Dämonische Macht - Macht im System.

Es gibt so Situationen, wo jeder weiß, dass es ein Irrsinn ist. Und doch steigt keiner aus, mit der Ausrede, es ginge nicht anders. Das ist zum Beispiel beim Flugverkehr so: Jeder weiß, dass das viele Fliegen umweltschädlich ist, aber dennoch sind die Flieger voll, weil die Preise so günstig sind. Das System von dezentralen Flughäfen, günstigen Preisen, erweitertem Angebot an Flugstrecken und sicher auch gewachsenen Ansprüchen an Urlaubsreisen – all das erzeugt voraussagbare Handlungen. Obwohl jeder für sich selber entscheidet, entscheidet sich doch offensichtlich eine Mehrheit der Menschen, wie es vom System vorgegeben ist.

Es gibt systemische Zwänge, die Macht über die einzelnen Menschen haben. Aber sind die Systeme nicht von Menschen geschaffen? Die Fluglinien reagieren doch nur auf die Wünsche der Konsumenten. Das mag sein, obwohl es meistens schwer zu entscheiden ist, wer hier wen antreibt: Reagieren die Fluglinien mit ihrem Angebot auf die Nachfrage oder schaffen sie mit ihren Angeboten überhaupt erst eine entsprechende Nachfrage? Wie auch immer: Dass Systeme von Menschen geschaffen sind, besagt nicht, dass sie keine Macht über den Einzelnen haben. Das Symbol für solche Prozesse ist Goethes Zauberlehrling, der wohl die Besen zum Arbeiten kriegen konnte, aber nicht die Formel für den Stillstand wusste: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los.“ Die Frage ist also, ob die von Menschen gemachten Systeme noch von Menschen nach vernünftigen Gesichtspunkten steuerbar sind. Und wenn ja, wer könnte das tun?

Vor gut einem Jahr war die Empörung groß als der Handyhersteller Nokia, ankündigte, sein profitables Werk in Bochum zu schließen zugunsten eines günstiger subventionierten Standortes in Rumänien: Die Politiker und Journalisten überboten sich gegenseitig in Schuldzuweisungen an die gierigen Manager aus dem eiskalten Finnland. Aber wer ist an der Misere schuld? Die Manager von Nokia haben nach einer wirtschaftlichen Rationalität gehandelt: Sie wurden durch Subventionen an den Standort Bochum gelockt und sind nun dorthin weiter gezogen, wo – ebenfalls durch EU-Subventionen gestützt – größere Gewinne winken. Die größeren Gewinne brauchen sie als börsennotiertes Unternehmen, um die gestiegenen Renditeerwartungen der Anleger zu befriedigen bzw. nicht aufgekauft zu werden. Eher schon kann man den Politikern einen Vorwurf machen, die für das Subventionsregime verantwortlich sind. Warum waren die Subventionen nicht an eine längere Standortsicherung gebunden? Aber folgen die Politiker nicht auch nur einer Logik des Standortwettbewerbes: Wäre Ihr Standort zu unattraktiv, wäre Nokia gar nicht erst gekommen. Wodurch wurde der Staat eigentlich zum „Wettbewerbsstaat“? Und vor allem: Warum sind die Renditeerwartungen derart gestiegen?

Den Tanker können weder Nokia, noch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers noch die Bochumer Arbeiter steuern. Sie stehen unter Zwängen, die sie alle nur marginal beeinflussen können. Das System der Weltwirtschaft resultiert aus vielen – freilich immer schon im Kontext eines Systems getroffenen – Entscheidungen. Das System wird immer komplexer, dadurch wird die politische Steuerung immer schwieriger. Der Versuch dazu wäre heutzutage wohl nur noch auf globaler Ebene möglich.

Dass alle Gewalt, also Macht, vom Volke ausgeht, dieses Versprechen des Grundgesetzes ist schon längst zur historischen Anekdote verkommen, die im Mai wieder gefeiert werden darf. Glauben kann man das nicht mehr. Der Unterschied zu früher, als ein Herrscher die Macht hatte, ist nun, dass keiner mehr da ist, der die Macht hat. Die Macht hat uns – das allein scheint gewiss. Das zu verstehen, könnte aber weiterhelfen; jedenfalls würde es weitertragen als billige Schuldzuweisungen an gierige Manager. Nur wenn die Macht nicht mehr verschleiert wird, wenn sie – möglichst genau, in ihrer Komplexität – erkannt und beschrieben wird, dann kann sie auch bearbeitet und ihr Einfluss begrenzt werden.

SWR 2 Fünf vor Sechs / 12.2.2009


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Macht, System, Systemzwang