Die Sünde und das Kapital.
Zinsgegner streiten mit linken Globalisierungskritikern.
„Da unser Herr und Freund Jesus Christus spricht: ‚Ihr sollt leihen, auch wo ihr nichts dafür erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein etc.’ (Lukas 6,35), wollte er, dass Christen keine Zinsen nehmen.“ So apodiktisch kommt die erste der 9,5 Thesen gegen Wachstumszwang und für ein christliches Finanzsystem daher. Vier Christenmenschen haben diese Thesen am 30. Oktober letzten Jahres an die Paulskirche in Frankfurt gehängt. So apodiktisch kommen christliche Stellungnahmen zum Zins selten daher: Einfach der Verweis auf die Bibelstelle, die schon der ganzen mittelalterlichen Theologie als Beleg für das Zinsverbot galt. Dieser Stil ist gewollt. Thomas Ruster, Theologieprofessor in Dortmund und einer der vier Thesenanschläger, meint: „Christen sollen das tun, nicht so sehr aus guten Gründen, die es natürlich auch gibt, sondern Christen tun es in erster Linie, weil sie Christen sind, und damit tun sie es aus Liebe zu Gott oder andersherum gesagt: aus Gehorsam gegen Gott.“
Normalerweise wird im kirchlichen Kontext, wenn das alte Zinsverbot überhaupt eine Rolle spielt, darauf verwiesen, dass es sich zur Zeit Jesu und zu den Zeiten des mosaischen Zinsverbotes um Konsumkredite gehandelt habe, die in Not gekommene Bauern in Anspruch genommen hätten. Die hätten leicht durch hohe Zinsen in den Ruin beziehungsweise die Schuldknechtschaft getrieben werden können. Heute aber gehe es doch um Produktivkredite, mit denen Unternehmen gute Gewinne erwirtschafteten, von denen sie billigerweise den Geldgebern einen Zins geben könnten.
Aber das Unbehagen am Zins, auch und gerade in der kapitalistischen Wirtschaft, ist damit nicht aus der Welt zu schaffen: Zu offensichtlich haben sich die Vermögenswerte auf Kosten der Löhne vermehrt – zumal in Deutschland. Und die akkumulierten Vermögen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – sind ein wesentlicher Grund für die derzeitige Finanzkrise. Das Geldvermögen, das seine Besitzer selbstverständlich „arbeiten“ lassen wollen, suchte sich profitable Anlagemöglichkeiten und fand sie in der Verschuldungsfähigkeit amerikanischer Haushalte – bis die Immobilienblase platzte. So liefert die dritte der 9,5 Thesen die „guten Gründe“, also die wirtschaftliche Erklärung: „Zins und Zinseszins lassen Geldvermögen wachsen und setzen die Wirtschaft unter permanenten Wachstumszwang. Die Vermögenszuwächse der einen müssen von den anderen erwirtschaftet werden. Armut und Reichtum nehmen durch den Zins gleichermaßen zu. Zinswachstum ist exponentielles Wachstum, das zwangsläufig zur Entstehung und zum Platzen von spekulativen Blasen führt.“
Gegen diesen Wachstumszwang gelte es nun ein prophetisches Zeichen zu setzen, so die Thesenanschläger: Die Kirchen könnten doch eine eigene zinsfreie Währung in Geltung setzen. Diese Idee ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt in Deutschland rund 28 Regionalwährungen und viele weitere in der Planung: Dort werden, meist 1:1 an den Euro gekoppelt, phantasievolle Geldnoten ausgebeben, mit denen man dort bezahlen kann, wo sie akzeptiert werden. Die Idee dahinter ist, dass das Geld in der Region bleiben und heimische Betriebe unterstützen soll. Außerdem „rosten“ die meisten Regionalgelder, das heißt, sie verlieren nach einer bestimmten Zeit ein oder zwei Prozent an Wert; ein zusätzlicher Impuls, dass das Geld auch ausgegeben und nicht gehortet wird.
