichen Zwang zur Produktivität getrieben. Dass freie Gnade freie Menschen gebiert – wer will das schon glauben?

SWR 2 Fünf vor Sechs / 28.9.2007

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Max Weber