Mit Kleingeld Kapitalismus lernen.
Zum Freidensnobelpreis am Muhammad Yunus und seine Grameen Bank.
Am Sonntag (10.12.) wird der Friedennobelpreis verliehen zu gleichen Teilen an Muhammad Yunus und die von ihm gegründete Grameen Bank – zu deutsch: Dörfer-Bank. Die Bank versorgt 6.74 Million Kreditnehmer, 97 Prozent davon sind Frauen, mit Kleinkrediten. Mit 2259 Filialen in 72,833 Dörfern ist die Grameen Bank nicht nur ein wichtiges Instrument in der Entwicklung des ländlichen Bangladesh, sondern auch zu einem Modell für die Entwicklungshilfe weltweit geworden – bis zur milliardenschweren Bill and Melinda Gates - Foundation kommt kaum eine Entwicklungsorganisation noch ohne ein Programm für Kleinkredite aus. Trotzdem etwas Wasser in den Sekt den Preisträgers:
Muhammad Yunus und seine Grameen-Bank haben überall auf der Welt Nachahmer gefunden. Mikrokredite sind gerade eine der herrschenden Moden in der Entwicklungsszene – und die Verleihung des Friedensnobelpreises, so kann man vermuten, wird diesen Trend noch weiter unterstützen. Für den Trend gibt es gute Gründe: Mikrokredite haben vielen Familien aus der Armut geholfen und die Position von Frauen gestärkt.
Aber ob das kleine Geld für viele tausend Ich-AGs wirklich die Wunderwaffe im Kampf gegen Armut ist, da wurden Zweifel angemeldet – zum Beispiel aus Indien: Die engagierte Sozialwissenschaftlerin Srilatha Batliwala beschrieb kürzlich zusammen mit Deepa Dhanraj das District Poverty Initiatives Project. Diese staatliche Entwicklungsprojekt wurde im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh 1999 mit immerhin 553 Millionen US-Dollar gestartet: Eine der Hauptkomponenten des Projektes war die Kreditvergabe an Frauen, die in Selbsthilfegruppen organisiert waren – Trainings in Buchhaltung und Finanzdienstleistungen inklusive. Viele der neuen selbständigen Frauen sammelten Tamarinden; hatten aber beim Verkauf der Sauerdatteln zu wenig Verhandlungsmacht und bekamen schlechte Preise gezahlt. Sie wurden gedrängt neue Kredite aufzunehmen. Die Arbeitsbelastung stieg dramatisch, um all die Schulden abzuzahlen. Trotzdem: Nach dem Umsatz, den die Frauen erwirtschafteten, galt das Projekt als erfolgreich. Wenn man aber in Rechnung stellt, wie viel die Frauen dafür arbeiteten, erhielt keine einzige von ihnen auch nur den in Indien geltenden Mindestlohn.
Schlimmer noch: Nun waren die Frauen in den Augen der Projektleiter ja für ihr eigenes Glück selbst verantwortlich, so dass der Staat sich weiter zurückziehen konnte – Investitionen in Infrastruktur wie Energie- und Wasserversorgung blieben ebenso aus, wie staatliche Sorge um Kinderbetreuung. Die politischen Bewegungen der Armen, die Land und Mindestlöhne einforderten, wurden geschwächt, da die neuen Unternehmerinnen dafür keine Zeit mehr hatten. Und schließendlich: die Ärmsten unter den Frauen wurden ohnehin nicht mit dem Projekt erreicht, weil sie die Mitgliedsbeiträge in den Selbsthilfegruppen nicht zahlen konnten.
Ist das in Andhra Pradesh alles nur dumm gelaufen oder kann man aus dem Beispiel lernen? Auch in Bangladesh, dem Heimatland der Grameen Bank, wurde das ärmste Viertel der Bevölkerung von den Kleinkrediten nicht erreicht – es eignet sich nicht jede Frau zur Kleinunternehmerin. Und: fraglich ist auch, ob das Leitbild Kleinunternehmerin wirklich eines ist, das zur Emanzipation von Frauen beiträgt. Dann ist jedefrau und jedermann letztlich seines eigenen Glückes Schmied. Das kollektive Eintreten für gerechte Verteilung der Güter des Landes wird durch ein neues Paradigma ersetzt: Statt Verteilungsgerechtigkeit bestenfalls Beteiligungsgerechtigkeit; oder: „Bereitstellung von Verwirklichungschancen“. Über solche Selbstverwirklicher freuen sich die Banken im Westen. Denn inzwischen loben kommerzielle Banken die Basisarbeit, die Entwicklungsorganisationen im Bereich Mikrofinanzwesen geleistet haben. Sie satteln auf die Arbeit der Entwicklungshelfer auf und geben ihrerseits Geld an Mikrokreditbanken – so zum Beispiel der responsability Global Microfinance Fund von der Credit Suisse und anderen Schweizer Banken. Dort werden mit Einlagen bei Mikrokreditinstitutionen Renditen bis zu 5 Prozent erwirtschaftet; das ist noch nicht viel, aber die Tendenz ist steigend und die Aussichten sind gut: Das Zinsniveau ist in den meisten Entwicklungsländern hoch und der ausstehende Bedarf nach Kleinkrediten wird auf weltweit jährlich 50 Milliarden US-Dollar geschätzt. Das Image des sozialen Unternehmertums gibt es gratis dazu. Die Grameen Bank von Muhammad Yunus ist zu 90 Prozent im Besitz ihrer Kreditnehmerinnen, das kann man mit etwas guten Willen noch als Selbsthilfeprojekt betrachten. Anders wenn das Geld von außen kommt, dann wandert der Gewinn auch wieder dorthin zurück.
Für die westlichen Baken geht es um die Ausweitung der Marktzone – freilich mit menschlichem Angesicht. Der freie Markt soll den Kleinunternehmerinnen schließendlich doch zum Segen werden. Dabei wird der freie Markt weiter Gewinner und Verlierer produzieren. Wer bei den Kleinkrediten zu den Verlieren gehören wird, das ist im Einzelfall noch nicht ausgemacht – das Lehrstück aus Andhra Pradesh mahnt zu genauem Hinschauen. Eine Gruppe von Gewinnern steht aber schon fest: Nämlich die ethischen Investierer im Westen, die Ihr Geld in Mikrofinanz-Fonds anlegen: Die geben nämlich ihr Geld in Entwicklungsländer und bekommen mehr Geld zurück.
WDR 3 Tageszeichen / 8.12.2007




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