Die Kirchenwährung würde also dieses Konzept aus der regionalen Nische in einen Sektor der Gesellschaft holen, eben den der Kirche. Freilich käme dann der Gedanke der regionalen Wirtschaftsförderung nicht mehr zum Tragen, der für viele Menschen das Regionalgeld plausibel macht. Es bliebe der Gedanke des zinsfreien, beziehungsweise des „rostenden“ Geldes. Diesen Aspekt werden die meisten Regiogeld-Nutzer freilich bisher kaum gespürt haben. Sie tauschen in der Regel soviel Regionalgeld ein, wie sie für den Einkauf in den Läden, die das Geld akzeptieren, brauchen. Das Regiogeld ersetzt also das Bargeld im Portemonnaie, für das es ohnehin keine Zinsen gibt. Ob die Idee einer symbolischen oder, wenn man will, auch prophetischen Alternative zum gegenwärtigen Finanzsystem so viele Menschen im Raum der Kirche anzieht, dass genug Konsumenten und Produzenten für ein Kirchenwährungsprojekt zusammenkommen, wird sich zeigen. Eine kirchliche Bank soll bereits signalisiert haben, dass es kein Problem sei, einen eigenen Geldkreislauf mit der neuen Währung neben der alten zu etablieren.
Um die Idee den Christen weiter schmackhaft zu machen, verweisen die vier Zinskritiker auf die Geschichte: „Epochen einer zinsfreien Wirtschaft waren Zeiten gelungener gesellschaftlicher Reichtumsverteilung und kultureller Blüte. Zeiten unter dem Zinssystem führten zur wirtschaftlichen Dynamik, zugleich aber zur Auseinanderentwicklung von arm und reich und zur strukturellen Sünde gegen Mensch und Natur.“ Der Theologe Thomas Ruster malt dazu das Bild eines zinsfreien Mittelalters als Beleg dafür, dass das Zinsverbot ja „1500 Jahre lang funktioniert hat“. Erst mit dem Aufweichen des Zinsverbotes am Ende des Mittelalters habe der Kapitalismus Fahrt aufgenommen - dies aber vornehmlich in evangelischen Ländern Europas. Im katholischen Barock sieht Ruster einen anderen Weg in die Moderne und eine „andere Art von Geldwirtschaft“: Dort sei die Kirche ein wesentlicher Kreditgeber gewesen, der zu mäßigen Zinssätzen, „immer unter fünf Prozent“, Geld verliehen habe. Anders als in den kapitalistischen Kernregionen jener Zeit habe man in den katholischen Ländern das Geld nicht gehortet und gewinnbringend investiert, sondern großzügig verschwendet wie die aufwändigen Bauten des Barock belegten. Die andere Geldwirtschaft habe also eine reiche und prächtige Kultur beschert, die erst mit der Französischen Revolution und der Säkularisation zu Ende gegangen sei.
Das Zinsverbot in solch einer prominenten historischen Rolle scheint freilich etwas überzeichnet. Denn erstens war das Mittelalter trotz dem von der Kirche ausgesprochenen Zinsverbot keine zinsfreie Zeit. Seit dem Aufblühen der Städte und des Handels gab es auch eine Hochfinanz, die Fürsten und Päpste mit Geld gegen Zinsen versorgte. Der Aufschwung des Handels hängt ebenfalls mit der Verfügbarmachung von Kapital zusammen, was den Zins immer mit einschloss, auch wenn es Möglichkeiten gab ihn zu kaschieren. Nicht zu reden von den Juden und Lombarden, die ebenfalls Geld gegen Zins verleihen durften – auch wenn dies ein verachtenswertes Geschäft blieb.
