Kamele im Nadelöhr.

Zur Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland über Armut.

Die Kirche sieht sich gerne als „Anwalt der Armen“. Und da die Evangelische Kirche in Deutschland für die Armen reden will, redet sie über Hartz IV. Das ist richtig, denn Arbeitslosengeld II ist das, was man bekommt, wenn man sonst nichts bekommt in Deutschland. Anders als Jürgen Gohde, der kürzlich zurückgetretne Präsident des Diakonischen Werkes, und anders als die Lautsprecher bei Sabine Christiansen finden die Kirchenexperten nicht, dass die Arbeitslosengeld II – Empfänger zuviel bekommen. Und wenn die inzwischen Arbeitslosengeld genannte Sozialhilfe fast so hoch ist wie manche schlechtbezahlte Arbeit könne man ja einen Mindestlohn einführen, der die unteren Gehälter anhebt. So weit so gut.


Eigentlich aber sollte es bei Hartz IV ja nicht um dauerhafte Alimentierung gehen sondern um – richtig Sie erinnern sich – fördern und fordern. Und da könnte die Kirche was erzählen, denn in NRW ist die evangelische Diakonie einer der größten Anbieter von 1-Euro-Jobs. Ihre Erfahrungen mit dem Fördern und Fordern berichtet uns die Kirche in der Denkschrift aber nicht, vermutlich müsste man da zuviel erzählen, was da gar nicht hingehört. Nämlich dass die Verantwortlichen in der Diakonie wissen, dass mit 1-Euro-Jobs keine neuen Arbeitsplätze entstehen. Man habe damals mitmachen müssen, kann man hinter vorgehaltener Hand hören, weil die katholische Caritas der damaligen Bundesregierung signalisiert habe, dass sie mitmache. Und wenn die evangelische Diakonie da nicht gleichgezogen hätte, dann hätte die Caritas ihre Pflegeheime und sonstigen Einrichtungen mit dem 1-Euro-Jobbern viel günstiger betreiben können als die Diakonie. Was natürlich nicht heißen soll, dass reguläre Arbeitsplätze verdrängt worden seien.

Man könnte beim Thema Armut also nicht nur von der kirchlichen Mithilfe an Verarmungsprozessen reden, man könnte auch von Reichtum reden, der meist dort auftaucht, wo es auch Armut gibt. Die Autoren der Denkschrift finden das im Prinzip auch, meinen aber, dass sie das im speziellen Fall mal außen vor lassen können. Das rächt sich: Denn um den Menschen die Sache mit der Globalisierung zu erklären, müsste man von gestiegenen Renditeerwartungen reden, davon dass das Kapital sich besser vermehren kann, wenn es dahin geht, wo man den Arbeitern weniger Geld zahlt. Für die Denkschriftler aber geht es bei der Arbeitsplatzverlagerung um eine ausgleichende Gerechtigkeit: Jetzt dürfen mal die Menschen in den Entwicklungsländern zur Abwechslung arbeiten. Auf die Armutsbekämpfung – darunter wird auch die wirtschaftliche Tätigkeit von globalen Unternehmen in Entwicklungsländern gerechnet – möchte der deutsche Arbeiter bitte nicht scheel und neidisch blicken. Der deutsche Arbeiter braucht mehr Bildung, dann kann er auch mehr Gewinn abwerfen.

Dass die Denkschrift den Reichtum beschweigt, ist befremdlich, denn erstens gibt es in der Heiligen Schrift der Christen eine deutliche Reichtumskritik. Wenn die Güter der Welt begrenzt sind, dann gehörten der Mangel der einen und der Überfluss der anderen zusammen. Dem Reichen Mann wird das Elend des armen Lazarus zur Last gelegt.

Befremdlich ist das Schweigen über Reichtum auch deswegen, weil verschiedene Einrichtungen der evangelischen Kirche in Hessen-Nassau schon 2002 einen Bericht über Armut und Reichtum in Deutschland vorgelegt haben. Daran hätte man anknüpfen können. Dass aber hätte den Mut vorausgesetzt, auch das Selbstverständnis der eigenen Basis zu hinterfragen, denn das in der Kirche engagierte Milieu – das sagt die EKD-Denkschrift mit erfreulicher Deutlichkeit – rekrutiert sich überwiegend aus der wohlhabenden Mittelschicht. Kurz: Die Kirchen in Deutschland sind keine Kirchen der Armen. Dass sie das nicht sind, ist ein soziologisches Faktum, und ihnen erstmal nicht zur Last zu legen. Die Offiziellen der Kirche aber, die nur sehr vereinzelt in der Lage sind die Perspektive der Armen einzunehmen, zeigen einmal mehr, dass leider doch das Sein das Bewusstsein bestimmt. 

WDR 3 Tageszeichen / 11.7.2006


Stichworte:
Evangelische Kirche, Geld

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