Kermani continues...

Die Kirchenmänner ändern ihre Meinung.

Ein Skandal war es: Da sollten vier Leute um Ihre Verdienste für den interreligiösen Dialog ausgezeichnet werden und zwei der Beteiligten weigerten sich mit dem vierten zusammen ausgezeichnet zu werden. So geschehen bei der Posse um den Hessischen Kulturpreis: Die Kirchenmänner Peter Steinacker und Karl Lehmann wollten nicht zusammen mit dem muslimischen Schriftsteller Navid Kermani ausgezeichnet werden, weil der in einem Zeitungstext das christliche Symbol des Kreuzes als Gotteslästerung bezeichnet hatte. Daraufhin wurde erst Kermani der Kulturpreis wieder aberkannt und nach dem einsetzenden Proteststurm dann die ganze Preisverleihung in den Herbst verschoben.
Es sollte nun der Dialog unter den Preisträgern stattfinden, um den sich die Preisträger ja angeblich verdient gemacht hätten. Gestern gab es das Gespräch zwischen den vier Preisträgern, über dessen Inhalt Stillschweigen vereinbart wurde. Am Ende aber stand die Erklärung der drei Preisträger Salomon Korn, Peter Steinacker und Karl Lehmann, dass Kermani mit Ihnen zusammen den Hessischen Kulturpreis bekommen soll.

Nein, einen Fehler auf seiner Seite konnte er nicht entdecken, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, als er diese Woche von der Frankfurter Rundschau gefragt wurde, ob er bei der Kontroverse um Navid Kermani alles richtig gemacht habe. Vielmehr hat Lehmann sich einmal mehr beklagt, wie ungerecht alle über ihn hergefallen seien, als er damals zusammen mit seinem evangelischen Kollegen Peter Steinacker erklärt hatte, dass er keinesfalls mit Kermani zusammen den Hessischen Kulturpreis annehmen könne. Das verbiete ihm alles, was er in den letzten 50 Jahren gesagt und getan habe, so Lehmann damals in einen Brief an Ministerpräsidenten Roland Koch.

Das, was Lehmann in einem halben Jahrhundert gesagt und getan hat, war nun doch nicht derart grundsätzlich, dass er nicht in zwei Stunden zu einer anderen Einschätzung kommen konnte: Wie ist der Sinneswandel zu erklären? Nun, die wenig wohlwollende Erklärung geht dahin, dass den Kardinal beide Male nicht tief theologische Bedenken bewegt haben, sondern vielmehr Ängste und Sorgen ob der öffentlichen Wahrnehmung: Lehmann erklärte selber, dass er sich schon höhnische Bildunterschriften habe ausmalen können, wenn er „möglicherweise noch im Bischofsgewand“ neben Navid Kermani den Preis entgegengenommen hätte. Dann hätten die Konservativen sofort geschrieben, dass Navid Kermani das christliche Kreuz rundherum ablehne und hätten den braven Kirchenmann neben ihm gescholten. Davor hatte Lehmann also Angst.

Nun musste er aber bemerken, dass seine Ablehnung mit Kermani ausgezeichnet zu werden zu viel größerem Protest geführt hat, als jede verfängliche Bildunterschrift es hätte tun können: Die Liberalen waren von ihrem vermeintlich liberalen Kardinal enttäuscht und die Konservativen ließen es sich trotzdem nicht nehmen und hauten auch auf Lehmann drauf. Also Kurskorrektur aus Opportunismus?

Man kann aber den Wandel auch höflicher interpretieren und damit etwas Sinn aus der sinnlosen Affäre ziehen: In seiner kürzlich gehaltenen Vorlesung über den interreligiösen Dialog meinte Lehmann, dass es beim Gespräch zwischen Religionsvertretern nicht zuerst ums Argumentieren ginge. Die spezifische Redeform des Religionsdialoges sei wohl das „Zeugnis“, also das persönliche Bekennen dessen, was einem selber heilig geworden ist, eine Mischung aus Argumentation und Selbstoffenbarung. Das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Zeugnisse sei riskant, so Lehmann, aber auch bereichernd. Hat Lehmann sich hier selber eine Brücke gebaut zum Verständnis von Kermanis inkriminiertem Text? Dort hatte Kermani ja in der Tat sehr persönlich über sein Verhältnis zum Kreuz der Christen geschrieben. Weil es bei der Religion immer auch um die eigene Identität geht, ist das Verletzungsrisiko groß. Es kommt im Dialog auf Offenheit an für die ungeschönte Selbstoffenbarung eines ganz Anderen. Das wäre eine bleibende Erkenntnis der missglückten Preisverleihung.

Ob sie nun doch noch zustande kommt? Nach dem positiven Votum der Preisträger zu Kermani liegt der Ball im Feld des Kuratoriums des Kulturpreises: Das muss nun entscheiden, ob – und mit welcher Begründung – es Kermani wieder für preiswürdig erklärt. Den letzten Satz in der Affäre hat sich Kermani geschickt für sich reserviert. Er kann dann annehmen oder ablehnen.

WDR 3 Mosaik / 29.8.2009


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