Auch der Aufschwung des Kapitalismus in der frühen Neuzeit hängt ursächlich wohl weniger am Aufweichen des Zinsverbotes, als an vielem anderen – zum Beispiel an der Verfügbarkeit von Kapital durch die Ausbeutung von europäischen und überseeischen Edelmetallvorkommen, oder auch an der Bevölkerungsentwicklung nach den Pestepidemien im 14. Jahrhundert. Und für die aufwändigen Barockkirchen haben die Bauern in den agrarisch-feudal strukturierten Ländern Italien und Spanien nach alter Väter Sitte ihren Zehnten gezahlt. Statt Geldinvestitionen Zehntabgaben – soll das ein Ideal sein?
Elmar Altvater, Politologieprofessor aus Berlin und einer der Vordenker der globalisierungskritischen Linken, fasst das Thema ausgehend vom historischen Befund noch allgemeiner: Nicht der Zins erzwinge das Wachstum, vielmehr habe das Wachstum der Wirtschaft überhaupt erst das Zinsnehmen ermöglicht, denn letztlich müsse der Zins ja durch die Arbeit der Menschen erwirtschaftet werden. Der Zins sei zwar auch ein Wachstumsstimulans, weil die Unternehmer die Bedienung der Zinsen in ihre Gewinnkalkulation einrechnen müssten, aber nicht das wesentliche Problem. Es komme vielmehr darauf an, wie in der Wirtschaft ein Gewinn erarbeitet und verteilt werde.
Dass Altvater auf die Vorschläge der 9,5 Thesen reagierte, war das Verdienst des Katholisch-Sozialen Instituts in Bad Honnef, das Anfang Februar christliche Zinskritiker und linke Globalisierungskritiker auf ein Podium gebracht hatte. Bisher waren sich Zinskritiker und marxistisch inspirierte Linke aus dem Weg gegangen – zu verschieden schienen die theoretischen Grundpositionen, zu schwer wogen manche Vorwürfe, wie die, die Zinskritik arbeite antisemitischen Stereotypen vor. Auch wenn es diesmal sachlich auf dem Podium zuging, inhaltlich blieben die Anfragen bestehen: Altvater verwies auf einen Widerspruch in der Theorie des Vordenkers der Zinskritik, Silvio Gesell: „Auf der einen Seite ist Zins schlecht und stimuliert Wachstum, und Wachstum ist nicht mir einer natürlichen Wirtschaftsordnung in Übereinstimmung zu bringen.“ Auf der anderen Seite wolle Gesell mit seiner Idee eines negativen Zinses, also einer Gebühr für die Hortung des Geldes, die Zirkulation beschleunigen, was dann neues Wachstum generiere.
Diesen Zusammenhang kann man auch an der Politik der Zentralbanken verfolgen: Niedrige Zinsen machen Kredite billig und sollen Investitionen und Wachstum fördern. Darauf wies auf der Honnefer Tagung der Physiker und Publizist Harald Klimenta vom wissenschaftlichen Beirat von attac zu Recht hin. Über zinsfreies Geld freuten sich die Investoren, die deswegen nicht auf Gewinne verzichteten und das Wachstum bremsten. Sollte es den Kapitalbesitzern verboten sein, formal Zinsen zu nehmen, so Klimenta weiter, werde das Geld in andere Finanzprodukte gesteckt. Man kann dem noch hinzufügen, dass schon heute Zinsgewinne für Kapitalbesitzer nicht das Gros der Gewinne ausmachen; viel wichtiger sind Gewinne durch Kauf und Verkauf an der Börse – also der Handel mit Aktien und Finanzderivaten. Außerdem wies Klimenta darauf hin, dass sich Wachstumszwänge aus der Konkurrenzsituation auf dem Markt ergäben; der Markt aber zu selten von den Zinskritikern problematisiert werde.
