Verschleierte Macht auf dem Markt.

Drei Bauunternehmer konkurrieren um einen Bauauftrag: Jeder hat ein Angebot für den ausgeschriebenen Auftrag unterbreitet. Der Bauherr könnte den günstigsten auswählen – könnte er. Er bestellt aber alle drei Unternehmer ein, den der das teuerste Angebot gemacht hatte zuerst: „Ich würde ja gerne mit Ihnen zusammen arbeiten“, sagt der Bauherr, „wir haben gute Erfahrungen mit Ihnen gemacht, Sie arbeiten zuverlässig, aber das Geld: Der Bauunternehmer XY ist günstiger.“ So wird der Bauherr den Unternehmer mit dem teuersten Angebot unter das günstigste Angebot drücken. Das selbe tut er mit dem zweiten Unternehmer unter das nun neue günstigste Angebot. Und zum Schluss wird der noch gedrückt, der ohnehin schon das günstigste Angebot abgeliefert hatte.
Wer das viele Geld vergibt, das andere unbedingt haben wollen, hat Macht, die er in der Regel auch einsetzt. Der Unternehmer, der den Auftrag schließlich bekommen hat, ist unter Umständen unter die Schmerzgrenze gegangen, bei der der Auftrag für ihn noch profitabel gewesen wäre. Was bleibt ihm übrig? Er wird seinerseits seine Sub-Unternehmer drücken, die das schon gewohnt sind und deswegen günstige Schwarzarbeiter, vielleicht auch illegale Migranten, am Bau arbeiten lassen, damit sie überhaupt mit den ruinösen Preisen mithalten können.

In der wirklichen Wirtschaftswelt treffen immer Akteure aufeinander, die unterschiedlich mächtig sind. In den Modellen der Wirtschaftstheorie aber wird nur selten über Macht geredet, dort gelten ideale Bedingungen, weswegen es oft zu schönen Gleichgewichten kommt – alles pegelt sich zum Guten ein: Dort würde man die beschriebene Verhandlung unter der Rubrik verbuchen: Der günstigste Preis setzt sich durch. Das klingt gut, und wird von den Wirtschaftswissenschaftlern ja oft mit der Betonung versehen, dass das für die Konsumenten – also die Allgemeinheit – gut sei, wenn die Unternehmen gezwungen würden, günstig zu produzieren. Nun ist aber der Kunde im Falle des Baus ein Bauherr und nicht die Allgemeinheit. Der Bauherr zeichnet sich dadurch aus, dass er Kapital hat, also vielleicht hat er einen entsprechenden Beteiligungs-Fonds an seiner Seite. Mit anderen Worten, die Allgemeinheit, die in seinem Fall profitiert, sind die Kapitalgeber, also Leute die so viel Geld haben, dass sie es in ein Bauvorhaben investieren können. Diejenigen, die nicht profitieren, sind die, deren Lohn gedrückt wird, bzw. die durch Schwarzarbeit ausgebootet werden. Also liegt die Macht in der Wirtschaft oftmals nicht bei den vielen Kleinen, sondern bei den Wenigen, die viel Kapital investieren können.

Das bestätigt sich auch, wenn die Kunden keine Kapitalgeber sind. Ausgehend von der Fiktion, dass produziert werde, was die meiste Nachfrage generiere, wird von der Macht der Konsumenten geredet. Wenn die etwas haben wollten, werde es auch – günstig – produziert. Auch hier kommt aber das Wohl der Allgemeinheit nur zum Zuge, wenn auch alle gleich viel Geld haben. Da aber unter den Konsumenten das Geld – weltweit gesehen – erschreckend ungleich verteilt ist, ist es für ein Pharma-Unternehmen oftmals günstiger Pillen gegen Herz-Kreislaufbeschwerden zu produzieren als Malaria-Medikamente. Zwar wäre der Markt an Malaria-Kranken an Zahl groß – jährlich sterben über eine Millionen Menschen an dieser Krankheit – aber all diese Kranken sind nicht groß an Zahlkraft. Das Globale Forum für Gesundheitsforschung in der Schweiz hat dafür den Begriff des 10-90-Lücke geprägt: Dies besagt, dass nur – sehr grob gesprochen – 10% der globalen Medizin-Forschung sich auf 90% der weltweiten Belastungen durch Krankheit beziehen. Es wird also das erforscht und produziert, wofür es mehr Geld gibt, nicht das, wovon die meisten Menschen einen Nutzen haben.

Macht liegt im Kapitalismus, der Name verrät es, beim Kapital. Da dieses sehr ungleich verteilt ist, profitieren in der kapitalistischen Wirtschaft die Menschen sehr ungleich vom Marktgeschehen. Diese einfache Wahrheit wird gerne verschleiert, weil es demokratie-kompatibler klingt, wenn die Mehrheit immer am längeren Hebel sitzt.

SWR 2 Fünf vor Sechs / 11.2.2009


Stichworte:
Macht, Neoliberalismus