Die Macht nehm' ich mir.
Keine Macht für Niemand – das sangen Ton Steine Scherben in den Siebzigern. Da wurde die Anarchie zum letzten Mal furios gefeiert. Heute will man statt keine Macht für Niemand, Macht für alle: empowerment heißt das dann, weil die deutsche Übersetzung „Ermächtigung“ doch arg üble Assoziationen auslöst. empowerment ist zu einem beliebten Schlagwort in der Kulturtheorie und den angrenzenden sozialpädagogischen Handlungsfeldern geworden: Die Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ihre Geschicke selber zu bestimmen. Doch freilich impliziert das Wort Ermächtigung/empowerment – zumindest im Munde eines Sozialpädagogen – immer noch einen Mächtigen, der einem anderen Macht verleiht oder ihm hilft, selber mächtig zu werden. Die Helfer wollen nicht, dass andere auf ihre Dienste so ganz verzichten können, weil sie dann ja auch arbeitslos wären.
Wie es aber keinen Weg zum Frieden gibt, außer den Frieden selbst, so gibt es wohl auch keinen anderen Weg, seine Geschicke selber in die Hand zu nehmen, als eben dieses zu tun. Die, die unter Macht leiden, sollten nicht auf die mächtigen Helfer warten, sondern müssen sich ihre Freiräume selber erstreiten – einzeln oder vereint, leichter geht es vereint. Sei es, dass sie den Systemen über ihnen kleine Verbesserungen abtrotzen, sei es, dass sie die Nischen und Freiräume in den Lücken der Systeme ausbauen.
„Die ‚Idee’ blamierte sich immer, soweit sie von dem ‚Interesse’ unterschieden war“, so sagte es mal der Altmeister der materialistischen Geschichtsbetrachtung, der in diesen Zeiten wieder zu Ehren kommende Karl Marx. Hehre Ideale, die die Interessen der Menschen nicht berücksichtigten, die würden scheitern. Marx hatte damit all die Gutmenschen auf dem Kieker, die mit ihren Ideen die Welt retten wollten. Das funktioniere nicht, es brauche vielmehr Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgten – und so die Welt änderten. Marx war guter Dinge, dass die Klasse, die nichts zu verlieren habe außer ihren Ketten, die wahrhaft revolutionäre Klasse sei, die beim Kampf für Ihre eigenen Interessen die Welt zum Besseren verändere.
Nun, die Rechnung ging aus verschiedenen Gründen nicht auf. Die Geschichte ist dabei nicht frei von ironischen Volten – wer wüsste das besser als Karl Marx: Bis heute passiert es immer wieder, dass Menschen gegen ihre objektiven Interessen den Stimmzettel ausfüllen. Oder schlimmer noch: Ihre Interessen nicht verteidigen und sich in das vermeintlich Alternativlose schicken, oder – am allerschlimmsten – auf den Mächtige warten, der sie von all dem Elend erlöst. Man müsste Marx also vielleicht von Zeit zu Zeit so aktualisieren: Das Interesse blamiert sich immer, soweit es gar keine Idee davon hat, dass es selber die entscheidende Größe ist.