So ist es wohl fraglich, ob eine zinsfreie Währung wirklich der entscheidende Schritt zur Überwindung des Wachstumszwanges wäre. Aber vorerst müssen die Zinskritiker ja auch nicht die Welt retten, sondern schauen, ob sie genug Menschen für eine Kirchenwährung begeistern können. Die soll dann nach dem Willen von Thomas Ruster eine Irritation unseres Wirtschaftsystems sein und eine Herausforderung an die Kirchen, sich über ihre eigene Verwicklung in das bestehende System Rechenschaft abzulegen. Denn auch die kirchlichen Rücklagen „erarbeiten“ selbstverständlich marktübliche Zinsen, die über den Steigerungsraten des Bruttosozialproduktes liegen. So haben sie Anteil an der Umverteilung des Vermögens von den Lohnempfängern zu den Kapitalbesitzern. Da täte etwas Irritation wirklich Not.
Publik-Forum / 12.3.2010
Normalerweise wird im kirchlichen Kontext, wenn das alte Zinsverbot überhaupt eine Rolle spielt, darauf verwiesen, dass es sich zur Zeit Jesu und zu den Zeiten des mosaischen Zinsverbotes um Konsumkredite gehandelt habe, die in Not gekommene Bauern in Anspruch genommen hätten. Die hätten leicht durch hohe Zinsen in den Ruin beziehungsweise die Schuldknechtschaft getrieben werden können. Heute aber gehe es doch um Produktivkredite, mit denen Unternehmen gute Gewinne erwirtschafteten, von denen sie billigerweise den Geldgebern einen Zins geben könnten.
Aber das Unbehagen am Zins, auch und gerade in der kapitalistischen Wirtschaft, ist damit nicht aus der Welt zu schaffen: Zu offensichtlich haben sich die Vermögenswerte auf Kosten der Löhne vermehrt – zumal in Deutschland. Und die akkumulierten Vermögen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – sind ein wesentlicher Grund für die derzeitige Finanzkrise. Das Geldvermögen, das seine Besitzer selbstverständlich „arbeiten“ lassen wollen, suchte sich profitable Anlagemöglichkeiten und fand sie in der Verschuldungsfähigkeit amerikanischer Haushalte – bis die Immobilienblase platzte. So liefert die dritte der 9,5 Thesen die „guten Gründe“, also die wirtschaftliche Erklärung: „Zins und Zinseszins lassen Geldvermögen wachsen und setzen die Wirtschaft unter permanenten Wachstumszwang. Die Vermögenszuwächse der einen müssen von den anderen erwirtschaftet werden. Armut und Reichtum nehmen durch den Zins gleichermaßen zu. Zinswachstum ist exponentielles Wachstum, das zwangsläufig zur Entstehung und zum Platzen von spekulativen Blasen führt.“
Gegen diesen Wachstumszwang gelte es nun ein prophetisches Zeichen zu setzen, so die Thesenanschläger: Die Kirchen könnten doch eine eigene zinsfreie Währung in Geltung setzen. Diese Idee ist nicht so absurd, wie sie auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt in Deutschland rund 28 Regionalwährungen und viele weitere in der Planung: Dort werden, meist 1:1 an den Euro gekoppelt, phantasievolle Geldnoten ausgebeben, mit denen man dort bezahlen kann, wo sie akzeptiert werden. Die Idee dahinter ist, dass das Geld in der Region bleiben und heimische Betriebe unterstützen soll. Außerdem „rosten“ die meisten Regionalgelder, das heißt, sie verlieren nach einer bestimmten Zeit ein oder zwei Prozent an Wert; ein zusätzlicher Impuls, dass das Geld auch ausgegeben und nicht gehortet wird.
