Schrumpft die Banken!

Antworten auf die Wirtschaftskrise von Hans Christoph Binswanger.

„Geld kann man nie genug haben“, so eine gängige Volksweisheit, die in diesen Tagen auf den Kopf gestellt wird. Denn obwohl allüberall Konjunkturprogramme geschnürt und Rettungsschirme für Banken aufgespannt werden – also neues Geld bereit gestellt wird, um die Krise zu meistern – so muss man doch sagen, dass die Finanzkrise nicht durch zu wenig, sondern durch zuviel Geld ausgelöst wurde.

Um das zu verstehen, muss man einige Denkgewohnheiten hinterfragen: Für Arbeitnehmer und Angestellte sieht es normalerweise so aus, als ob sie ihren Lohn quasi nachträglich für Ihre geleistete Arbeit bekommen. Und manche Bankangestellten glauben immer noch, dass ihre Banken Kredite vergeben mit dem Geld, das andere Kunden – z.B. die Arbeiter nach getaner Arbeit – bei ihnen eingelegt haben. Beides stimmt so nicht: Das Geld kommt im Produktionsprozess sachlogisch vor der Arbeit, und der Kredit kommt, so wunderlich es klingen mag, aus dem „Nichts“. In seinem im Jahr 2006 erschienenen opus magnum „Die Wachstumsspirale“ hat der Ökonom Hans Christoph Binswanger aus Sankt Gallen eine neue Wirtschaftstheorie vorgelegt: Er tritt an, besser als die vorherrschende neoklassische Wirtschaftslehre, das Wachstum der Wirtschaft zu erklären. Den Schlüssel dafür findet er in der Dynamik des Geldes.

Ein Unternehmer, der etwas herstellen will, braucht Geld, um Arbeit, Maschinen und Rohstoffe kaufen zu können. Mit der Bereitstellung von Geld durch die Banken fängt für Binswanger der Produktionsprozess an. Und die Banken, die dem Unternehmer einen Kredit gewähren, schöpfen neues Geld, denn es wird kein Guthaben auf einem anderen Konto dadurch vermindert. Das neue Geld ist erst mal eine Zahl in der Bilanz verbunden mit der Hoffnung auf gewinnträchtige Rückzahlung in der Zukunft. Die Geldmenge wächst mit der Vergabe von Krediten. Das Wachstum des Geldes ist also keine Folge, sondern vielmehr eine Vorraussetzung des Wirtschaftswachstums.

Aus diesem Geldvorschuss resultiert für Binswanger ein Wachstumszwang: Die Gewinne, die die Unternehmen heute machten, müssten die Investitionen von gestern rechtfertigen. Heute ließen sich aber für alle nur Gewinne erzielen, wenn auch genügend Kaufkraft vorhanden sei, also müsse auch heute wieder neu investiert werden in zusätzliche Arbeitskraft oder höhere Löhne. Diese Investition rechne sich erst morgen, wo dann wieder investiert werden müsse. „Wachstum verlangt weiteres Wachstum“, heißt es bei Binswanger lapidar. Stabilität und Null-Wachstum seien nicht mehr möglich.

Für Aktiengesellschaften sieht Binswanger darüber hinaus noch einen weiteren Drang zum Wachstum: Die AG wolle den Wert ihrer Aktie permanent hoch halten, also schütte sie nicht allen Gewinn aus, sondern reinvestiere einen guten Teil wieder, um weiter zu wachsen. Der Wert der Aktie, die ja auch als Spekulationsobjekt gehandelt wird, sei dabei keineswegs nur durch den gegenwärtigen Wert des Unternehmens bestimmt, sondern auch durch die Hoffnung auf künftige Gewinne. „Aktien sind so viel wert, wie man erhofft daraus gewinnen zu können. Im Aktienwert kristallisiert sich die Summe aller künftigen Gewinne.“ Das bezieht sich nicht nur auf Aktien, sondern auch auf alle Finanzprodukte, mit denen spekuliert werden kann: „Wenn man mehr Geld verdienen kann, indem man spekuliert, wird das Geld eben nicht nur zur Produktion realer Güter, sondern vermehrt auch zur Spekulation verwendet. Man kauft Wertpapiere in der spekulativen Hoffnung, dass deren Wert steigt, und indem man sie kauft, trägt man zu ihrer Wertsteigerung bei. Dabei werden aber keine realen Werte geschaffen, die den steigenden Werten der Wertpapiere entsprechen.“ Die spekulative Hoffnung auf Gewinne lässt das Geldvolumen wachsen: Die, die Aktien halten, deren Wert steigt, haben damit auf dem Papier Geld aus dem Nichts – oder aus der kollektiven Hoffnung auf die Zukunft – gewonnen.