Die, die von den Macht-Systemen am meisten profitieren, die haben das ganz gut verstanden, sie verfolgen relativ unsentimental ihre Interessen. Sie sind auch gut organisiert: „brüderlichkeit herrscht / unter den wölfen; / sie gehen in rudeln“ dichtete Hans Magnus Enzensberger als er noch jung und wild war. Mit den Lämmern aber, mit denen, die unter den herrschenden Systemen leiden, ging der Dichter hart ins Gericht: „gelobt sein die räuber: ihr / einladend zur vergewaltigung / werft euch aufs faule bett / des gehorsams, winselnd noch / lügt ihr, zerrissen / wollt ihr werden, ihr / ändert die welt nicht.“
Ändern würden nur die etwas, die sich die Macht nehmen ihr Leben selber zu gestalten. Dann aber bekommen sie die höheren Mächte zu spüren – das freilich schon. Der französische Philosoph Michel Foucault hat das vorausgesagt: Macht werde sichtbar an denen, die die Macht erleiden und sich dagegen wehren. Wir werden den höheren Mächten immer nur kleine Inseln abtrotzen und graduelle Verbesserungen erreichen, wenn wir uns unseres eigenen Lebens bemächtigen. Aber dann blitzt hier und da die Freiheit auf, denn so kann man die Macht über das eigene Leben auch nennen.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 13.2.2009
Wie es aber keinen Weg zum Frieden gibt, außer den Frieden selbst, so gibt es wohl auch keinen anderen Weg, seine Geschicke selber in die Hand zu nehmen, als eben dieses zu tun. Die, die unter Macht leiden, sollten nicht auf die mächtigen Helfer warten, sondern müssen sich ihre Freiräume selber erstreiten – einzeln oder vereint, leichter geht es vereint. Sei es, dass sie den Systemen über ihnen kleine Verbesserungen abtrotzen, sei es, dass sie die Nischen und Freiräume in den Lücken der Systeme ausbauen.
„Die ‚Idee’ blamierte sich immer, soweit sie von dem ‚Interesse’ unterschieden war“, so sagte es mal der Altmeister der materialistischen Geschichtsbetrachtung, der in diesen Zeiten wieder zu Ehren kommende Karl Marx. Hehre Ideale, die die Interessen der Menschen nicht berücksichtigten, die würden scheitern. Marx hatte damit all die Gutmenschen auf dem Kieker, die mit ihren Ideen die Welt retten wollten. Das funktioniere nicht, es brauche vielmehr Menschen, die ihre eigenen Interessen verfolgten – und so die Welt änderten. Marx war guter Dinge, dass die Klasse, die nichts zu verlieren habe außer ihren Ketten, die wahrhaft revolutionäre Klasse sei, die beim Kampf für Ihre eigenen Interessen die Welt zum Besseren verändere.
Nun, die Rechnung ging aus verschiedenen Gründen nicht auf. Die Geschichte ist dabei nicht frei von ironischen Volten – wer wüsste das besser als Karl Marx: Bis heute passiert es immer wieder, dass Menschen gegen ihre objektiven Interessen den Stimmzettel ausfüllen. Oder schlimmer noch: Ihre Interessen nicht verteidigen und sich in das vermeintlich Alternativlose schicken, oder – am allerschlimmsten – auf den Mächtige warten, der sie von all dem Elend erlöst. Man müsste Marx also vielleicht von Zeit zu Zeit so aktualisieren: Das Interesse blamiert sich immer, soweit es gar keine Idee davon hat, dass es selber die entscheidende Größe ist.
Die, die von den Macht-Systemen am meisten profitieren, die haben das ganz gut verstanden, sie verfolgen relativ unsentimental ihre Interessen. Sie sind auch gut organisiert: „brüderlichkeit herrscht / unter den wölfen; / sie gehen in rudeln“ dichtete Hans Magnus Enzensberger als er noch jung und wild war. Mit den Lämmern aber, mit denen, die unter den herrschenden Systemen leiden, ging der Dichter hart ins Gericht: „gelobt sein die räuber: ihr / einladend zur vergewaltigung / werft euch aufs faule bett / des gehorsams, winselnd noch / lügt ihr, zerrissen / wollt ihr werden, ihr / ändert die welt nicht.“
Ändern würden nur die etwas, die sich die Macht nehmen ihr Leben selber zu gestalten. Dann aber bekommen sie die höheren Mächte zu spüren – das freilich schon. Der französische Philosoph Michel Foucault hat das vorausgesagt: Macht werde sichtbar an denen, die die Macht erleiden und sich dagegen wehren. Wir werden den höheren Mächten immer nur kleine Inseln abtrotzen und graduelle Verbesserungen erreichen, wenn wir uns unseres eigenen Lebens bemächtigen. Aber dann blitzt hier und da die Freiheit auf, denn so kann man die Macht über das eigene Leben auch nennen.
SWR 2 Fünf vor Sechs / 13.2.2009