Die Kirchenwährung würde also dieses Konzept aus der regionalen Nische in einen Sektor der Gesellschaft holen, eben den der Kirche. Freilich käme dann der Gedanke der regionalen Wirtschaftsförderung nicht mehr zum Tragen, der für viele Menschen das Regionalgeld plausibel macht. Es bliebe der Gedanke des zinsfreien, beziehungsweise des „rostenden“ Geldes. Diesen Aspekt werden die meisten Regiogeld-Nutzer freilich bisher kaum gespürt haben. Sie tauschen in der Regel soviel Regionalgeld ein, wie sie für den Einkauf in den Läden, die das Geld akzeptieren, brauchen. Das Regiogeld ersetzt also das Bargeld im Portemonnaie, für das es ohnehin keine Zinsen gibt. Ob die Idee einer symbolischen oder, wenn man will, auch prophetischen Alternative zum gegenwärtigen Finanzsystem so viele Menschen im Raum der Kirche anzieht, dass genug Konsumenten und Produzenten für ein Kirchenwährungsprojekt zusammenkommen, wird sich zeigen. Eine kirchliche Bank soll bereits signalisiert haben, dass es kein Problem sei, einen eigenen Geldkreislauf mit der neuen Währung neben der alten zu etablieren.
Um die Idee den Christen weiter schmackhaft zu machen, verweisen die vier Zinskritiker auf die Geschichte: „Epochen einer zinsfreien Wirtschaft waren Zeiten gelungener gesellschaftlicher Reichtumsverteilung und kultureller Blüte. Zeiten unter dem Zinssystem führten zur wirtschaftlichen Dynamik, zugleich aber zur Auseinanderentwicklung von arm und reich und zur strukturellen Sünde gegen Mensch und Natur.“ Der Theologe Thomas Ruster malt dazu das Bild eines zinsfreien Mittelalters als Beleg dafür, dass das Zinsverbot ja „1500 Jahre lang funktioniert hat“. Erst mit dem Aufweichen des Zinsverbotes am Ende des Mittelalters habe der Kapitalismus Fahrt aufgenommen - dies aber vornehmlich in evangelischen Ländern Europas. Im katholischen Barock sieht Ruster einen anderen Weg in die Moderne und eine „andere Art von Geldwirtschaft“: Dort sei die Kirche ein wesentlicher Kreditgeber gewesen, der zu mäßigen Zinssätzen, „immer unter fünf Prozent“, Geld verliehen habe. Anders als in den kapitalistischen Kernregionen jener Zeit habe man in den katholischen Ländern das Geld nicht gehortet und gewinnbringend investiert, sondern großzügig verschwendet wie die aufwändigen Bauten des Barock belegten. Die andere Geldwirtschaft habe also eine reiche und prächtige Kultur beschert, die erst mit der Französischen Revolution und der Säkularisation zu Ende gegangen sei.
Das Zinsverbot in solch einer prominenten historischen Rolle scheint freilich etwas überzeichnet. Denn erstens war das Mittelalter trotz dem von der Kirche ausgesprochenen Zinsverbot keine zinsfreie Zeit. Seit dem Aufblühen der Städte und des Handels gab es auch eine Hochfinanz, die Fürsten und Päpste mit Geld gegen Zinsen versorgte. Der Aufschwung des Handels hängt ebenfalls mit der Verfügbarmachung von Kapital zusammen, was den Zins immer mit einschloss, auch wenn es Möglichkeiten gab ihn zu kaschieren. Nicht zu reden von den Juden und Lombarden, die ebenfalls Geld gegen Zins verleihen durften – auch wenn dies ein verachtenswertes Geschäft blieb.
Auch der Aufschwung des Kapitalismus in der frühen Neuzeit hängt ursächlich wohl weniger am Aufweichen des Zinsverbotes, als an vielem anderen – zum Beispiel an der Verfügbarkeit von Kapital durch die Ausbeutung von europäischen und überseeischen Edelmetallvorkommen, oder auch an der Bevölkerungsentwicklung nach den Pestepidemien im 14. Jahrhundert. Und für die aufwändigen Barockkirchen haben die Bauern in den agrarisch-feudal strukturierten Ländern Italien und Spanien nach alter Väter Sitte ihren Zehnten gezahlt. Statt Geldinvestitionen Zehntabgaben – soll das ein Ideal sein?
