Caritas holt Polinnen zur Pflege.

Volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für die EU-Beitrittsländer von 2004.

Was hatten die Menschen hierzulande Angst von billigen polnischen Arbeitern überschwemmt zu werden als Polen 2004 der EU beitrat. Aus Rücksicht auf solche Ängste gab es Beschränkungen für Arbeiter aus den neuen Beitrittsländern. Die fallen nun mit dem heutigen Tag weg. Kommen jetzt die Polen? Nein, sie sind längst schon da und machen die Arbeit, die hier in Deutschland keiner nach deutschen Standards bezahlen will. So auch im Bereich der Versorgung alter Menschen; Schätzungen zufolge arbeiten rund 100.000 ost- und mitteleuropäische Haushaltshilfen in Deutschland; überwiegend bei alten Menschen, die sich mit Hilfe einer osteuropäischen Frau das Altenheim ersparen. Ein grauer Markt mit legalen Beschäftigungen, Schwarzarbeit und vielen schwer überprüfbaren Arbeitsverhältnissen. Seit eineinhalb Jahren vermittelt sogar die Caritas polnische Haushaltshilfen. Christoph Fleischmann hat eine von Ihnen in Paderborn besucht:

O-Ton 1 Ratajczack
Also ich kümmere mich um Wohlbefinden von meinem Arbeitgeber und begleite ihn bei Spaziergängen und vorbereite Mahlzeiten, ja und einfach begleite.

Die 27-jährige Karolina Ratajczack aus Polen hilft im Haushalt eines leicht pflegebedürftigen alten Mannes.

O-Ton 2 Ratajczack
Diese Arbeit versichert mir einen festen Vertrag, Arbeitsvertrag und ich kann dabei auch meine Deutschkenntnisse vertiefen.

Karolina Ratajczack unterscheidet sich von der Mehrzahl osteuropäischer Haushaltshilfen in Deutschland; nicht nur weil sie studierte Deutschlehrerin ist, sondern auch, weil sie regulär nach deutschem Recht bei dem Mann angestellt ist, dem sie hilft. Zu Ihrem Bruttoeinkommen von 1372 Euro zahlt »ihr Arbeitgeber«, wie sie sagt, noch seine Anteile in die Sozialversicherungen. Die meisten Haushaltshilfen in Deutschland sind entweder bei polnischen Firmen angestellt und werden über Agenturen nach Deutschland vermittelt oder sie werden schwarz beschäftigt. Die Caritas in Paderborn wollte einen anderen Weg gehen, erklärt Hans-Werner Hüwel, der dort die Alten- und Krankenhilfe verantwortet:

O-Ton 3 Hüwel
Der Ausgangspunkt unseres Projektes ist eigentlich die Erfahrung gewesen, dass hier Familien angerufen haben in unseren Sozialstationen und gefragt haben: Wir brauchen jemand, der zu uns in den Haushalt zieht, kann man das über die Caritas bekommen oder gibt es da Kontakte? Und wir haben das in der Vergangenheit eigentlich immer abgewimmelt und abgewehrt und gesagt, das ist möglicherweise auch illegal und irgendwann haben wir uns dann auch die Frage gestellt: Wenn es da so einen Riesenbedarf gibt, müssen wir da als Caritas nicht reagieren und möglicherweise auch mal schauen, wie man das in ein System bringen kann, wo's einen fairen Interessenausgleich gibt zwischen den Interessen der Familien und den Interessen der Frauen.

Rund 1700 Euro kostet ein Arbeitsplatz die privaten »Arbeitgeber« anstatt 800 bis 1000 Euro für schwarz beschäftigte Haushaltshilfen. Und etwas Papierkram für eine Sondererlaubnis, die aber fällt nun zum 1. Mai weg. Die Caritas kostet es weniger Einsätze für Ihre Pflegedienste. Wenn die polnische Haushaltshilfe da ist, kommt zwar immer noch der ambulante Pflegedienst der Caritas, aber er kommt mitunter seltener als vorher. Aber das stört Hans-Werner Hüwel mit Blick auf den Fachkräftemangel in der Pflege nicht:

O-Ton 4 Hüwel
Mit so einer Reduktion unserer Angebote kann ich gut leben, weil wir ja mit Personal sowieso Probleme bekommen und ich davon ausgehe, dass wir in Zukunft sowieso nicht mehr alle Pflege-Anfragen versorgen können.

Der Sozialwissenschaftler Uwe Schacher untersucht für das Oswald von Nell-Breuning-Institut die Arbeitsbeziehungen von Osteuropäerinnen in deutschen Haushalten. Er sieht in dem Caritas-Modell einen Fortschritt, den Schattenbereich ungesicherter Arbeitsverhältnisse zu verringern. Schacher weist aber auf ein anderes Problem hin, eines das in den polnischen Familien entsteht durch die Abwanderung von Frauen:

O-Ton 5 Schacher
Viele Frauen, die hier arbeiten, sind in der Familie oft eingebunden mit Kindern, haben aber selbst auch ältere Herrschaften zu Hause, die sie natürlich auch versorgt wissen wollen. Und da entsteht dann so etwas wie ein – ich nenn es jetzt mal: Arbeitsmarkt-Domino-Effekt, wo man in Deutschland quasi die Fachkompetenz aus Polen absaugt und dann aber der Dominostein eins weiter fällt und dann Frauen aus der Ukraine diese Lücke in Polen dann auffüllen.

Hüwel von der Caritas in Paderborn sieht die Probleme in Polen. Die Haushaltshilfen für Paderborn werden in Kooperation mit der Caritas in Graudenz in Polen vermittelt:

O-Ton 6 Hüwel
Wir sind nach Polen gefahren und haben da mit den polnischen Caritas-Direktoren gesprochen und haben von denen gehört, sie gehen davon aus, dass die Frauen so oder so fahren, weil die wirtschaftliche Not eben da ist, dass die Familien sozusagen gar keine andere Möglichkeit haben. Und sie haben uns auch gesagt, dass die Frauen ein sehr hohes Interesse haben dann zu fahren, wenn die Caritas dahinter steht als sich in die Hände von illegalen oder halblegalen Vermittlungen oder den Vermittlungen mit dem Problem der Scheinselbständigkeit zu begeben.

Die junge Karolina Ratajczack muss keine Familie ernähren, sie spart das Geld, das sie in Deutschland verdient – aus Angst vor Arbeitslosigkeit:

O-Ton 7 Ratajczack
Eigentlich, ich spare Geld, falls mir in der Zukunft was passieren soll, habe ich diese Versicherung, dass ich immer über Geld verfüge und kann mich was leisten. So wie die Situation mit Arbeit jetzt in Polen aussieht, habe ich vorwiegend vor Arbeitslosigkeit Angst.

WDR 5 Diesseits von Eden / 1.5.2011


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Caritas, Gesundheit, Pflege, Polen