Die Wirtschaft in ihrer derzeitigen Verfassung führe zwangsläufig zu Blasen, so Binswanger, also zu einer Geldvermehrung, der kein realer Wert entspreche bzw. auch nicht in absehbarer Zeit entsprechen werde. Die Blasen platzten irgendwann oder sie führten zur Inflation, zur Verteuerung der Preise.

Das heißt, die permanente und unkontrollierte Geldvermehrung hat uns die Finanzkrise beschert. Von daher kann man natürlich die Frage stellen, ob das Einspringen des Staates als neuem Geldschöpfer durch schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme nicht tatsächlich die Austreibung des Teufels durch den Belzebub ist. So weit würde Binswanger nicht gehen.

In der Krise müsse der Staat wohl erst einmal eingreifen. Zwar ist das Geld, das durch Spekulationsverluste und fallende Aktienkurse vernichtet wurde, nur „fiktives Geld“, wie Binswanger sagen würde. Aber an diesem fiktiven Geld hängen auch Finanzierungen von großen Unternehmen mit zahlreichen Arbeitsplätzen.

Langfristig aber weisen Binswangers Analysen auf einen Weg, den Wachstumszwang und damit die Gefahr neuer Blasen zu reduzieren. Zwar meint Binswanger, das eine kapitalgetriebene Wirtschaft wegen des Wachstumszwanges immer etwas wachsen müsse. Aber in der Tat plädiert er für ein langsameres Wachstum, damit die ökologischen und sozialen Nebenwirkungen des Wachstums minimiert werden und die Wirtschaft krisenresistenter wird: Die Aktiengesellschaft sei keine Unternehmensform für die Zukunft; sie sei auf permanenten Gewinn ausgerichtet. Besser wäre es, sie durch Genossenschaften oder Stiftungen zu ersetzen. Eine Stiftung könne auf ein Ziel ausgerichtet werden; z.B. die Bereitstellung bestimmter Güter. Sie muss also alle Kosten einspielen, die zur Produktion von Gütern notwendig sind, aber sie muss nicht Renditen von 10 bis 15 Prozent erwirtschaften – für wen auch? Die Idee hat in der Tat etwas verführerisches, wenn man bedenkt, wie stark die Arbeitnehmerposition – in vielen Branchen gab es Reallohnverluste – durch die gestiegenen Renditeerwartungen der letzten Jahrzehnte unter Druck geraten ist.

Aber Binswanger will noch grundsätzlicher dem Wachstum an die Wurzel, also an die Geldschöpfung, gehen. Binswager verweist auf die Idee des Vollgeldes, die in jüngerer Zeit von dem Soziologen Joseph Huber aus Halle ausgearbeitet worden ist: Nach dem Vollgeldmodell wird das Buchgeld zu Vollgeld erklärt; das heißt, es ist per definitionem dem Zentralbankgeld und den Banknoten gleichgestellt. Geld schöpfen, also die Menge des Geldes vermehren, soll demnach nur noch die Zentralbank. Das heißt, die privaten Geschäftsbanken müssten, bevor sie einen Kredit vergeben könnten, entweder Einlagen von Sparern haben oder sich Geld bei der Zentralbank leihen, dass sie dann als Kredit ausgeben könnten. Jeder Kredit wäre dann zu 100 Prozent durch Spareinlagen oder Kreditgewährung der Zentralbank ermöglicht. Die Zentralbank schöpft weiterhin Geld aus dem Nichts, aber sie behält nach dieser Idee die Kontrolle über die Geldmenge, die im Umlauf ist.

Nun ist aber die Frage, wie die Zentralbank nach diesem Modell die Kreditvergabe gestaltet: Gäbe sie genauso viel Kredite aus, wie die Banken anforderten, dann würde das Wachstum kaum gebremst. Joseph Huber ist auch nicht sicher, ob sein Modell wirklich als Wachstumsbremse wirkt. Binswanger setzt schon darauf. Vorstellbar ist in der Tat, dass die Zentralbank die Geldmenge durch restriktive Vergabe von Krediten begrenzen würde. Aber nach welchen Kriterien täte sie das? Wäre sie dann nicht eine übermächtige wirtschaftliche Planungsbehörde? Binswanger, dem man keine sozialistischen Neigungen nachsagen kann, bleibt gelassen: Jetzt würden die Privatbanken planen, wem sie wieviel Kredit gewähren. Wenn dies eine Zentralbank täte nach transparenten Kriterien, müsse das kein Nachteil sein.

Die Tauglichkeit der Lösungsideen von Binswanger sind sicher noch intensiv zu prüfen. Wenn man sich aber seiner Diagnose stellt, dann ist es in der Tat so, dass die jetzige Politik des Geld-ins-System-Pumpens bereits die nächste Krise am Horizont aufscheinen lässt.

Hans Christoph Binswanger, Die Wachstumsspirale. Geld, Energie und Imagination in der Dynamik des Marktprozesses, Metropolis-Verlag Marburg 2006.


Stichworte:
Banken, Finanzkrise, Geld

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