Geht Wachstum auch linksrum?

Bedeutet links zu sein für oder gegen Wachstum zu sein?

Eine Lehre aus der Finanzkrise schien zunächst zu sein - zumindest für die, die sich als links verstehen - dass es mit dem Wirtschaftswachstum nicht mehr so weitergehen könne wie bisher. Jedenfalls ist das Thema Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren vermehrt kritisch diskutiert worden.

"Es gibt ein sehr weit verbreitetes Unbehagen in der Bevölkerung, dass die Versprechen, die mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden waren, nämlich dass es einen sozialen Ausgleich gibt, dass wir Vollbeschäftigung haben werden, dass wir unsere Umweltprobleme damit lösen werden, dass diese Versprechungen nicht mehr geglaubt werden, weil sie sich de facto als Illusion erwiesen haben."


So die Ehrenvorsitzende des BUND, Angelika Zahrnt, die die Idee einer Postwachstums-Ökonomie propagiert. Kaum ein Jahr später aber ruhen die Hoffnungen derer, die sich links von der Mitte wähnen, auf dem französischen Präsidenten Francois Hollande, der wieder das Wachstum in Europa fördern möchte, damit die notleidenden Volkswirtschaften nicht unter Merkels Regie totgespart werden: "Die Herausforderung ist es, wieder Energie in den Wachstumsmotor zu geben."

Also, was jetzt? War das mit den Postwachstums-Überlegungen nur so lange gut, wie es theoretisch war, aber wenn es den Griechen und anderen Südeuropäern an den Kragen geht, dann hilft halt nur das gute alte Wirtschaftswachstum?
Vielleicht helfen ein paar Grundlagen: Den Kapitalismus zeichnet es aus, dass Geldvermögen als Kapitalinvestition verwendet werden  und sich darüber vermehren, wie der Tübinger Wirtschaftssoziologe Christoph Deutschmann erklärt:

"Die Kehrseite von Vermögen sind aber immer die Schulden. Und das System funktioniert nur so, dass immer neue Schulden erzeugt werden. Und wir kommen aus diesen Schulden nie heraus. Kapitalistisches Wachstum heißt immer auch Verschuldung."

Wenn man sein Geld zur Bank trägt, um es zu vermehren, dann muss jemand mit dem Geld arbeiten, also einen Kredit aufnehmen und sich verschulden – seien das Privatpersonen, Unternehmen oder Staaten. Das heißt umgekehrt, bezogen auf die aktuelle Situation in Europa: Weil viele Länder sich im Zuge der Finanzkrise enorm verschuldet haben, konnten die Vermögen weiter wachsen, nach dem viele andere Schuldner in der Krise ausgefallen waren. Banken und Anleger kassieren schließlich Zinsen, besonders von Staaten mit schlechter Bonität. Aber Geldvermögen sind erstmal nur Ansprüche auf Werte. Dazu nochmal Christoph Deutschmann:

"Ansprüche müssen ja eingelöst werden. Und die Einlösung dieser Ansprüche ist eben Sache der Anderen, die nur ihre Arbeitskraft haben." Durch Arbeit und Naturverbrauch müssen irgendwann mal Güter beigebracht werden, die den wachsenden Geldvermögen entsprechen. Nun kommt zusammen, was zusammen gehört, aber nicht von allen Protagonisten des Postwachstums gesehen wird: Wer von weniger Wirtschaftswachstum redet, der kann vom scheinbar virtuellen Geldwachstum nicht schweigen, denn letzteres fordert irgendwann ersteres ein. Oder?

"Renditen und Wachstum, das sind zwei verschiedene Dinge. Renditen kann man durch Wachstum erzielen, aber Renditen kann man auch schlicht durch Umverteilung erzielen, in dem man auf einem gegebenen Niveau einfach den anderen in die Tasche greift."

Man kann also auch Staatsausgaben sparen, damit die Vermögensforderungen bedient werden. Dann muss man den Leuten viele gewohnte Leistungen wegnehmen. Da wäre Wirtschaftswachstum, könnte man argumentieren, doch der menschenfreundlichere Weg der Vermögenssicherung. Aber es wäre eben nur das: Ein Weg der Vermögenssicherung für die, die an steigenden Zinsen für Staatsanleihen prächtig verdient haben. Dass sich mit Wachstum Verteilungsfragen lösen lassen, gehört zu den eingangs erwähnten Illusionen.

Leitstern einer linken Politik sollte es vielmehr sein, die ständig steigenden Vermögen zu reduzieren. Also: Schulden streichen, Vermögen besteuern und Spekulation stark einschränken oder verbieten. Weniger Geldansprüche bedeuten nämlich weniger Zwang zum Wirtschaftswachstum, weniger Ressourcenverbrauch und weniger Umverteilung von den Arbeitenden zu den Vermögenden. That's left.

WDR 5 Politikum / 13.6.2012


Stichworte:
Europa, Geld, Kapital, Wachstum

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