Elmar Altvater, Politologieprofessor aus Berlin und einer der Vordenker der globalisierungskritischen Linken, fasst das Thema ausgehend vom historischen Befund noch allgemeiner: Nicht der Zins erzwinge das Wachstum, vielmehr habe das Wachstum der Wirtschaft überhaupt erst das Zinsnehmen ermöglicht, denn letztlich müsse der Zins ja durch die Arbeit der Menschen erwirtschaftet werden. Der Zins sei zwar auch ein Wachstumsstimulans, weil die Unternehmer die Bedienung der Zinsen in ihre Gewinnkalkulation einrechnen müssten, aber nicht das wesentliche Problem. Es komme vielmehr darauf an, wie in der Wirtschaft ein Gewinn erarbeitet und verteilt werde.
Dass Altvater auf die Vorschläge der 9,5 Thesen reagierte, war das Verdienst des Katholisch-Sozialen Instituts in Bad Honnef, das Anfang Februar christliche Zinskritiker und linke Globalisierungskritiker auf ein Podium gebracht hatte. Bisher waren sich Zinskritiker und marxistisch inspirierte Linke aus dem Weg gegangen – zu verschieden schienen die theoretischen Grundpositionen, zu schwer wogen manche Vorwürfe, wie die, die Zinskritik arbeite antisemitischen Stereotypen vor. Auch wenn es diesmal sachlich auf dem Podium zuging, inhaltlich blieben die Anfragen bestehen: Altvater verwies auf einen Widerspruch in der Theorie des Vordenkers der Zinskritik, Silvio Gesell: „Auf der einen Seite ist Zins schlecht und stimuliert Wachstum, und Wachstum ist nicht mir einer natürlichen Wirtschaftsordnung in Übereinstimmung zu bringen.“ Auf der anderen Seite wolle Gesell mit seiner Idee eines negativen Zinses, also einer Gebühr für die Hortung des Geldes, die Zirkulation beschleunigen, was dann neues Wachstum generiere.
Diesen Zusammenhang kann man auch an der Politik der Zentralbanken verfolgen: Niedrige Zinsen machen Kredite billig und sollen Investitionen und Wachstum fördern. Darauf wies auf der Honnefer Tagung der Physiker und Publizist Harald Klimenta vom wissenschaftlichen Beirat von attac zu Recht hin. Über zinsfreies Geld freuten sich die Investoren, die deswegen nicht auf Gewinne verzichteten und das Wachstum bremsten. Sollte es den Kapitalbesitzern verboten sein, formal Zinsen zu nehmen, so Klimenta weiter, werde das Geld in andere Finanzprodukte gesteckt. Man kann dem noch hinzufügen, dass schon heute Zinsgewinne für Kapitalbesitzer nicht das Gros der Gewinne ausmachen; viel wichtiger sind Gewinne durch Kauf und Verkauf an der Börse – also der Handel mit Aktien und Finanzderivaten. Außerdem wies Klimenta darauf hin, dass sich Wachstumszwänge aus der Konkurrenzsituation auf dem Markt ergäben; der Markt aber zu selten von den Zinskritikern problematisiert werde.
So ist es wohl fraglich, ob eine zinsfreie Währung wirklich der entscheidende Schritt zur Überwindung des Wachstumszwanges wäre. Aber vorerst müssen die Zinskritiker ja auch nicht die Welt retten, sondern schauen, ob sie genug Menschen für eine Kirchenwährung begeistern können. Die soll dann nach dem Willen von Thomas Ruster eine Irritation unseres Wirtschaftsystems sein und eine Herausforderung an die Kirchen, sich über ihre eigene Verwicklung in das bestehende System Rechenschaft abzulegen. Denn auch die kirchlichen Rücklagen „erarbeiten“ selbstverständlich marktübliche Zinsen, die über den Steigerungsraten des Bruttosozialproduktes liegen. So haben sie Anteil an der Umverteilung des Vermögens von den Lohnempfängern zu den Kapitalbesitzern. Da täte etwas Irritation wirklich Not.
Publik-Forum / 12.3.2010



