Die Evangelische Kirche zum Afghanistan-Krieg - Bitte wegtreten!

Über die Stellungnahme der EKD vom 25. Januar

»Nichts ist gut in Afghanistan.« Ein in der Tat missverständlicher Satz aus der Neujahrspredigt von Margot Käßmann hat für Wirbel gesorgt. Die einen unterstellten ihr, sie habe den sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan gefordert und scholten sie dafür. Das hat sie freilich nie gesagt. Die anderen freuten sich über eine Bischöfin, die endlich mal wieder klar gegen den Krieg Stellung bezieht. Allein die Bischöfin selbst war baß erstaunt über die heftigen Reaktionen, die ihre erbauliche Predigt zum neuen Jahr ausgelöst hat. Habe sie doch nichts Revolutionäres sagen wollen, sondern nur das, was die Evangelische Kirche in Deutschland immer schon zu Krieg und Frieden gesagt habe.

Und was ist das, die kirchliche Botschaft zu Krieg und Frieden? Nun man kann sagen, dass das ein entschiedenes Sowohl-als-Auch ist. Oder anders gesagt: Man hat große Bedenken im Generellen und noch größere Ratlosigkeit im Speziellen. Ein neues Dokument dieser Haltung ist nun das Papier, das Margot Käßmann, ihr Stellvertreter im Ratvorsitz der EKD, Nikolaus Schneider, der Militärbischof Martin Dutzmann und der Friedensbeauftragte des Rates der EKD, Renke Brahms, hastig zusammen gestellt haben. Es wurde am Montag der Öffentlichkeit präsentiert – sei es um die missverständlichen Worte der Bischöfin zu präzisieren, sei es um das Medieninteresse zu nutzen, mal wieder was zu den großen Themen der Politik zu sagen.

Das schüttere Papier vom Montag markiert aber leider nur, dass die Kirche, die seit acht Jahren mit ihren Militärgeistlichen am Krieg in Afghanistan beteiligt ist, sich bisher nicht klar darüber Rechenschaft abgelegt hat, ob dieser Einsatz nach christlichen Grundsätzen nun gerechtfertigt ist oder nicht. Zwar hat die EKD im Jahr 2007 eine 130-seitige Denkschrift verfasst mit dem Titel »Gerechter Friede« und dort auch Kriterien genannt, nach denen »rechtserhaltende Gewalt« gerechtfertigt sein kann. Diese Kriterien sind im Wesentlichen die Kriterien aus der alten Lehre vom gerechten Krieg, also wahrlich nichts Neues: Es muss einen gerechten Grund zum Krieg geben, eine legitime Autorität muss ihn führen – mit der richtigen Intention. Der Krieg darf nur als ultima ratio, als letztes Mittel, eingesetzt werden, und er muss die Verhältnismäßigkeit der Mittel und Folgen beachten – darf also nicht mehr Leid verursachen, als er zu verhindern vorgibt. So weit so gut – und so bekannt.

Was aber Not täte, wäre nun, diese Kriterien auf den konkreten Fall des Afghanistan-Krieges anzuwenden. Das aber tat die Denkschrift nicht, und damit haben auch die vier EKD-Vordenker ihre Schwierigkeiten, wie sie in dem Papier vom Montag zugeben: »Wir sehen gegenwärtig nicht, dass der Einsatz anhand der friedensethischen Kriterien eindeutig gebilligt oder abgelehnt werden könnte.« Es wird keiner behaupten, dass so eine Beurteilung leicht sei, aber warum versuchen die vier nicht mal die Wirklichkeit des Krieges anhand der erarbeiteten Kriterien zu beschreiben? Hat das noch niemand im Raum der Kirche getan? Stattdessen bieten die vier Geistlichen gute Ratschläge, die grad überall auf dem Markt sind: Dass die zivilen Anstrengungen verstärkt werden müssten, ja Vorrang haben sollten vor den militärischen Mitteln und dass man eine klare Strategie und ein politisches Ziel haben müsse. Das sagen in diesen Tagen auch die, die den Kriegseinsatz in Afghanistan zu verantworten haben, und sie nennen es Strategiewechsel.

Wer nach der Neujahrspredigt von Margot Käßmann einen wichtigen und originellen Beitrag der Kirchen zum Thema Krieg in Afghanistan erwartet hatte – und solch ein Beitrag wäre notwendig – der sieht sich nun enttäuscht. Die Evangelische Kirche ist mit ihrer Stellungnahmen zum Krieg in Afghanistan wieder da gelandet, wo sie vor der Neujahrspredigt von Margot Käßmann auch schon stand: Im Mainstream der bundesrepublikanischen Eliten.

WDR 5 Diesseits von Eden / 31.1.2010


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